Im Interview: Michael Stipe Es gibt Momente, in denen ich mich . . . ja: klein fühle.

Das R.E.M.-Frontend Michael Stipe ist ganz begeistert von Münchener Schuhwerk, fühlt sich manchmal wie ein sehr, sehr kleiner Idiot und liebt eine Sonne, die gar nicht heiß genug sein kann. Ein Interview über Licht und Schatten. Und den Regen. Natürlich. Ein Interview von Alexander Gorkow

Von Alexander Gorkow

Michael Stipe, 43, ist seit mehr als 20 Jahren Frontmann der amerikanischen Band R.E.M., die Ende der 80er zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Bands der Welt wurde. Ihr Gemisch aus bizarren Sound- und Textexperimenten sowie der vom Great American Songbook inspirierte Pop, vor allem aber Stipes markante Stimme und seine energetische Bühnenpräsenz bescherten der Band Mitte der 90er den bis dahin höchst dotierten Plattenvertrag der Musikgeschichte: Warner belohnte R.E.M. für den Verbleib beim Label mit 80 Millionen Dollar. Die Band zeigte sich erkenntlich, in dem sie drei düstere Alben aufnahm, die einen Großteil der Fans verschreckten. Mit dem Album "Reveal" knüpfte man 2001 wieder an den alten Sound an - und übertraf alle Erfolge. Soeben erschien bei Warner ihr Best-Of-Album "In Time".

Ich habe die Sehnsucht, dass mein Heimatland wieder mehr von seinen guten Eigenschaften in die Welt transportiert - und nicht eine Politik, die halbstark und reflexartig und dumm ist.

(Foto: Foto: AP)

Stipe: Machen Sie es sich bequem, Sie haben übrigens coole Schuhe an . . .

SZaW: Danke, entschuldigen Sie bitte, dass ich so leise spreche, meine Stimme . . .

Stipe: Da bin ich. Ihre Stimme ist weg? Sie sind erkältet. Sie sind zu dünn angezogen, ein T-Shirt, wo sind Ihre Schuhe her?

SZaW: Aus München, sie sind ja recht simpel.

Stipe: Sie sind wirklich cool.

SZaW: Michael Stipe, können wir uns über Sehnsucht unterhalten?

Stipe: . . .

SZaW: Okay?

Stipe: Sehnsucht nach was?

SZaW: Sehnsucht nach einem anderen Amerika? Nach Musik? Nach Liebe?

Stipe: Wie kommen Sie auf Sehnsucht?

SZaW: Ich glaube, Melancholie, Lässigkeit und Humor sind so etwas wie das Transportmittel der Musik von R.E.M. Aber die Sehnsucht nach Ferne, nach Liebe, nach Ruhm, nach Persönlichkeitsveränderung ist das tragende Motiv Ihrer Texte.

Stipe: Und ich glaube, Sie machen mir gerade Komplimente. Mit Ihrer leisen Stimme. Oder? Habe ich recht?

SZaW: Könnten Sie mir bitte vor allem sagen, ob das mit der Sehnsucht stimmt - und mich nicht so anschauen? Wenn es nämlich nicht stimmt, müsste ich . . .

Stipe: Nein, Sie haben sicher recht. Seltsam.

SZaW: Warum?

Stipe: Weil wir einer Meinung sind, und weil das wieder mal heißt, dass es eine Art Subtext gibt in der Musik, den jeder versteht. Die reinen Text-Interpretationen von Rezipienten sind hingegen zwangsläufig oft andere als die, die ein Künstler im Sinn hatte, als er einen Song schrieb oder ein Buch, was auch immer. Der Rezipient hat immer anderes im Sinn, weil er die Texte in sein Leben einbaut. Mitunter bauen sogar alle gleichzeitig einen Song oder einen Künstler in ihre Befindlichkeit ein und machen ihn zu ihrem Sprecher. Bob Dylan ging es so, oder?

SZaW: Hatte er keine Sehnsucht nach Frieden?

Stipe: Womöglich schon, klar, aber er wurde zur Ikone dessen, was Ihr in Deutschland the zeitgeist nennt. Ich glaube nicht, dass ihm das ursprünglich klar war. Letztlich war und ist er nicht mehr als ein Folksänger. Oder so: Er wollte sicher nicht mehr sein als ein Folksänger. Ich verehre ihn über alle Maßen. Er malt mit seinen Texten Kinolandschaften.

SZaW: In Ihrem leidenschaftlichen Song "The Great Beyond" schwärmen Sie, Sie könnten Löffel verbiegen, Blumen ewig blühen lassen und dann: "I'm looking for answers from the great beyond!" In "I'll Take The Rain" erinnern Sie an "Somewhere Over The Rainbow" und an Judy Garland, da geht es um den alten Wunsch, wie ein Vogel zu fliegen . . .

