Im Interview: Klaus Voormann "Ich wäre besser gewesen als Paul."

Starker Tobak? Nicht ganz, denn Klaus Voormann war wirklich einmal ganz nah dran an den Beatles. Fast wäre er fünftes Mitglied der Band geworden, die dann aber doch nur seine Haartracht übernahm. Der Bassist über Liebe und frühes Leid der Beatles.

Von Willi Winkler

Klaus Voormann, 1938 in Berlin geboren, arbeitete als Grafiker für Hörzu, als er im Hamburger Kaiserkeller zum ersten Mal die Beatles hörte. Bis heute ist er mit den Band-Mitgliedern befreundet. Er war es, der seinerzeit das Cover zu ihrem Album "Revolver" zeichnete. Später spielte er als Session-Musiker für Manfred Mann, die Moody Blues, bei den Hollies, bei John Lennon und George Harrison. Zusammen mit Bob Dylan trat er 1971 beim legendären "Concert for Bangla Desh" auf. Nach seiner Rückkehr aus den USA produzierte er unter anderem die deutsche Dada-Gruppe Trio. Klaus Voormann lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern am Starnberger See. Paul McCartney hat ihm das Vorwort zu seinen Erinnerungen geschrieben, die gerade unter dem Titel "Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John?" bei Heyne erscheinen sind.

(Foto: Bild: http://www.voormann.com)

Klaus Voormann: Ich muss das vielleicht vorweg erklären: Ich habe ein echtes legasthenisches Problem.

SZaW: Bei der Speisekarte?

Voormann: Ich muss sie laut lesen, ich muss es hören, dann versteh ich es. Wenn ich mir "Knoblauchspeck mit Hausbrot" laut vorsage, dann ist es sofort da und geht auch nicht verloren.

SZaW: Ist das eine Künstler-Krankheit?

Voormann: Das kann ich nicht sagen. Aber es hat zu vielen Komplexen und Problemen geführt, die ich seit meiner Kindheit mit mir herumschleppe.

SZaW: Waren die 50er Jahre denn so schlimm?

Voormann: Schlimm für mich war, dass von den Lehrern keiner meine Legasthenie erkannt hat. Der Lehrer sagte: "Lies aus dem Buch vor!" und ich wollte im Erdboden versinken. Diese Formeln in Chemie interessierten mich nicht, diese ganzen Daten in Geschichte sagten mir nichts, aber die Lehrer wollten es einem trotzdem mit der Knute einbläuen.

SZaW: Aber dann haben Sie die Schule geschmissen und sind nach Hamburg, wo Sie im Herbst 1960 eine obskure Liverpooler Band namens "The Beatles" entdeckten. Die können damals noch keine 20 gewesen sein, ich glaube, George Harrison war erst 17. Dämliche Frage: Wie waren die so?

Voormann: Laut. Ich hörte aus einem Keller an der Reeperbahn Krach und ging ihm nach. Ich war sofort gepackt, weil ich diese Musik in Hamburg hören und sehen konnte: Das war keine Scheibe, das war kein Radio, sondern das hat jemand wirklich gespielt! Ich konnte nur so staunen, wie sie mit ihren drei Instrumenten einen solchen Druck machten.

SZaW: Und dann sind Sie einfach hin?

Voormann: In der Pause bin ich hin und habe mich vorgestellt. Sie sahen unglaublich fremd aus: die Nietenjacken, die Entenschwanzfrisuren, die Stiefel. Ich arbeitete damals als Grafiker für Hörzu und Kristall, wollte aber viel lieber Platten-Cover gestalten. John Lennon verwies mich an Stuart Sutcliffe und sagte: "Red mit ihm, das ist unser Künstler."

SZaW: Diese Nietenjackenmusik passte ja nicht gerade zu einem verwöhnten Knaben aus dem Berliner Großbürgertum.

Voormann: Für meine Mutter war das Boogie-Woogie Negermusik, das kam aus dem Urwald. Aber für mich waren die Beatles eine Offenbarung, als würde ich plötzlich Rollerskaten oder Motorradrennen fahren. Bis dahin gab es hier den Jazz und dort die klassische Musik, und plötzlich kam etwas ganz Frisches dazu. Du merktest, die sprechen nicht für irgendwelche elitären Gruppen, sondern für das einfache Volk, für die Klofrau, die sich hinten einen abmacht, für den Zuhälter, der das geil findet, oder für einen berühmten Fotografen, der das gefressen hat.

SZaW: Das wird die Familie daheim gefreut haben. Ihr Großvater besaß in Berlin angeblich einen ganzen Stadtteil.

Voormann: Meinem Großvater gehörte praktisch ganz Heiligensee. Er hatte Ölaktien und Anteile bei südafrikanischen Diamantenminen. Ich habe ihn leider nicht mehr kennen gelernt. Er starb noch vor der Inflation von 1923.

SZaW: Glück gehabt.

Voormann: Wie man's nimmt.

SZaW: Vom vielen Geld blieben also nur Inflationsmilliarden?

