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Im Interview: Oliver Stone:"Denken Sie doch nicht immer an Bush! Der ist zu klein."

Oliver Stones neuer Film "Alexander" erzählt von einem Krieg im Nahen Osten. Was liegt näher als den Regisseur danach zu fragen, ob man das als Anspielung auf aktuelle politische Entwicklungen sehen muss. Bevor Stone dann ausholt, sagt er erstmal: "Ich liebe Amerika." Und dann geht´s los.

Oliver Stone, 58, kämpfte mit Anfang 20 als Freiwilliger im Vietnam-Krieg, war anschließend Taxifahrer und Drehbuchautor. Sein Durchbruch als Regisseur gelang ihm mit "Platoon", danach drehte er Erfolgsfilme wie "Geboren am 4. Juli", "Natural Born Killers" und "JFK". Der dreifache Oscar-Preisträger gilt als einer der politisch engagiertesten Regisseure der USA. Sein neuer Film erzählt das Leben Alexanders des Großen (356 v. Chr. - 323 v. Chr.), jenes legendären antiken Herrschers und Feldherrn, der in wenigen Jahren ein Reich von Ägypten bis Indien eroberte. Die Hauptrolle in "Alexander" spielt Colin Farrell.

Ich hoffe, das Land mit meinen Filmen zum Positiven verändern zu können. Aber Veränderungen müssen von innen kommen.

(Foto: Foto: AP)

SZ-Magazin: Bonjour, Monsieur Stone. Stimmt es, dass Sie vor kurzem Franzose geworden sind?

Oliver Stone: Ja, vor zwei Jahren. Meine Mutter kommt aus Frankreich, darum hatte ich das Recht, einen französischen Pass zu beantragen; jetzt habe ich die doppelte Staatsbürgerschaft. Auch deshalb, weil ich so französische Filmförderung für Alexander bekommen konnte.

SZ-Magazin: Entnervt von den USA?

Stone: Nein. Ich liebe Amerika, ich lebe weiterhin dort und ich hoffe, das Land mit meinen Filmen zum Positiven verändern zu können. Aber Veränderungen müssen von innen kommen; ich würde die USA niemals verlassen, nur weil mir politisch etwas nicht passt. Außerdem habe ich inzwischen verstanden, dass die Dinge stetig im Wandel sind. Über die aktuelle US-Politik kann man sagen, was man will - es ist eine Phase, die vorbeigehen wird.

SZ-Magazin: Sie sind bekannt für kontroverse Filme wie Natural Born Killers und JFK. Nun kommen Sie mit Alexander, einem Historienschinken. Haben Sie nichts mehr zu sagen zum Zeitgeschehen?

Stone: Wenn ich ein politisches Thema finde, dem ich mich mit Leidenschaft widmen möchte, dann werde ich das in Zukunft wieder tun. Aber ich weiß, was dann folgt: Ich würde sofort zur Zielscheibe, schließlich gelte ich in den USA als Linker. Denken Sie nur an meinen letzten Film Comandante, einen ganz und gar harmlosen Dokumentarfilm über mein Treffen mit Fidel Castro. In den USA konnte der Film wegen politischer Empfindlichkeiten nicht gezeigt werden. Das ist doch beschämend! Nach so einer niederschmetternden Erfahrung denkt man zweimal darüber nach, einen weiteren politischen Film zu machen. Man muss sicher sein, alle Angriffe aushalten zu können.

SZ-Magazin: Was gefällt Ihnen an Alexander dem Großen?

Stone: Seine Jugend, sein Idealismus, seine Visionen von einer neuen Welt - und wie er sie mit Hilfe seiner Armeen verwirklicht hat. Außerdem gefällt mir, wie er die besiegten Völker in sein Reich integriert und so eine neue, größere Gesellschaft geschaffen hat.

SZ-Magazin: Das sagen Sie jetzt so, dabei gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse über den historischen Alexander.

Stone: Selbst die ältesten noch existierenden Quellen sind 300 Jahre nach seinem Tod verfasst worden, da haben Sie Recht. Jeder interpretiert ihn notgedrungen auf seine Weise. Vielleicht mache ich ihn heldenhafter, als er war, aber eigentlich glaube ich das nicht. Einige Historiker kritisieren ihn - viele sehen ihn genauso wie ich.

SZ-Magazin: Sie zeichnen ihn als tapferen und edelmütigen Herrscher - und nicht als brutalen Eroberer, der in zahlreichen Feldzügen ein Riesenreich zusammenraffte.

Stone: Seine Grausamkeit wird im Film ja erwähnt. Aber der Punkt ist doch: Wenn man Alexanders Massaker im Kontext der Zeit sieht und gegen seine positiven Taten aufwiegt, dann muss man zugeben, dass er eine neue Art von Reich formte. Er war mehr als ein Eroberer - er war ein Erbauer. Er gründete Städte, weitete das Straßennetz aus, förderte Handel und Wissenschaft. Sein Lehrer war kein Geringerer als Aristoteles, das dürfen Sie nicht vergessen.

SZ-Magazin: Kann Alexander heute ein Vorbild sein?

