Im Interview: Jack Johnson:"Ich bin kein Schubidu-Typ"

Zwischen Surfen, Lagerfeuergesängen und Banana Pancakes lässt es sich wunderbar aushalten. So stellt man sich zumindest Jack Johnsons Leben vor. Ist er tatsächlich so entspannt?

Antje Wewer

SZ: Mister Johnson, ich habe gerade Ihr Buffet im Backstagebereich bestaunt: Schokoriegel, Erdnussbutter und Pfefferminztee. . .

Im Interview: Jack Johnson: Und dann summt er wieder selbstvergessen: Jack Johnson scheint das Leben leicht zu nehmen.

Und dann summt er wieder selbstvergessen: Jack Johnson scheint das Leben leicht zu nehmen.

(Foto: Foto: AFP)

Jack Johnson: Nur weil ich auf Tour bin, schmeiße ich meine guten Angewohnheiten doch nicht über Bord.

SZ: Überall steht Bio drauf.

Johnson: Mir ist auch wichtig, dass unser Obst und das Gemüse aus der Region kommen. Jedes Bandmitglied hat seine eigene Wasserflasche, die immer wieder aufgefüllt wird, damit wir nicht zu viel Plastik produzieren. Unser neues Album wurde zu 100 Prozent mit Solarenergie produziert. Die Fan-T-Shirts sind zu 100 Prozent aus ökologischer Baumwolle, wir trennen den Müll im Backstagebereich. . .

SZ: . . .und vor jedem Ihrer Konzerte treffen Sie lokale Umweltverbände zum Gespräch. Verzeihung, aber sind Sie so was wie ein Öko-Streber?

Johnson: Ich verstehe das jetzt mal als Kompliment. Wäre ich nicht Musiker, würde ich garantiert bei einer dieser ehrenamtlichen Umwelt-Organisationen arbeiten.

SZ: Klingt zu gut, um wahr zu sein. Andererseits: Sie fliegen ständig um die Welt, und wenn Sie weg sind heute abend, wird hier im Pavello Olympic eine Menge Müll rumliegen.

Johnson: Ja. Ich bin alles andere als perfekt. Durch Europa toure ich mit einem Luxus-Liner, der ein irres Benzin verbraucht. Und Konzerte sind alles andere als umweltbewusste Veranstaltungen, dass Licht, der Sound . . .

SZ: Sie aber sagen sich: Kleinvieh macht auch Mist.

Johnson: Ich kann nicht anders. Den Lebensstil habe ich mit der Muttermilch aufgesogen. Meine Mutter Patti war Öko, ohne zu wissen, was das ist. Sie hat schon immer mit Produkten aus unserem Garten gekocht, und sie hatte nie das Verlangen, ein zweites Set Geschirr zu kaufen. Jeff, mein Vater, ist ein passionierter Segler. Auf seinem Boot haben meine beiden Brüder und ich früh gelernt, wie man mit den Ressourcen umgeht. Mein Vater ist auch ein begnadeter Handwerker, er repariert alles. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass bei uns mal was im Müll gelandet ist.

SZ: Shoppen gehen Sie scheinbar auch nicht. Sie treten immer in T-Shirts, Shorts und den gleichen Sandalen auf.

Johnson: Bisher habe ich maximal bei 20 Gelegenheiten einen Anzug tragen müssen. Davon waren drei Hochzeiten. Die meisten Leute, die ich kenne, heiraten in Flipflops. Ich sogar barfuß. Aber für Award- Verleihungen wie dem Grammy verkleide ich mich und binde einen Schlips um.

SZ: Sie waren neben Stevie Wonder als bester männlicher Sänger nominiert. . .

Johnson: . . .und ich kann Ihnen nicht sagen, wie glücklich ich war, dass ich nicht gewonnen habe. Stevie Wonder ist ein Genie. Ich singe ja immerzu nur in ein und derselben Stimmlage.

SZ: Manche behaupten: Bei Ihnen klingt ein Song wie der nächste. Tut das weh?

Johnson: Was kann ich sagen außer: stimmt. Jeden meiner Songs könnte man dem einen, aber auch dem anderen Album zuordnen. Es würde keinen Unterschied machen. Na und? Das ist eben mein Stil.

SZ: Und den mögen viele Menschen. Frauen finden Sie süß, Männer deswegen eher bedrohlich. Bis jetzt haben Sie mehr als 15 Millionen Alben verkauft. Ihre Erklärung für den Erfolg?