Voormann: Mit diesen Scheinen haben wir Kinder Roulette gespielt.

SZaW: Standesgemäßer Zeitvertreib.

Voormann: Meine Großmutter war früher öfter zum Spielen nach Monte Carlo gefahren.

SZaW: Mit echtem Geld?

Voormann: Da war es noch echtes Geld. Ich hätte meinen Großvater ja gern noch gekannt; er war ein toller Kerl. Man erzählt sich, dass er manchmal mit Goldstücken warf und sich daran freute, wie die Mädchen kreischten und danach sprangen. Er ging gern aus und hatte auch mal eine andere Frau. Wenn er dann nach Hause kam, brachte er meiner Großmutter, seinem "Täubchen", ein Silbertablett voller Austern mit. Meine Oma, fuchsteufelswild, kickte ihm das Tablett aus der Hand, und er sagte: "Täubchen, ich wusste gar nicht, dass Austern fliegen können!" Dann war wieder alles gut.

SZaW: Es muss eine bessere Welt gewesen sein. Als Kind haben Sie selbstverständlich fleißig Klavier geübt.

Voormann: Ich habe Chopin gespielt, ich bin bei Konzerten aufgetreten und hätte vielleicht sogar ein guter Pianist werden können. Aber zu der Zeit war das einfach zu riskant. Das wollten meine Eltern nicht und ich letztlich auch nicht. Drum wurde entschieden, dass ich Grafik mache.

SZaW: Wenn man aus dieser Welt kommt, sind die schwitzenden Hamburger Keller doch der Abstieg in die Hölle.

Voormann: Natürlich. Es war kein Protest, aber ich bin weg, bin nach Hamburg auf die Kunstgewerbeschule und habe mich von meinen familiären Bindungen losgestrampelt. Das mit der Musik war einfach nicht zu vermeiden, diese Liebe kam aus dem Bauch. Die Beatles haben das Herz hinzugefügt.

SZaW: Die Hamburger "Beatles" waren noch zu fünft, John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Sutcliffe und der Drummer Pete Best. Es müssen raue Zeiten gewesen sein. Albert Goldman schreibt in seiner Biografie, John Lennon habe auf der Reeperbahn einen Matrosen getötet. Und Stu Sutcliffes Schwester behauptet immer wieder, Lennon habe Ihren Bruder umgebracht.

Voormann: Selbstverständlich gab es Schlägereien, bei denen Stuart verprügelt wurde, aber nicht von John, sondern von Typen, deren Mädchen Stuart gut fanden.

SZaW: Und dann soll John Lennon eine Klemmschwuchtel gewesen sein, und ein Verhältnis mit Stuart hatte er auch noch . . .

Voormann: Völliger Blödsinn. Die beiden kannten sich doch schon aus der Schule in Liverpool. Ich fand Stuart auch gut, und wir haben uns unter Jungs auch mal umarmt. Er war einfach ein charismatischer Künstler. In meinem ganzen Leben habe ich nie jemanden getroffen, der soviel sah und soviel wahrnahm wie dieser Bub - ob das ein Vogel war oder das Geräusch eines Zuges.

SZaW: Und warum hat sich dieser gut aussehende Bub auf der Bühne so furchtbar geschämt, dass er immer mit dem Rücken zum Publikum stand?

Voormann: Er schämte sich nicht wegen seines Aussehens, sondern weil er nicht wusste, was er greifen sollte auf seiner Klampfe. Rock'n'Roll hat ja eigentlich sehr wenig mit Musik zu tun. Bei "Tutti Frutti" zum Beispiel sind es immer die gleichen drei Akkorde, und am Bass hat man nur die Grundnote zu spielen. Da kann man nicht groß von Musikalität reden. Für Stuart war es schwierig, weil er kein Musiker war und keiner sein wollte. Seine Liebe zum Rock'n'Roll war trotzdem unendlich groß, und in seinem Charisma war er wie Elvis Presley.

SZaW: Stuart posierte, während George Harrison übte, bis ihm die Finger bluteten.

Voormann: George hatte eine sehr ehrgeizige Art, sich Licks anzueignen. Er konnte nicht wie Eric Clapton aus dem Stegreif Akkorde spielen, sondern musste sie sich zusammenbasteln. Der Typ Solo-Gitarrist war eher Paul McCartney.

SZaW: Der spätere Bassist Paul spielte in Hamburg noch zweite Gitarre .

Voormann: Meistens, später im "Top Ten" oder im "Star Club" hat er auch Klavier gespielt, einfaches Zeug.

SZaW: Weil Rock'n'Roll ja keine Musik ist.

Voormann: Doch, ist ja so.

SZaW: Trotzdem wollten Sie unbedingt Rock'n'Roll spielen?

Voormann: Ich habe Stuart Sutcliffe irgendwann den Bass für zweihundert Deutschmark abgekauft, denn er wollte lieber malen. Es stellte sich später heraus, dass ich tatsächlich ein guter Bassspieler war.

