Im Interview: Peter Gaymann Der Cartoonist, dem die Frauen vertrauen

Üblicherweise werden Postkarten zu 80 Prozent von Frauen gekauft - bei ihm sind es 100 Prozent: Peter Gaymann über den Hunger auf Hühner und Humor.

Interview: L. Checchin

"Das ist keine Tätowierung - das ist ein Muttermal!", sagt das Schwein, als seine Freundin, das Huhn, die Aufschrift "Anna" in einem Herz auf seinem Rücken entdeckt. Das ist der Humor von Peter Gaymann. Und der seiner weiblichen Fans, die seine populären Hühnercartoons verschlingen oder die "Paar-Probleme", die seit 20 Jahren Brigitte-Leserinnen zum Schmunzeln bringen. Nun ist Peter Gaymann 60 Jahre alt geworden und zu diesem Anlass beglückt er sein Publikum mit einem Jubiläumsband (Der große Gaymann, Mosaik bei Goldmann, 18 Euro) und einer Ausstellung seiner Werke im Bilderbuch-Museum Burg Wissem. Ein Gespräch über Humor, das Zeichnen und die Kunst, das Unveränderliche zu akzeptieren.

"Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Hühner witziger waren als meine anderen Tierzeichnungen", sagt Peter Gaymann. Trotzdem wurden sie zu seinem Markenzeichen.

(Foto: Simin Kianmehr/Mosaik bei Goldmann)

sueddeutsche.de: Herr Gaymann, was bringt Sie zum Lachen?

Peter Gaymann: Das ist nicht einfach. Wenn man berufsmäßig Humor erarbeiten muss, kennt man die Tricks, die Finten und die Klischees. Es muss überraschend sein, eine verrückte, unerhörte Idee oder ein Gefälle zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das Lachen kommt aus dem Bauch, da muss irgendeine Explosion stattfinden, die schwer zu erklären ist.

sueddeutsche.de: Hat sich der Humor der Deutschen verändert?

Gaymann: Das ist schwer zu sagen. In den Achtzigern war das Cartoon sehr groß und die Leute waren hungrig nach gezeichnetem Humor. In den letzten Jahren haben sich die Comedians sehr breit gemacht und das Cartoon teilweise verdrängt. Das finde ich aber nicht unbedingt schlimm, es war auch viel Schlechtes dabei.

sueddeutsche.de: Können Sie sich daran erinnern, wann Sie wussten: Jetzt will ich Zeichner werden?

Gaymann: Als Kind war ich oft krank und musste das Bett hüten. Damals habe ich angefangen, im Bett zu zeichnen und Geschichten zu erfinden, weil ich ja nichts anderes machen konnte. Ich weiß noch, dass ich einmal, als ich in einer Zeitschrift herumblätterte, ein Foto von einem Künstleratelier sah und dachte, es sei doch schön, wenn man so arbeiten könne. Ich wusste allerdings nicht, wie man das anstellt: Maler werden. In meinem Elternhaus gab es kaum Bücher oder Kunstbilder.

sueddeutsche.de: Und wie haben Sie es dann trotzdem geschafft?

Gaymann: Über Umwege. Ich habe zunächst nicht Kunst, sondern Sozialwesen studiert. Nach dem Abschluss gab ich mir einen Ruck und sagte: Jetzt nimmst du dir zwei Jahre Zeit und probierst es mal mit der Kunst. Da war noch nicht mal klar, dass es wirklich in die humoristische Richtung geht. Dann entdeckte ich Cartoonbänder von Tomi Ungerer, Paul Flora, Chaval oder Bosc und fand diese Verbindung von kreativen, literarischen und handwerklichen Fertigkeiten, die man als Cartoonzeichner braucht, sehr reizvoll.

sueddeutsche.de: Ihre Zeichnungen erkennt man auf den ersten Blick - wie haben Sie Ihren Zeichenstil entwickelt?

