Im Interview: John Green Giraffensex und andere Schwierigkeiten

John Greens Jugendromane sind witzig, direkt und preisgekrönt. Trotzdem stehen seine Werke in den USA teilweise auf dem Index: Seine Teenager sind einfach nicht prüde genug. Jesus!

Interview: Martina Scherf

John Green - Poloshirt, Nickelbrille, leicht nervöser Blick - sieht immer noch eher aus wie ein Collegestudent als ein ernsthafter Schriftsteller. Doch nachdem er in den USA schon mehrere Preise, darunter den Printz Award für Jugendliteratur bekommen hat, wuchs auch seine internationale Fangemeinde. 2008 war sein Debüt Eine wie Alaska für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, jetzt erhält er für das dritte Buch Margos Spuren (Hanser) in München die "Corine". Das Buch ist eine Mischung aus Roadmovie, Detektiv- und Liebesgeschichte. Green schreibt so witzig über die tragischen Seiten der Pubertät, dass man selbst an Stellen lachen muss, die eigentlich zum Heulen sind. Er selbst wurde nach eigener Aussage 53 mal verlassen, bevor er heiratete, hat englische Literatur und Religionswissenschaften studiert und lebt heute mit Frau und Kind in Indianapolis. Mit seinem Bruder Hank betreibt er einen Videoblog (brotherhood 2.0), der eine weltweite Fangemeinde, die Nerdfighters, vereint. Ein Gespräch über Bücher und Internet, Glaube und Liebe.

In seinen Jugendromanen widmet sich der amerikanische Schriftsteller John Green den ganz großen Themen: Gott, Liebe, Tod. In München wird er dafür jetzt mit der "Corine" ausgezeichnet.

(Foto: © Peter-Andreas Hassiepen / Hanser Verlag)

SZ: John, mit 33 sind Sie kein Digital Native, aber steckten mitten in der Pubertät, als Sie das Internet entdeckten. Wie haben Sie das erlebt?

John Green: Ich war zwölf, als wir zuhause einen Internetanschluss bekamen, und ich hatte keine Freunde. Das war für mich ein Riesenvorteil: Plötzlich hatte ich eine Menge neuer Kontakte. Zumindest in der Anfangszeit waren alle im Netz unglaublich freundlich zu einander.

SZ: Waren Sie genauso schüchtern wie die Helden Ihrer Bücher?

Green: Ich hatte vermutlich noch viel größere Probleme!

SZ: Als Sie ins Netz abtauchten, haben Sie da aufgehört zu lesen?

Green: Nein, ich habe weiterhin Bücher verschlungen. Das ist bis heute so: Etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit verbringe ich mit Lesen und Schreiben, die andere Hälfte mit dem Internet. Das Internet kann einen schnell mit allen möglichen Leuten verbinden. Aber nur die Bücher versetzen einen ganz in das Denken und Fühlen einer Figur. Wenn ich Die Abenteuer von Huckleberry Finn lese, dann bin ich Huck Finn. Das ist die große Herausforderung: Teenagern zu zeigen, dass Bücher nicht wertlos geworden sind.

SZ: Die Identifikation mit einer Romanfigur ist größer als mit einem Avatar?

Green: Es ist doch so: Meine Gefühle sind real für mich, die Gefühle eines anderen sind es nicht. Wenn ich ein Buch lese, dann begreife ich die Gefühle der Hauptfigur aber als genauso real, weil ich ganz in seinen Gedankengängen stecke. Das kann das Internet nicht leisten. Wenn wir das verlieren, ist jeder nur noch aufs eigene Ego konzentriert.

SZ: Und das sagt einer, der täglich Stunden mit der Produktion von Videos, Blogs und Emails verbringt.

Green: Klar, ich liebe das. In unserer Videocommunity machen wir alle möglichen lustigen Dinge, wir tauschen Witze und Informationen aus oder sammeln Geld für soziale Projekte. Zum 30. Geburtstag meines Bruders Hank haben Zehntausende von Leuten auf der ganzen Welt mehr als 100000 Bäume gepflanzt, in Deutschland, Irak, Ägypten! Die Leute schickten mir ihre Videoclips und ich fügte sie zusammen.