SZaW: Weil Sie sich die Sache lange genug von unten angeschaut hatten?

Voormann: Von meiner klassischen Ausbildung besaß ich zwar das Handwerkszeug, hatte aber von diesem Spielen auf der Bühne keine Ahnung. Die Stücke, die ich auf der Reeperbahn hörte, habe ich für mich allein zu Hause gespielt.

SZaW: Stu Sutcliffe konnte und wollte nicht spielen. Wollten Sie an seine Stelle treten?

Voormann: Kann sein. Beim letzten gemeinsamen Auftritt bin ich zu John gegangen und habe gesagt: "Du, John, würde denn das irgendwie möglich sein, dass ich den Bass spiele?" Und er sagte: "Sorry, Klaus, Paul hat sich schon einen Bass gekauft. Er wird unser neuer Bassist."

SZaW: Knapp verpasst.

Voormann: Hm.

SZaW: Ganz nah dran, und als es dann losging mit dem Weltruhm, doch nicht mit auf dem Wagen. Kann man das so sagen?

Voormann: Hm, ja, kann man.

SZaW: Bedauern Sie das?

Voormann: Es wäre interessant zu wissen, was passiert wäre. Sie wären halt nicht vier, sondern fünf gewesen. Hätte das funktioniert? Hätte ich da reingepasst? Die Stones waren auch fünf.

SZaW: Ursprünglich sogar sechs. Der Pianist Ian Stewart wurde rausgeschmissen, weil er nicht hübsch genug war.

Voormann: Das hätten Sie zu mir sicherlich nicht gesagt.

SZaW: Der Ex-Beatle Pete Best tritt manchmal auf Revival-Tourneen auf und fühlt sich noch heute betrogen.

Voormann: Und wenn er hundert Jahre alt wird: Pete Best ist kein guter Schlagzeuger. Er hatte einfach nicht das Charisma für eine Band, die nach vorne abgeht. Kann schon sein, dass mir dieses Charisma auch fehlte, aber es war Ringo, der den Swing in die Geschichte brachte.

SZaW: Sie haben es wie Pete Best knapp verpasst.

Voormann: Was die Wurzeln der Beatles angeht, wäre ich in gewisser Hinsicht besser gewesen als Paul.

SZaW: Ja?

Voormann: Das kriegen viele Leute womöglich in den falschen Hals, wenn ich das hier sage, aber ich gehe völlig anders an den Basspart ran. Ich wäre mehr für das Urtümliche, das Erdige gewesen. Wenn ich in der Band gewesen wäre, hätte ich meinen Einfluss für den Rhythm and Blues geltend gemacht.

SZaW: Für die Hamburger Kellerkinder.

Voormann: Ich weiß, dass John viel näher an dieser Basis hätte sein können, das kam später bei ein paar Stücken durch. Aber in dem Moment, als die Lennon-McCartney-Sachen anfingen, war das völlig weg - "Please Please me", "She Loves You", "Help" und alles. Sie hoben ab in eine ganz neue Art von Musik, und da wäre ich wahrscheinlich hinderlich gewesen.

SZaW: Anders als Paul McCartney, der in dem Film "Let It Be" mit seinen Hush-Puppie-Augen in die Kamera kriecht.

Voormann: Der Scharlatan.

SZaW: Aber wichtig wegen der Mädchen.

Voormann: Ohne Paul wäre die ganze Beatlemania nicht passiert. Paul ist ein Entertainer, er kann mit einem Publikum umgehen. Ganz anders als John, der war kein Frontmann.

SZaW: In Hamburg konnte er auf der Bühne sehr direkt sein, wenn er das Publikum mit "Sieg Heil!" grüßte.

Voormann: Er hat Scherze gemacht.

SZaW: Nazi-Witze.

Voormann: Das war alles unprofessionelles Zeug, das Professionelle kam von Paul.

SZaW: Stimmt es, dass John und Paul die Pilzkopffrisur aus Paris mitbrachten?

Voormann: Sie waren dort, aber Stuart hatte sie trotzdem als Erster.

SZaW: Wer hat sie ihm geschnitten?

Voormann: Astrid Kirchherr. Aber die Geschichte möchte ich nicht wieder aufrühren, sie ist nur peinlich.

SZaW: Warum nicht? Das ist doch Hamburgs einziger Beitrag zum Weltkulturerbe.

Voormann: Ich war der erste, dem Astrid die Haare so geschnitten hat, und die anderen wollten es dann auch so.

SZaW: Wo ist eigentlich der Bass von Stu Sutcliffe?

Voormann: Ich brauchte irgendwann mal Kohle und habe ihn bei Sotheby's für dreißig- oder vierzigtausend Mark versteigern lassen. Stus Schwester hat dann ein großes Gezeter veranstaltet, Diebstahl und alles, darum habe ich nur ein paar tausend Mark gekriegt. Ich wollte, ich könnte den Verkauf rückgängig machen. Ich hätte den Bass schon gern.