Gaymann: Man entwickelt seinen Strich im Laufe der Jahre. Anfänglich zeichnete ich ganz rudimentäre, lineare Strichzeichnungen à la Ungerer. Ich habe mich gewundert, als mir zum ersten Mal jemand sagte, er erkenne meine Zeichnungen sofort. Das ist ja das Ziel eines jeden Malers, einen eigenen Duktus zu entwickeln. Ich versuche, möglichst feine, leichte, flüssige Zeichnungen zu machen. Die Figuren sollen nicht zu platt oder stereotyp wirken. Selbst die Hühnerfiguren sind ganz unterschiedlich.

sueddeutsche.de: Mit den Hühnercartoons wurden Sie einem größeren Publikum bekannt - wie kamen Sie ausgerechnet auf Hühner?

Gaymann: Das war eher ein Zufall. Ende der siebziger Jahre arbeitete ich an einer Serie für die Badische Zeitung, die "Gaymanns tierische Blätter" hieß. Da habe ich alle möglichen Tiere gemalt, unter anderem eben auch Hühner. Das merkwürdige war nur, dass die Hühner ohne mein Zutun eine ganz eigene Karriere hingelegt haben. Das Publikum reagierte stärker auf sie als auf alles andere.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie sich das?

Gaymann: Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Hühner witziger waren als meine anderen Tierzeichnungen. Jemand meinte einmal, es könne daran liegen, dass es viele Parallelen zur menschlichen Welt gibt: Hühner leben auch in Gemeinschaften, es gibt Hierarchien und Hackordnungen. Es bleibt aber ein Geheimnis. Haben Sie eine Idee?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Frauen nicht beleidigt sind, wenn man sie als Huhn abbildet.

Der Hühnerflüsterer

mehr...

sueddeutsche.de: Nein, ich wundere mich nur, dass Frauen nicht beleidigt zu sein scheinen, wenn sie sich als Huhn gezeichnet sehen.

Gaymann: Im Gegenteil. Wenn ich anfangs so etwas gemalt habe wie drei Hühner, die auf dem Boden liegen und sagen "alle Männer sind Schweine", dann haben mich die Männer darauf angesprochen und gefragt, ob das nicht frauenfeindlich sei. Aber zum einen habe ich es natürlich nicht so gemeint und zum anderen haben die Frauen immer positiv reagiert. Erst vor einigen Wochen hat mir der Chef des Verlags, der meine Postkarten vertreibt, erzählt, dass es normalerweise zu 80 Prozent Frauen sind, die Postkarten kauften - bei mir seien es 100 Prozent.

sueddeutsche.de: Vielleicht können Frauen doch besser über sich lachen, als man ihnen nachsagt ...

Gaymann: Mein Humor ist vielleicht auch nicht so derb wie der mancher Kollegen. Ich habe eher versucht, einen abstruseren Ansatz zu wählen, ein bisschen um die Ecke gedacht, aber nicht beleidigend oder provozierend.

sueddeutsche.de: Stört es Sie nicht, dass Sie bei den meisten als der "Hühnerzeichner" gelten?

Gaymann: Mittlerweile nicht mehr. Man wird altersmilde. Im Grunde ist es gut, Loriot erkennt auch jeder an seinen Knubbelnasen. Trotzdem hatte ich eine Zeitlang die Schnauze voll und dachte: Nie mehr Hühner. Ich hatte dann die blöde Idee, mit einem Fotografen und einem badischen Sternekoch ein Geflügelkochbuch zu veröffentlichen, also die Hühner sozusagen in die Pfanne zu hauen. Doch dieses Kochbuch war auch ein großer Erfolg und alle redeten wieder von den Hühnern. Das wird man einfach nicht mehr los und da ist es besser, es einfach zu akzeptieren.

sueddeutsche.de: Erkennen sich Menschen generell besser in Tiercartoons wieder als in Menschencartoons?