Stipe: Ich habe einen alten Konzertmitschnitt von Judy Garland neulich im Fernsehen gesehen . . .

SZaW: . . . Carnegie Hall . . .

Stipe: . . . ja, ich glaube! Die ganze Bühne war schwarz, man sah nur ihr Gesicht. Es war phantastisch. Vielleicht ist "I'll Take The Rain" eine unterbewusste Reminiszenz an Judy Garland? Ich weiß es nicht. Aber Sie haben recht, die Ähnlichkeit, was das Bild mit den Vögeln angeht, ist erstaunlich, hm . . .

SZaW: Was treibt die Helden in Ihren Songs an?

Stipe: Die Sehnsucht danach, sich zu verändern. "I'll Take The Rain" ist, wenn Sie so wollen, die Fortschreibung eines älteren Songs, nämlich von "Undertow". Da geht es um die Sehnsucht danach, auszubrechen: Ein Mensch zu werden, der wenigstens in ein paar Momenten seinen Impulsen vertraut. In "Undertow" scheitert dieser Mensch, es ist ein trauriges Lied. In "I'll Take The Rain" nimmt der Mensch sein Leben in die Hand, es ist - eigentlich - kein trauriges Lied.

SZaW: Es ist alles eine Frage des Muts.

Stipe: Eine Frage des Selbstvertrauens. Der fliegende Vogel ist ja nicht nur wegen des Fliegens ein so viel strapaziertes Bild. Sondern auch, weil ein Vogel nicht 1000 Abwägungen trifft, bevor er losfliegt. Er fliegt los, wenn er seinen Impuls bekommt. Ich finde diesen Impuls sehr, sehr interessant. Er weiß, dass es gut für ihn ist, in genau dieser Sekunde loszufliegen. Das ist faszinierend. Diese eine entscheidende Sekunde ist großartig.

SZaW: Der Vogel kann nach seinem wunderbaren Impuls abgeschossen werden.

Stipe: Entschuldigen Sie, dass ich lächle. Dass Sie nach einer Fehlentscheidung abgeschossen werden, kann Ihnen auch passieren, wenn Sie zuvor die üblichen Abwägungen getroffen haben.

SZaW: Ein Impuls kann einen Menschen ins Verderben stürzen.

Stipe: Wann?

SZaW: Zum Beispiel, wenn man sich verliebt. Man verliebt sich nicht aufgrund reiflicher Überlegungen, ob die Umstände auch passen. Sondern spontan, in den Geruch eines Menschen, in seine Augen . . .

Stipe: Wenn Sie sich in den Geruch oder in die Augen eines Menschen verlieben, müssen Sie diesem Impuls nachgeben.

SZaW: Warum eigentlich?

Stipe: Weil Sie sonst für die Welt verloren sind.

SZaW: Okay, aber in "I'll Take The Rain" heißt es: "If this is what you're offering, I'll take the rain." Hier ist die Sehnsucht nach einer Liebe bitter enttäuscht worden.

Stipe: Ja, aber . . .

SZaW: Autobiografisch?

Stipe: Nein. Meine Texte sind nicht autobiografisch, zumindest nicht im direkten Sinn.

SZaW: Was heißt das?

Stipe: Das heißt, dass ich nach einer gescheiterten Liebesbeziehung niemals ein Lied über diese gescheiterte Liebesbeziehung schreiben würde. Ich bin Künstler, und habe überhaupt kein Interesse, mich bei den Leuten über mein Leben auszuweinen. Richtig ist, dass ein Song wie "I'll Take The Rain" nur entstehen kann, weil ich im Prinzip natürlich weiß, wovon ich da singe. Oder, um es anders zu sagen: Man kann auch bei mir einen gewissen Schatz an emotionalen Erfahrungen voraussetzen. Aber ich denke: es sind ganz normale Erfahrungen, drum merken ja auch Sie, dass es um Sehnsucht geht.

SZaW: Sie sagten eben, dass der Song nicht traurig sei. Aber wenn mir als Alternative zu einer enttäuschten Liebe nur der Gang in den Regen bleibt . . .

Stipe: . . . ist das eine Alternative! Verstehen Sie? Sie treffen die Entscheidung, nicht der Mensch, der Sie - aus welchen Gründen auch immer - gerade sehr enttäuscht. In dem Song trifft jemand die klare Entscheidung, den Regen dieser Liebe vorzuziehen. Das ist okay.

SZaW: Aus einem ähnlich intensiven Impuls heraus, aus dem er sich einst verliebt hat?

Stipe: Ja, ich denke schon. Deshalb ist es auch kein trauriges Lied. Eine solche Entscheidung erfordert Kraft. Hat man diese Kraft, ist das nicht schlecht.

