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Im Interview: Michael Palin:"Es muss weh tun"

SZ: Im Terminal 5 . . .

Palin: Im Terminal 5 verschwanden Hunderttausende Koffer, weitere Einzelheiten wollen wir uns ersparen. Schon beim Tunnel unterm Kanal müssen wir uns bei den Franzosen bedanken, denn ohne die hätten wir womöglich bis zu den Kanarischen Inseln weitergegraben. Nur am Rande erwähnen will ich, dass sogar die Spanier - die Spanier! - inzwischen schnellere Züge bauen als wir. Dass der Großcomputer, der unser marodes Gesundheitssystem NHS revolutionieren sollte, ein Totalausfall ist, wussten Sie es schon? Und das neue Wembley Stadion wurde zwei Jahre zu spät fertig, weshalb ich nicht verstehe, dass alle Welt Angst hat, ob die Südafrikaner mit ihrer Infrastruktur fertig werden bis zur WM 2010, weil: wirklich Sorgen machen sollte man sich darüber, dass die Olympischen Spiele 2012 in London stattfinden - ich sage Ihnen: Machen Sie sich auf was gefasst!

SZ: Sie sind ja ganz außer sich.

Palin: Natürlich. Denn immer werden diese "big occasions" hier als die Ankunft des leibhaftigen Gottes in London gepriesen - und immer ist das nur die Overtüre zum dann größten Witz der Welt.

SZ: Ich darf daran erinnern, dass England bei der Fußball-Europameisterschaft nicht dabei sein wird . . .

Palin: ... ich danke Ihnen! Übrigens das vielleicht beste Anschauungsmaterial für meine These von Wahn und Scheitern des Empires. Denn was passiert eigentlich immer, wenn unser Team gefragt ist?

SZ: Es scheitert.

Palin: Ja, aber nicht einfach so. Das Vorspiel ist interessant: Wir scheitern bei der WM in ausgerechnet Deutschland, peitschen uns vor aller Welt selbst fast zu Tode vor Scham - und schwören dann plötzlich über Nacht in unseren feinen Zeitungen, derselben Welt bei der EM zu zeigen, welche Nation gottverdammt nochmal den Fußball erfunden hat und dann halt Europameister werden wird! Statt uns nun aber - wie die effizienten Deutschen - ordentlich zu organisieren, vergessen wir, eine halbwegs den Anforderungen entsprechende Qualifikation zu spielen und werden dann nicht Europameister, weil es dazu ja zum Beispiel zwingend nötig gewesen wäre, überhaupt zur Europameisterschaft hinzufahren, oder?

SZ: Schon, ja, aber . . .

Palin: Beachten Sie die Kurve, die nur extreme Koordinaten zeigt: Übermut - Schande - Selbsthass - Komik - und dann wieder Übermut. Alles in drei Sekunden.

SZ: Mister Palin, könnte in der Gewissheit, mit der zum Beispiel die Menschen hier in London das Chaos einkalkulieren, nicht aber auch der Charme liegen, der diese Stadt so überaus liebenswert macht?

Palin: Sie meinen . . .

SZ: Zum Beispiel: Wie bewegend der lässige Stolz war, mit dem man hier im Juli 2005 bewiesen hat, dass man sich durch Terroristen nicht beeindrucken lässt . . .

Palin: . . . natürlich . . .

SZ: . . . in Amerika wäre die nackte Hysterie ausgebrochen, in Deutschland finstere Nacht, tiefe Depression.

Palin: Ich hoffe, dass ich mich klar ausgedrückt habe: Ich liebe dieses Land, und ich liebe diese Stadt. Sollte ich von einem Problem gesprochen haben, so bin ich selbstredend Teil des Problems und habe immer auch von ihm profitiert. Ohne dieses England hätte es Monty Python nie gegeben. Das Faszinierende an London ist für mich bei all dem Chaos ja auch: diese Masse an glücklich aussehenden, an so überaus fröhlichen jungen Menschen. Ich weiß, wie hart sie arbeiten, um das Leben hier zu finanzieren, aber wo auf der Welt finden Sie so viele glückliche junge Menschen? Es war immer so, und dass es heute noch so ist, wo alles hier so teuer ist: Ich finde das sehr bemerkenswert.

SZ: Sehen Sie das bei Ihren Reisen durch Deutschland auch?

Palin: Was? Chaos? Nein.

SZ: Sehr viele glückliche junge Menschen?

Palin: Hm . . .

SZ: Nein?

Palin: Ich habe eben dieses interessante Buch von Sebastian Haffner gelesen, seine Erinnerungen an die Zeit von 1914 bis zur Machtergreifung durch die Nazis ("Geschichte eines Deutschen", dtv, die Red.). Haffner schreibt vom großen Talent der Deutschen zur Melancholie. Ich musste beim Lesen an meine letzten Reisen denken, nach Meißen, Dresden, Berlin. Ich hatte Kontakt zu absolut großartigen und sehr nachdenklichen jungen Leuten, als wir unsere Reportage für die BBC drehten. Aber wenn Sie mich fragen, ob es Glück, Spaß oder Zuversicht war, was sie dort im Osten mit ihrem Leben verbanden, ich könnte das jetzt nicht mit einem Jubelschreib bejahen. In Bayern, an den Seen, auch in München sieht die Sache für einen Außenstehenden allerdings schon wieder anders aus.

SZ: Wir werden nur durch das kleine, lästige Land Österreich von Italien getrennt!

Palin: Ich finde München immer wieder sehr hinreißend. Auch mag ich diese Affinität der Bayern zum Wahnsinn. Denken Sie nur an Ludwig II.! Wir waren bei den Pythons absolut besessen von ihm. Wir wollten ihn sogar ins Ensemble aufnehmen. Leider war er schon tot.

SZ: Es ist Höflichkeit, dass Sie das vom englischen Boulevard gepflegte Klischee vom dumpfen Deutschen nicht bestätigen.

Palin: Nein, es ist keine Höflichkeit. Bitte, wie sollte ein Land, das Monty Python bis heute traumhafte Absatzzahlen beschert, dumpf sein? Geben Sie nichts auf den britischen Boulevard! Zeitungen pflegen Ressentiments, weil sie glauben, dass sie so näher am kleinen Mann dran sind. Aber der kleine Mann hier, er hat keine Ressentiments mehr gegen Deutsche.

SZ: Sicher?

Palin: Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es liegt einfach länger schon nicht mehr an den Deutschen, wenn in Paddington exakt zu den Stoßzeiten alle Züge gleichzeitig ausfallen.

Palin: Danke.

SZ: Gerne.