SZ: Die meisten Treffer in Ihrem Videoblog hatte "Giraffensex".

Green: Fürchterlich, ja. Wir haben bisher 700 Videos produziert, davon drei über das Paarungsverhalten von Giraffen, und diese drei sind der Renner. Immerhin finanzieren sie uns den Blog durch Werbung.

SZ: In der deutschen Version steht da auch Werbung für Zahnprothesen und Verdauungsmittel drauf ...

Green: Ist das so? Das macht Google. Das ist nun mal auch das Netz: Wenn man es zulässt, trifft man sich auf dem banalsten gemeinsamen Nenner.

SZ: Der Blog hat auch für Ihr Schreiben einen Vorteil ...

Green: Er schafft eine enge Verbindung zu meinen Lesern. Sie diskutieren über meine Bücher.

SZ: Sie schreiben über erste Liebe, ersten Sex, die ersten Erfahrungen mit Verlust und Tod.

Green: Wenn du spürst, dass das Netz der Sicherheit, das deine Kindheit umgab, nicht mehr hält, wenn deine Gefühle all diese Erfahrungen zum ersten Mal erleben - das ist so kompliziert, so schmerzhaft, so faszinierend.

SZ: Sind Ihre Bücher so glaubwürdig, weil Sie sich noch so gut an diese Zeit erinnern?

Green: Ich fühle immer noch diese Intensität. Die meisten Erwachsenen arrangieren sich irgendwann mit den Unzulänglichkeiten des Lebens, mit Ungerechtigkeit, Verlust, Betrug. Sie regen sich nicht mehr so auf. Ich empfinde die Welt immer noch als sehr brüchig.

SZ: Trotzdem sind Ihre Geschichten auch sehr witzig.

Green: Das Leben ist ja auch komisch. Das Tolle an Teenagern ist aber, dass sie noch ohne Ironie über die großen Fragen reden - Gott, Liebe, Tod -, weil sie es das erste Mal tun. Sie reden ganz ehrlich. Und ich mache das meistens genauso. Man kann mir vorwerfen, das sei nicht sophisticated, aber so bin ich nun mal.

SZ: Sie wollten ursprünglich Priester werden?

Green: Ja, aber vor der Ausbildung arbeitete ich in einem Kinderkrankenhaus. Das hat meine Bücher geprägt, vor allem Eine wie Alaska - und mich von meinem Berufsziel abgebracht.

SZ: Weil es schwer auszuhalten war?

Green: Es war sehr schmerzhaft. Der Tod von Kindern ist das Unerträglichste, was einer mit ansehen muss. Es macht einfach keinen Sinn.

SZ: Hat das Ihren Glauben verändert?

Green: Ich gehe noch in die Kirche, aber es hat die Sache ganz schön verkompliziert.

SZ: Sie haben sich vor der Wahl für Obama engagiert. Wie empfinden Sie die Stimmung unter den jungen Leuten heute, zwei Jahre später?

Green: Ich bin froh, dass er Präsident ist, es gab einige gute Veränderungen. Aber das Problem der USA sind die Leute. Kulturell ändert sich gar nichts. Meine Bücher stehen immer noch in vielen Schulen und Büchereien auf dem Index, weil darin halt Sex vorkommt. Das ist eine Obsession in den USA.

SZ: Der Einfluss der religiösen Fanatiker nimmt zu?

Green: Leider. Sie argumentieren immer mit der Bibel, aber da steht doch nicht drin, dass ich keinen vorehelichen Sex haben darf! Ich muss doch wissen, wo ich herkomme. Stattdessen verteufeln sie - genauso wie im Islam - Frauen als gefährliche sexualisierte Objekte. Jesus, da sind wir doch echt drüber hinweg!

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