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Im Interview: Oliver Stone:Gordon Gekko als Mephisto?

SZ: Eine deutsche Frage: Schließt Charlie Sheen in "Wall Street" von 1987 einen Teufelspakt mit Gordon Gekko und wiederholt sich das bei Jake Moore (Shia LaBeouf) in der Fortsetzung?

Stone: Sie meinen, Gordon Gekko als Mephisto? Ich weiß nicht, ich habe mich nicht so gründlich mit dem "Faust" beschäftigt. Gekko ist als Figur nicht zweidimensional genug für eine solche Rolle.

SZ: Aber er hat in den 22 Jahren, die er weg war, an Statur gewonnen. Er ist nicht mehr das gewissenlose Raubtier, hat sich in einen Geldtheoretiker verwandelt. Ein beispiellos erfolgreicher Amerikaner predigt gegen den Kapitalismus.

Stone: Nein, er warnt vor der Gier, die er einmal für gut erklärt hatte. Nochmal, der Kapitalismus ist nicht schlecht, vor allem geht es nicht ohne ihn. Ich wollte den Exzess darstellen, der zur Bankenkrise von 2008 geführt hat.

SZ: Ist Ihnen nicht ein wenig mulmig geworden? Michael Douglas warnt vor der Geldgier und vergleicht sie mit einem um sich fressenden Krebs. Wusste er da schon, dass er selber Krebs hat?

Stone: Nein, die Diagnose kam für ihn und uns völlig überraschend erst in diesem Sommer. Michael hält sich sehr tapfer. In seine Rolle ist natürlich viel von ihm selber eingegangen: Er hat eine junge Frau geheiratet und ist ein liebevoller Vater geworden.

SZ: Der Mythologe Joseph Campbell hat den "Heros in tausend Gestalten" beschrieben. Jake Moore möchte auch einer sein, er möchte wissen, wie das geht, ein amerikanischer Held.

Stone: Jake möchte gut sein als Trader. Er ist maßlos stolz auf seinen Bonus, weil er damit den Beweis in der Hand hat, dass er es kann. Aber er möchte nicht bloß gut sein als Geldmakler, sondern wirklich Gutes tun. Deshalb sein Interesse für das unscheinbare alternative Energieprojekt.

SZ: Sind nicht alle Ihre Filme große Heldengesänge? JFK, Born on the Fourth of July, Alexander? Sie feiern Kennedy, Ron Kovic, sogar, mit Einschränkungen, Nixon. Auch Wall Street ist eine moderne Heldensage.

Stone: Mir geht es um eine andere Frage: Wie kann ich ein Mann sein?

SZ: Ihr junger Held Jake Moore hat keinen Vater, er sucht sich einen Mentor, der ihn seinerseits enttäuscht. Ihr Vater hat selber an der Wall Street gearbeitet, da bietet sich die Frage an ...

Stone: Ja, ich habe viel von meinem Vater gelernt, aber seine Wall Street hatte mit den Geschäften heute nichts zu tun. Können Sie sich vorstellen, dass sich allein in den acht Jahren seit 2002 das Kapital auf der Welt verdoppelt hat? Dieses Geld entstand doch nicht durch eine Steigerung der Produktivität, sondern allein eine Folge des Handels mit Geld.

SZ: Darf ich noch mal zur Heldensage zurückkommen? Auch George W. Bush in Ihrem Film "W." ist ein Vatersohn.

Stone: Bush wird von seinem Machismo getrieben: er muss seinem Vater nicht nur zeigen, dass er zur Familie gehört, er muss ihn auch noch übertreffen.

SZ: Durch einen weiteren Irakkrieg.

Stone: Der alte Bush hatte die Invasion 1991 gestoppt, war nicht gegen Bagdad gezogen, Saddam Hussein blieb an der Macht. Das war die Chance für den Jungen, sein Mannestum zu beweisen.

SZ: Der Slogan "Mission accomplished" galt also seinem Vater?

Stone: Es war eine Botschaft an seinen Vater: Schau her, ich bin kein Versager, ich kann das, sogar besser als du.

SZ: Damit ist er als einer der schlechtesten amerikanischen Präsidenten in die Geschichte eingegangen.

Stone: Aber so sieht er sich nicht. Bush glaubt wirklich, dass er ein erfolgreicher Präsident war, dass er einen Tyrannen gestürzt und damit das Land vor großer Gefahr bewahrt hat. Wenn es jemanden gibt, der mit sich vollkommen im Reinen ist, dann ist es der jüngere Bush.

SZ: Noch eine Frage, die die Anleger unter unseren Lesern brennend interessiert: Wie investieren Sie Ihr Geld?

Stone: Meine Anlagen sind breit gestreut, aber ich kann Sie versichern, es sind vernünftige Investitionen. Ich bin sogar an einer deutschen Firma beteiligt, Peter Wehling. Der hat ein Mittel gegen Arthritis, die Degeneration der Gelenke entwickelt. Der Mann ist ein Genie.

SZ: Das klingt nach Shia LaBeouf, der den Kapitalismus retten will, indem er in umweltfreundliche Energien investiert.

Stone: Ja, stimmt, ich identifiziere mich mit Shia, mit seinem Ehrgeiz, seinen Idealen. Und die nächste Finanzblase wird grün, das garantiere ich Ihnen.