Stone: Unbedingt! Er war ein junger Mann, der die Welt mit großen Ideen veränderte. Das ist es doch, was die Jugend tun sollte, auch heute noch: mit Stolz und Selbstvertrauen in die Welt hinaustreten, um sie zu verändern. Manchmal kommt mir unsere Jugend dazu jedoch etwas zu passiv vor.

SZ-Magazin: Hatte Alexander Qualitäten, die den politischen Führern von heute fehlen?

Stone: Eine Menge Idealismus und ein großes Ehrgefühl.

SZ-Magazin: Aber die politischen Fragen unserer Zeit löst man doch nicht mit Ehrgefühl!

Stone: So? Dann denken Sie einmal an Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Nach dem Krieg beharrten diese vorbildlichen Staatsmänner auf der Idee, dass Franzosen und Deutsche sich versöhnen und Verbündete werden müssten. Gegen viele Widerstände haben sie die deutsch-französische Freundschaft durchgesetzt - meiner Meinung nach ein Musterbeispiel für Ehrgefühl und Idealismus in unserer Zeit. Die Leute ordnen solche Eigenschaften gern vergangenen Epochen zu, aber ich denke, dass sie heute genauso wichtig sind wie früher. Im Prinzip kann jeder, der meinen Film sieht, die Welt verändern. Vorausgesetzt natürlich, er hat genügend Einfluss.

SZ-Magazin: Vor kurzem haben erneut Krieger aus dem Westen das Zweistromland - den heutigen Irak - erobert, genau wie einst Alexander. Stellt Ihr Film einen Kommentar zum Irak-Krieg dar?

Stone: Nein. Ich habe seit 1989 an dem Projekt gearbeitet - dass seine Premiere nun mit dem Kämpfen dort zusammenfällt, ist ein bizarrer Zufall. Wahrscheinlich sind wir Zeugen eines wichtigen historischen Moments und es hat einen tieferen Sinn, dass mein Film gerade jetzt herauskommt. Aber welcher das sein könnte, weiß ich nicht.

SZ-Magazin: Es gibt augenfällige Parallelen zwischen Ihrem Alexander und George W. Bush. So redet auch der antike Herrscher davon, Völker befreien zu wollen; tatsächlich besiegt er sie jedoch militärisch und zwingt ihnen seine Gesetze auf.

Stone: Alexander war natürlich ein Machtmensch, der seinen Willen durchgesetzt hat. Aber was er tat, ging über das Erobern hinaus. Ich glaube, er fühlte sich von einer ursprünglichen Kraft in den Osten gezogen. Da gibt es etwas, was den Westen nahezu magisch anzulocken scheint; schon die griechischen Helden wie Achilles, Jason und Theseus - Alexanders Vorbilder - sind alle nach Osten gegangen. Alexander kam dabei bis nach Indien, weiter als jeder andere vor ihm, und er hat unterwegs nie innegehalten, um seine Eroberungen zu genießen.

SZ-Magazin: Sie meinen: Er war nicht wegen des Öls da.

Stone: Geld hat ihn nicht interessiert. Er hat sich natürlich bereichert, aber am Ende haben die Orte, durch die er zog, von ihm viel mehr profitiert.

SZ-Magazin: Am Ende des Films blickt Alexander über Babylon und redet davon, eine "neue Welt" erschaffen zu wollen. Schwingt darin nicht die "neue Weltordnung" mit, die George Bush senior nach dem ersten Golfkrieg verkündete?

Stone: Eine neue Welt, das ist ein alter Traum - der für Sie beschmutzt worden zu sein scheint. Warum bloß? Eigentlich ist das doch eine großartige Idee! Kolumbus hat auch nach einer neuen Welt gesucht, nach einem ursprünglichen Paradies, dem Schauplatz eines Neubeginns - was Amerika ja einmal war. Wenn Alexander Sie an Bush erinnert, kann ich daran nichts ändern, aber ich finde, er bedeutet viel mehr, und ich hoffe, dass mein Film den Leuten den Eindruck vermittelt, dass er eine positive Figur, eine Schöpfergestalt war. Schauen Sie doch, wie er mit den Persern umging! Nachdem er sie besiegt hatte, nahm er sie in seine Armee auf und gab ihnen so ihren Stolz zurück. Und er hielt seine Soldaten an, persische Frauen zu heiraten, damit sich die Völker vermischen. So weit ich weiß, das erste Mal, dass Ost und West wirklich verschmolzen sind.

SZ-Magazin: Sollten die US-Soldaten im Irak also einheimische Frauen heiraten?

Stone: Denken Sie nicht immer an Bush, der ist zu klein. Nein, nicht zu klein. Was ich meine: Bushs Geschichte wurde einfach noch nicht zu Ende geschrieben, deswegen können wir ihn nicht abschließend beurteilen. Sie erinnern mich an den Athener Redner Demosthenes, der gegen Alexander agitierte, weil er ihn für einen Tyrannen hielt. Nun, Demosthenes hatte Unrecht. Vielleicht wird Amerika ein großes Imperium, vielleicht werden die Menschen seinen Erbauer einmal "Bush den Großen" nennen. Oder er wird sich ändern und Museen und Bibliotheken errichten, statt sie plündern zu lassen.

SZ-Magazin: Glauben Sie das wirklich?

Stone: Geschichte heißt Veränderung. Deshalb bin ich Optimist.