SZaW: Könnte man sagen, dass Sie Mitte der 90er Jahre ziemlich fertig waren?

Stipe: Warum?

SZaW: Sie sahen mitgenommen aus auf den Fotos, R.E.M. machten komplizierte, düstere Platten, zum Beispiel "Monster" . . .

Stipe: Nein, ich war nicht fertig. Wir waren in einer schwierigen Phase, die ganze Band. Auch haben wir mit "Monster" ungefähr 80 Prozent der Fans, die wir nach "Out Of Time" und "Automatic For The People" gewonnen hatten, in kurzer Zeit wieder zum Teufel gejagt. Ich mag "Monster" immer noch sehr.

SZaW: Ich möchte trotzdem nochmal insistieren. Sie malen mitunter düstere Seelenlandschaften, in Ihren Videos und Texten spiegelt sich das in den kargen, weiten amerikanischen Landschaften. Sie wirken oft wie ein verspielter Narziss, auf der anderen Seite aber auch fragil und angegriffen. Die Leute liegen Ihnen womöglich auch deshalb zu Füßen, weil Sie mitunter "on the edge" wirken, diese Schwankungen sind den Menschen nicht fremd . . .

Stipe: Ja, aber es ging mir nicht wirklich schlecht, wirklich nicht.

SZaW: Hm?

Stipe: Ich meine: Ich habe diese Abstürze, und ich denke, ich kann gut damit umgehen. Ich habe eine so hinreißende und komische Band an meiner Seite. Selbst in finsteren Phasen schreiben wir zusammen stürmische Songs wie "What's The Frequency, Kenneth?" Oder?

SZaW: Sie waren eng mit Kurt Cobain befreundet und sind es immer noch mit seiner Witwe Courtney Love, auch daher kommen Spekulationen über Ihre Sehnsucht nach komplizierten Seelen.

Stipe: Und?

SZaW: Was ich meine: Cobain hatte es nicht leicht, und man hatte es aber mit ihm womöglich auch nicht leicht.

Stipe: Man konnte es mit Kurt sehr leicht haben. Und vielleicht nur noch eins dazu: Seien Sie gewiss, dass die Menschen, die mit ihm befreundet waren, ihn nicht schätzten, weil er Abstürze hatte. Kurt war ein sehr, sehr intelligenter Kerl, ungeheuer anregend. Ein feiner Mensch. Ja.

SZaW: Haben Sie seinen Selbstmord kommen sehen?

Stipe: Ich habe in den letzten Monaten seines Lebens gemerkt, dass es nicht gut gehen könnte. Er wurde immer depressiver. Vorher waren es nur Phasen, nun war es eine Art Dauerzustand. Er . . . naja.

SZaW: Er sah kein Licht mehr.

Stipe: Er sah kein Licht mehr. . . . Ja.

SZaW: In welchen Momenten sehen Sie kein Licht mehr?

Stipe: Ich habe bisher noch immer Licht gesehen, mein Lieber. Es gibt natürlich Momente, in denen ich mich . . . ja: klein fühle. Mitunter sogar geradezu idiotisch.

SZaW: Welche Momente sind das?

Stipe: Erstaunlicherweise weniger, wenn ich in Athen oder New York meinem Leben nachgehe. Öfter aber auf der Bühne.

SZaW: Sie wirken auf der Bühne wie ein Gesamtkunstwerk, wie eine Diva, die sehr sicher weiß, wie sie die Leute bewegt oder auch zur Raserei bringt. Und es sind ja nicht selten so an die 100 000 Leute . . .

Stipe: Es gibt Abende, an denen ich merke, dass ich mit einer falschen Handbewegung alles vermasseln kann. Und dass ich soeben mit einer falschen Handbewegung alles vermasselt habe. Wissen Sie, es war mir immer total egal, wer was über uns gesagt oder geschrieben hat. Ich kann Ihnen aber sagen, wie ich mich fühle, wenn ich einen Song versaue. Durch Unkonzentriertheit, durch Albernheit . . .

SZaW: Wie denn?

Stipe: Wie ein sehr, sehr kleiner Idiot, der seinen Job nicht beherrscht. Und der sich trotzdem einbildet, vor 100 000 Menschen auftreten zu müssen.

SZaW: Der Grat zwischen Größe und Kleinheit ist schmal?

Stipe: Er ist sehr schmal.

SZaW: Sie wissen, dass Ihre Stimme und Ihr Gesicht die Formel für den Erfolg von R.E.M. ausmachen.

