Im Interview: Gunter Sachs "Auch Playboys werden weiser"

SZ: 1973 gab es eine Umfrage, nach der Sie noch vor dem Bundespräsidenten als der bekannteste Deutsche galten.

Sachs: Das kam im Januar 1973 am Tage unserer Aufsichtsratssitzung heraus - mir war das furchtbar peinlich, weil die das alle gelesen hatten.

SZ: Wie darf ich mir das vorstellen: Sie waren Playboy und haben sich gleichzeitig um die Firma Fichtel & Sachs gekümmert?

Sachs: Nie wurde ich fotografiert, wenn ich morgens mit der Aktentasche ins Büro ging. Für den Illustriertenleser war ich elf Monate im Jahr in Saint-Tropez. In Tat und Wahrheit habe ich die Firma an leitender Stelle immerhin 18 Jahre mitgeführt. Ich hatte eine Organisation, die mich täglich auf dem Laufenden hielt, auch die fünf Wochen in Saint-Tropez. Selbst die späteren Käufer attestierten mir, dass Fichtel & Sachs erstklassig geführt war.

SZ: Ihr Vater, der Industrielle Willy Sachs, hat sich 1958 in seiner Jagdhütte erschossen. Wie haben Sie das erlebt?

Sachs: Nach der Scheidung meiner Eltern bin ich schon als kleines Kind mit meiner Mutter in die Schweiz gezogen, so stand ich meinem Vater nicht so nahe wie andere Kinder. Sein Tod kam gleichwohl äußerst unerwartet. Ich erlebte ihn meistens guter Laune und oft sehr lustig, manchmal auch aufbrausend, was aber schnell vorüber ging. Seit seiner amerikanischen Gefangenschaft soll er oft sehr depressiv gewesen sein - aber so erlebte ich ihn nie. Dass er so gelitten hat, wie er gelitten haben muss, war uns Brüdern nicht bewusst. Depressive verfügen ja meist nicht über die Kraft, sich das Leben zu nehmen, aber als Jäger mit Waffen im Haus gab es hier keine Hindernisse.

SZ: Ist Ihnen das Gefühl fremd, dass man nach außen lebenslustig ist, aber einen trotzdem Depressionen befallen?

Sachs: Anfang der Sechzigerjahre hatte ich eine schwer kranke Freundin, die ich zwei Jahre in meinem Haus in Lausanne pflegte. Da musste ich, trotz riesiger Sorgen, vor ihr stets fröhlich wirken. Vielleicht geht es Depressiven ähnlich.

SZ: Was war die beste Zeit Ihres Lebens?

Sachs: Die sechziger Jahre waren eigentlich die amüsantesten. Durch meine Nähe zu bekannten Frauen und meine internationalen Männerfreundschaften galt ich wohl zu Recht als Playboy. Heute bin ich fast vierzig Jahre mit einer Frau verheiratet - der Playboy ist mir geblieben. Wir haben unseren Frieden damit gemacht.

SZ: Und seitdem sind Sie unter der Fuchtel?

Sachs: Natürlich muss sich jeder in einer Ehe anpassen - aber Schwedinnen möchten keinen Mann unter der Fuchtel.

SZ: Nach Mao gehört den Frauen die Hälfte des Himmels.

Sachs: Da gibt es zwischen den Geschlechtern wohl weniger Zank und weniger Fuchtel.

SZ: Reden wir nicht mehr über Frauen, sondern über den Kunstsammler, der kategorisch erklärt, "Die Kunst ist weiblich ...".

Sachs: Kategorisch bin ich bei Ansichten nie. Im Übrigen fallen mir dafür mehrere gute Gründe ein: Erstens zeigt schon ein Blick ins Wörterbuch, dass die Kunst weiblich ist. Zum Zweiten gibt es keine männliche Muse und drittens kommt die wahre Kunst aus der Intuition, von der selbst wir Männer wissen, dass sie weiblich ist.

