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Im Interview: Michael Palin:"Es muss weh tun"

SZ: Oh Gott . . . wirken wir heute noch eckig?

Palin: Nein, beruhigen Sie sich. Das war einmal. Und diese Horrorshow nun, sie kam nicht aus einem Land wilder Irrer, sondern aus einem künstlerischen und aufgeklärten Land, einem Land großer Regisseure und Autoren, aus dem Land von Thomas Mann, Bertolt Brecht. Es gab hohe künstlerische und moralische Maßstäbe. Die moralischen waren dann aus der Mode gekommen . . .

SZ: . . . das haben Sie fein gesagt.

Palin: Aber rein künstlerisch sind - das ist das Irritierende - diese sehr fatalen Filme von Leni Riefenstahl Meisterwerke, diese ganze Nürnberger Maschinerie aus Licht und Choreographie . . .

SZ: . . . womit im Pop viel gearbeitet wurde. Nehmen wir Texte der Rolling Stones wie "Sympathie For The Devil" oder Shows von Pink Floyd oder David Bowie. Regelrechte Teufelsaustreibungen, oder?

Palin: Richtig. Und auch hier sind wir wieder bei der Demütigung. Nennen Sie es Pop oder nicht Pop. Fakt ist: die Zeichensprache der Nazis, die Inszenierung, sie war ziemlich scharf. Das sah - in der Inszenierung, wir wollen uns nicht missverstehen - smart aus. Ich meine, schon diese verdammten Wehrmachtsuniformen, sie waren todschick. Bis heute machen wir hier Witze über die Helme unserer Soldaten!

SZ: Wieso?

Palin: Während die Wehrmacht verdammt gut geschnittene Helme hatte, sahen unsere aus wie umgedrehte Suppenschüsseln. Natürlich schauten die weltberühmten englischen Segelohren an der Seite raus. Solche Sachen. Wir waren nicht cool. Es hielt sich zudem lange der Eindruck, dass wir den Zweiten Weltkrieg nicht in dem Sinne gewonnen hatten. Sondern dass wir uns eher bei den unkultivierten Amerikanern bedanken sollten, dass wir ihn nicht verloren haben, dass also das Königreich von den deutschen V2-Raketen nicht vollkommen planiert wurde.

SZ: Insgesamt starben bei den deutschen Luftangriffen, den "Blitz" im Herbst 1940 eingeschlossen, mehr als 66.000 Zivilisten in England.

Palin: Und beachten Sie: Es war ja eben der Blitz aus dem Himmel, es war in dem Sinne zunächst kein Frontenkrieg.

SZ: Sie meinen, dass die Paranoia durch die Insellage zusätzlich kultiviert wurde?

Palin: Durchaus, der Tod kam aus dem Himmel: wie ein Fabelwesen. Nicht, dass es für Polen oder Holländer leichter gewesen wäre, Gott bewahre. Aber die Insellage, sie schürte den Wahnsinn, was bleibt dir übrig: Du kannst nicht abhauen, du kannst in Dover vom Felsen springen. Paranoid! Da gibt es dann in der Umkehrung auch einen komischen Aspekt.

SZ: Welchen?

Palin: Das Inseldasein hat ja in glorreicheren Zeiten maßgeblich zur britischen Selbstüberschätzung beigetragen. Wir selbst waren nicht die Insel - alles andere war die Insel! So kann man es sehen. Wenn man nur irre genug ist. Aaaah, diese Selbstüberschätzung liebe ich! Sie war Anlass für zahllose Python-Sketche.

SZ: Es gab diese berühmte Zeitungsüberschrift in England zu Beginn des 20.Jahrhunderts: "Fog over the channel, continent isolated." Nebel über dem Kanal, Europa isoliert. Toll.

Palin: Die Mutter aller Selbstüberschätzungen. Kein Wunder, dass wir seither masochistisch veranlagt sind. Es ist inzwischen Teil der britischen DNS, zu scheitern, mit vollen Hosen dazustehen und aber relativ gute Witze darüber zu machen. Und zwar scheitern wir bis heute immer dann, wenn es um große Projekte geht. Ich nenne es: das "Big Occasion Syndrom".