Johnson: Die fehlt mir manchmal selbst. Meine Melodien sind eingängig, sie spülen den Leuten das Meer ins Ohr und beruhigen sie. Vielleicht sind sie auch von den Texten gerührt? Ich weiß es nicht, der Erfolg hat mich selber überrannt. So sehr, dass ich mich irgendwann nicht mehr einordnen konnte. Nach meinem zweiten Album war ich erschöpft und lustlos. Ich habe mir eine Auszeit genommen, bin gesurft, hab gefischt, bin Kanu gefahren, habe mein Kartoffelfeld bestellt und an alten Elektrogeräten rumgeschraubt. Wahrscheinlich bin ich für viele der fleischgewordene endless summer. Obwohl ich im wahren Leben eher wie die vier Jahreszeiten funktioniere: Im Herbst verliere ich meine Blätter und will dann nur noch nach Hause und auf Hawaii überwintern.

SZ: Sie sind ein braungebrannter Surfer, der davon singt, wie schön es ist, mit der Freundin im Bett zu bleiben, wenn es draußen regnet, und dazu Banana Pancakes zu essen. Tun Sie das denn häufig?

Johnson: Kommt drauf an, ob es Wellen gibt. Wenn nicht, backe ich tatsächlich für meine Familie Banana Pancakes.

SZ: Okay, warum sind Surfer so dauerentspannt? Kiffen die nicht einfach nur mehr als andere?

Johnson: Nein. Sie wissen, dass man im Leben nichts erzwingen kann. Wer surft, ist vom Wetter und vom Wind abhängig. Und der kommt und geht, wie er will. Wer das kapiert hat, wer diese Einstellung auf andere Bereiche seines Lebens überträgt, der wird automatisch entspannter. Außerdem machen passionierte Surfer jeden Tag etwas, was sie absolut lieben. Das schafft schon mal eine gewisse Grundzufriedenheit.

SZ: Sie wurden ohne große Ambition oder Anstrengung Popstar. Sie nehmen also keine Drogen, sind skandalfrei und noch dazu so wahnsinnig nett. Provoziert das alles eigentlich nur mich? Oder auch andere Menschen?

Johnson: Na ja, es gibt Leute, die mich als langweilig abtun. Ich mag mein Leben. Ich wäre viel zu faul, um einen Rock'n'Roll-Lifestyle zu führen. Ich trinke gerne mal ein Bier, aber ich wache morgens noch lieber ohne Kater auf. Vor kurzem ist eine Biographie über mich erschienen, gegen die ich mich gewehrt habe.

SZ: Wieso?

Johnson: Genau aus den gerade genannten Gründen. Warum in Gottes Namen will jemand über einen 33-jährigen Typen, der immer noch an dem Ort lebt, wo er groß geworden ist, ein Buch schreiben? Mann, mir ist das peinlich.

SZ: Dieser Ort heißt Oahu und ist eine kleine Insel im Pazifik. Sie leben wieder ganz in der Nähe Ihres Elternhauses. Reagieren die Nachbarn anders, seit Sie mit Ihrem Album auf Platz eins der amerikanischen Billboard Charts sind?

Johnson: Nee, wahrscheinlich haben die das gar nicht mitbekommen. Wir leben da immer noch in unserem Einfamilienhaus ohne Personal. Wir haben keine Kinderfrau, meine Eltern passen auf unsere Jungs auf oder Freunde. Dazu kommt, dass die Hawaiianer andere Dinge beeindrucken: Wenn Tom Cruise und Kelly Slater zusammen an den Strand kämen, würde es großes Geschrei geben. Aber nicht wegen Cruise. Sondern wegen des großartigen Surfers Slater.

SZ: Sie selber surfen seit Ihrem vierten Lebensjahr.

Johnson: Nichts Besonderes, auf Hawaii lernt jeder Junge surfen. Das ist wie Fahrradfahren, irgendwann ist man halt fällig.

SZ: Mit 17 Jahren waren Sie der jüngste Teilnehmer der Pipeline-Masters auf Maui. Einem der härtesten Surf-Wettbewerbe überhaupt.

Johnson: Damals war ich wahnsinnig ehrgeizig, habe morgens, mittags und abends trainiert. Ich schaffte es bis ins Finale und wurde dann disqualifiziert.

SZ: Haben Sie deshalb aufgehört?

Johnson: Nein, eher wegen der Erkenntnis, dass es mich stresst, mich mit Kumpels zu messen. Ich stand kurz davor, die Liebe zum Surfen zu verlieren. In erster Linie wollte ich aber aufs College und von der Insel runter. Ich bin dann nach Santa Barbara in Kalifornien . . .

SZ: . . . und haben dort Mathematik studiert.

Johnson: Daran ist Kim schuld. Ich habe sie in der ersten Woche in der Caféteria kennengelernt. Sie wollte Mathelehrerin werden. Und sie war die schönste Frau der Welt. Also belegte ich ihre Kurse, um ihr nah sein zu können. Hat mir allerdings nicht viel Spaß gemacht. Meinen Abschluss habe ich dann im Fach Film gemacht.

Lesen Sie auf Seite 2, wann Jack Johnson aussieht wie ein Elefantenmensch.

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