SZ: Wann haben Sie mit dem Sammeln angefangen?

Sachs: Die Freude an der Kunst liegt mir offensichtlich im Blut. Schon als Kind habe ich Tierbilder aus Zigarettenbeilagen gesammelt. Die Beilagen ergaben damals eine Serie "Die Vögel der Welt".

SZ: Und dann?

Sachs: Als Schüler habe ich Delacroix' Schlachtenbilder und die Ballett-Mädchen von Degas verehrt. Nach meinen Examen kam ich nach Paris und lernte das lustige Völkchen der "Coupole" kennen. Das war so Ende der Fünfziger, vielleicht ein Jahr vor dem Beginn des Nouveau Realisme. Sie müssen wissen, das war damals etwas völlig Neues. Niemand kannte in Deutschland diese Künstler, wie César, Arman oder Yves Klein. César ist bald bekannter geworden, weil er Autos mittels einer riesigen Presse zu Kunstobjekten komprimieren ließ. Er sagte natürlich auch zu mir: ,Guntère, tu as du fric alors achète un', kauf Dir eins!" Da war ich aber schon ohne seine Anweisung dran. Ich liebte ihn und die ganze Bewegung. Nichts war teuer, und ich bewunderte Aktionen wie die von Yves Klein mit seinem Monocorde-Orchester. Später lernte ich im "Meurice" Salvador Dalí kennen, dessen Bilder viel zu teuer für mich waren, aber wir hatten großartig skurrile Augenblicke zusammen. So trudelte ich peu à peu in die Kunstwelt. Sammler war ich an dem Tag, an dem ich merkte, dass ich mehr Bilder als leere Wände hatte.

SZ: Und Ihre Jet-Set-Freunde, was haben die zu dieser Leidenschaft gesagt?

Sachs: Wenn ich einen Cocktail mit Society-Freunden gab, hängte ich anfangs die Yves Kleins ab. Alle mokierten sich darüber, wie man für ein uniblaues Bild 4000 Francs bezahlen konnte. Heute zahlen - vielleicht dieselben - über das Tausendfache dafür.

SZ: Sie haben das Turmzimmer im Palace-Hotel in St. Moritz gemeinsam mit Tom Wesselman, Andy Warhol, Roy Lichtenstein und César eingerichtet. Ist das nicht furchtbar, wenn einen die siebgedruckte Marilyn Monroe gleich dutzendfach entgegenlächelt?

Sachs: Achtfach, die gibt es nicht im Dutzend. Mir gefiel Warhols Idee der verfremdeten Klone sofort.

SZ: Im vergangenen Jahr haben Sie sich eine Wohnung ganz mit Graffiti sprayen lassen und das wieder im Turm eines Grand Hotels.

Sachs: Ja, aber das mit dem Turm im Hotel war purer Zufall. Ich holte mir die beiden erstklassigen Graffiti-Künstler "Dare" und "Toast" in meine Wohnung im Schlosshotel Velden. Nachdem sie mir einen höchst erstaunlichen Entwurf ihrer Arbeit präsentiert hatten, zu dem ich nur wenige Änderungen vorschlug, ließ ich sie drei Wochen und fünf Nächte auf die leeren Wände sprühen. Ich war immer heimlich fasziniert von den etwas unheimlich wirkenden Graffitis und war bass erstaunt über die Kunstwerke in unserer Wohnung.

SZ: Kunst ist heute doch kein Privatvergnügen mehr, sondern eine Börse.

Sachs: Für mich ist Kunst stets ein selbstverständlicher Umgang gewesen. Heute sind die Preise - vor allem durch asiatischen und russischen Reichtum - verzerrt wie im Panoptikum. Bei den Auktionen kommt es zu Trotzpreisen zwischen Tycoons und Oligarchen. Danach werden die Preise der nächsten Auktion bemessen. Und so weiter und so fort - bis Babylon.

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