SZ: Noch einmal: Den Krieg haben die effizienten Deutschen verloren.

Palin: Ja, aber nicht aufgrund von angeborener Unfähigkeit zur Effizienz. Sondern weil man in Deutschland an ein totalitäres System glaubte, das, weil es so total war, zu allem fähig sein würde. Es gibt viel Unheil in Großbritannien, auch politisches, aber ich glaube, der Brite ist eher mal nicht in der Lage, an ein totalitäres System zu glauben. Er glaubt überhaupt nicht an eine Systematik. Er glaubt an ein paar Benimmregeln für den Alltag, die das Leben erleichtern. Und im Übrigen glaubt er ans totale Chaos. Diese Einstellung ist mir auch sympathisch. Wie gesagt, einen englischeren Menschen als mich finden Sie nicht.

SZ: Und doch nehme ich Ihnen nicht ab, dass jedes Großprojekt hier zum Scheitern verurteilt ist. Zum Beispiel haben Sie mit Monty Python große Filme gestemmt. Denken Sie an "Life Of Brian"!

Palin: Den hat nur George Harrison gerettet. Wie überhaupt in England etwas meist nur dann funktioniert, wenn sich ein reicher Musiker einschaltet.

SZ: Wie kam das?

Palin: Der Chef der EMI, die den Film produzieren sollte, las - kurz vor dem Drehstart - das Drehbuch. Bisschen spät.

SZ: Und dann?

Palin: Eine Parodie auf Bibel-Verfilmungen. Singende Menschen am Kreuz. Kalkweiß saß er da: "Wenn ich den Film finanziere, bin ich dem Untergang geweiht. Tut mir leid, Jungs!" Wie auch in Heathrow scheiterte also ein Projekt in der Vorbereitung, das aber faktisch schon begonnen hatte. Die Kreuze und Römer-Kostüme waren ja schon am Drehort in Tunesien.

SZ: Wieso hat Harrison ausgeholfen?

Palin: Hab' ich ihn auch gefragt: "George, es geht um viel Geld! Fünf Millionen Pfund! Bis morgen! Wieso tust du das für uns?" George, auf seine wunderbar nasale Art, sagte nur: "Weil ich den Film sehen will." Bei "Monty Python And The Holy Grail" waren es dann die humorbegabten Herren von Pink Floyd, die viel Geld 'reinlegten. Sie waren gerade durch die "Dark Side Of The Moon"-Sache zu einem überraschend unüberschaubaren Reichtum gekommen. Aber: Wehe, es wird etwas von offizieller Seite geplant hier in England! Ich gebe Ihnen meine Hand drauf: es wird schiefgehen.

SZ: Das neue Terminal in Heathrow . . .

Palin: . . . Jahrzehnte der Planung. Jahrzehnte politischer Diskussionen. Milliardenkosten. Und? Ein Desaster. Was groß ist, scheitert. Es liegt an der hochexplosiven Mischung in unserer lustigen DNS: Empire-Übermut und gleichzeitig maximale Selbstdemütigungsdrehzahl. Als wollten wir vor der Welt dastehen wie die dummen "Upper Class Twits" aus dem Python-Sketch . . . Sie erinnern sich?

SZ: Die "Meisterschaften um den Blödmann des Jahres aus der Oberklasse"? Hurra! Im Namen der Leser möchte ich Ihnen auch für diesen Sketch sehr danken.

Palin: Bitte sehr! Also, hier eine kleine Chronik des Versagens: Nehmen Sie die beiden Prestigeprojekte mit dem Architekten Richard Rogers. Der Millennium Dome, 320 Meter Durchmesser, das neue Terminal in Heathrow für 30 Millionen Passagiere unserer sensationellen Fluglinie British Airways. Der Dome begeisterte im Jahre 2000 am Eröffnungsabend dadurch, dass keiner reinkam, weil die Türen kaputt waren. Dann ging er pleite, was mich nicht wundert. Heute können wir froh sein, dass die Amerikaner von O2 ihn 2005 übernahmen und eine Konzertarena draus machten. Sonderbarerweise läuft alles seitdem reibungslos.