Gaymann: Die Leute erkennen sich in beiden Formen. Wenn man Menschen zeichnet, kommt es aber vor, dass jemand sagt: So sehe ich doch gar nicht aus. Tiere dagegen sind ein neutraleres Medium, sie sind allgemeingültig und die Menschen schauen sofort auf den Inhalt des Comics. Bei Ausstellungen werden deshalb Tiercartoons meistens schneller verkauft.

sueddeutsche.de: Ist es nicht schwierig, sich nach so vielen Jahren als Cartoonzeichner immer noch etwas Neues einfallen zu lassen?

Gaymann: Nein, im Gegenteil. Einfälle habe ich immer. Aber es muss ja auch alles ausgearbeitet und aquarelliert werden.

sueddeutsche.de: Wo nehmen Sie Ihre Ideen her?

Gaymann: Ich beobachte viel und versuche, mich in Figuren hineinzuversetzen. Manchmal lasse ich mich auch einfach durch ein Bild inspirieren. Es gibt ein Cartoon aus der Anfangszeit, auf dem ein Elefant auf einem sehr dünnen Ast sitzt und zwei Hühner, die unter dem Baum stehen, sagen: "Ich denke, es ist eine Frage der Atemtechnik." Dabei habe ich den Elefanten zuerst auch einfach auf den Ast gesetzt, weil es witzig aussah. Dann habe ich, genau wie die Hühner auf dem Bild, lange überlegt, warum er da oben sitzt und was man dazu sagen könnte, bis mir dann irgendwann dieser Spruch eingefallen ist.

sueddeutsche.de: Wenn Sie sich für einen Cartoon entscheiden müssten, der so etwas wie ein übergreifendes Motto Ihres Werkes darstellt, welcher wäre das?

Gaymann: Das ist zu schwer. Man sucht ja immer nach so einem Bild. Gerhard Richter hat mal gesagt, bei jedem Gemälde, das er neu anfange, glaube er, es werde das ultimative Bild. Und wenn er dann fertig sei, sei es doch wieder einfach nur ein weiteres Bild. Man sucht nach der perfekten Zeichnung, einem Dreiklang aus Farbe, Form und Witz. Wenn sie dann auf dem Fußboden fertig daliegt, denke ich: Na schön, mal gucken, ob es jemand gut findet.

sueddeutsche.de: Haben Sie, was Ihre Kunst angeht, ein Wunschprojekt, das Sie noch gerne realisieren würden?

Gaymann: Ein bisschen mehr Platz für meine freien Arbeiten, meine Aquarelle, Collagen und Fotos, würde ich mir wünschen. Ich habe jetzt viele Jahre freischaffend gearbeitet und genauso wie komödiantische Schauspieler Lust haben, mal eine ernste Rolle zu spielen, so will man als Humorist auch mal etwas Ernstes zeichnen. Wenn ich bei einem Verlag versuche, meine freie Arbeiten unterzubringen, kommt allerdings immer der Satz: "Können Sie nicht wenigstens auf dem Titelbild ein Huhn malen?" Aber ich hoffe immer noch darauf, dass es einmal klappt.

sueddeutsche.de: Letzte Frage: Welches Tier würden Sie in Ihrem nächsten Leben lieber verkörpern: Huhn, Schwein oder Katze?

Gaymann: Am liebsten einen Storch.

sueddeutsche.de: Warum Storch?

Gaymann: Störche sind meine Lieblingstiere, die ich habe schon als Kind gezeichnet, weil sie so schön, elegant und zart sind und so nett miteinander umgehen. Außerdem sitzt der Storch immer oben auf dem Turm und hat einen guten Ausblick - das gefällt mir, dazugehören, aber trotzdem die anderen beobachten können.

sueddeutsche.de: Warum sieht man dann so selten Störche in Ihren Cartoons?

Gaymann: Keine Ahnung. Gute Idee. Da sieht man mal, dass man manchmal auch noch mit 60 auf ein Thema gestoßen werden kann.