Stipe: Ich weiß das erst seit 1998, als wir "Up" aufnahmen, wirklich! Damals hat Peter (Buck, der Gitarrist, die Red.) es mir gesagt. Ich dachte vorher, es ist Peters sensationelle Gitarre, die unseren Sound macht, oder Mikes (Mills, der Bassist, die Red.) gitarrenartiges Bass-Spiel, beide aber nahmen mich damals zur Seite und sagten: "Michael, krieg dich ein, es ist Deine Stimme, und zwar eigentlich nur Deine Stimme. Machen wir uns bitte nichts vor, okay?" Die Leute werden R.E.M. also immer an meiner Stimme erkennen, egal, ob wir nun einen Song zum Computer oder zur Gitarre aufnehmen. Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen.

SZaW: In Ihrem neuen Video "Bad Day" persiflieren Sie die Null-Nachrichten im amerikanischen Frühstücksfernsehen, unten läuft eine Bauchbinde mit der Aufschrift: "Breaking News: It's a bad day!" Sind die USA neurotisch geworden?

Stipe: Huuu, jeder fragt mich das . . .

SZaW: Das könnte an dem Video liegen. Vielleicht war das aber auch eine langweilige Frage . . .

Stipe: . . . nein, nein, entschuldigen Sie! Ich scheue mich nur ein wenig davor, ständig zu erklären, warum mir die Bush-Administration nicht passt. Es ist in gewissen Kreisen inzwischen so selbstverständlich geworden, Bush zu hassen, es ist auch keine Neuigkeit, dass ich seine Truppe nicht mag. Und da wir über Sehnsucht reden: Ja, ich habe die Sehnsucht, dass mein Heimatland wieder mehr von seinen guten Eigenschaften in die Welt transportiert - und nicht eine Politik, die halbstark und reflexartig und dumm ist. Ich glaube, dass Amerika nicht regierbar ist. Bush und die Art wie er Präsident wurde - das ist Ausdruck einer prinzipiellen Unregierbarkeit.

SZaW: Wieso ist das Land unregierbar?

Stipe: Es ist zu groß. Die einzelnen Staaten, die Mentalitäten und Probleme sind zu unterschiedlich. Amerika ist eher ein Mythos-Patchwork als ein Land. Womöglich ist Bush einfach nur ein ratloser kleiner Nenner, auf den sich eine ebenso ratlose und uninformierte Minderheit mal geeinigt hat.

SZaW: Sind Sie ein Patriot?

Stipe: Ja, definitiv. Das hat ja nichts mit der gegenwärtigen Regierung zu tun. Amerika hat sich so viel Freiheiten erkämpft, wir haben einen so großen output an Kreativität, dass ich nicht wüsste, wieso ich nicht stolz darauf sein sollte. Aber wir sind eben ein junges Land, eine Art Teenager im Weltgefüge, mit sonderbar großer Sehnsucht nach neuer Mythologie, nach Stärke, nach Glanz ohne Kratzer, nach Unangreifbarkeit, nach einer Einheit, die es nicht gibt.

SZaW: Amerika als Teenager . . .

Stipe: . . . ja, im Moment benehmen wir uns wie ein 15-jähriger dicker Junge, der alles platttrampelt. Man darf nach wie vor nicht vergessen, dass dieser Junge vor zwei Jahren bei sich zuhause böse verletzt worden ist. Es waren Einbrecher im Haus. Darunter leidet er nach wie vor, das hat ihm ganz große Angst gemacht. Er hat viel von seiner Lässigkeit verloren, er ist total verwirrt und hat sich vor Angst einen Bauch angefressen.

SZaW: Im Sommer 2004 wird es ein neues REM-Album geben.

Stipe: Ja, und es sieht danach aus, dass es ein politisches Album werden wird. Ich verstehe mich wirklich nicht als Protestsänger, aber wenn ich die Songs, an denen wir arbeiten, durchgehe, merke ich, dass sie in einem Land entstanden sind, das mit dem Amerika von vor dem 11. September 2001 nichts mehr zu tun hat.

SZaW: Michael Stipe, zum Schluss: Sie haben die Wahl zwischen den Bergen und dem Meer. Wohin treibt Sie Ihre Sehnsucht?

Stipe: Oh, wieso fragen Sie das denn?

SZaW: Nur so.

Stipe: Ein Trick!

SZaW: Genau.

Stipe: I'll take the beach!

SZaW: Sie müssen ans Wasser?

Stipe: Ich muss ans Wasser. Freier Blick. Sicher. Vor allem aber muss ich in die Sonne. Ohne die Sonne geht es nicht.

SZaW: Sie sind ein Sommerkind.

Stipe: Die Sonne kann nicht heiß genug sein. Sie muss brennen. Okay?

SZaW: Ich glaube, wir müssen jetzt Schluss machen.

Stipe: Hey, passen Sie auf sich auf!