Götz Aly über die 68-Bewegung Der große Kater

SZ: Wie sah Ihre revolutionäre Karriere aus?

Studentenproteste vor der FU Berlin: Götz Aly erkennt in der rebellierenden Jugend von 1968 Verhaltensparallelen zur NS-Generation.

(Foto: Foto: AP)

Aly: Ich habe ganz klassische Erfahrungen gemacht. Kaum war ich in Berlin, landete ich für eine halbe Nacht im Polizeigefängnis, weil wir auf der Grünen Woche am griechischen Stand gegen die Athener Militärdiktatur protestiert hatten. Ruckzuck ergriffen uns kriegserfahrene Zivilpolizisten. Ich studierte damals am Otto-Suhr-Institut (OSI), schloss mich Politzirkeln an, begann vor irgendeiner iranischen Einrichtung auch Steine zu werfen. Als ich nach Berlin kam, hatte der Zerfall der Protestbewegung, insbesondere des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), bereits begonnen. Wie für totalitäre Bewegungen typisch, entstanden in dieser Situation ständig neue, immer radikalere Frontorganisationen. Die älteren Studenten erschienen uns bereits satt und behäbig. Wir gründeten also am OSI eine Grundsemesterorganisation, mit dem Ziel, Jüngere für unseren Kampf zu mobilisieren.

SZ: Dabei kam es dann zur Schweinejagd-Aktion?

Aly: Ja, im Sommersemester 1971. Damals bestimmten wir Radikalen im ganzen Institut das Klima. Ganz wenige Studenten wagten sich noch zu den liberalen Professoren, die wir Linksextremisten zu Rechtsradikalen oder Konterrevolutionären erklärt hatten. Zu diesem Zeitpunkt boten die faktisch liberalen Professoren ein Seminar über Pluralismus-Theorien an. Pluralismus fanden wir Jungmarxisten extrem provozierend und riefen dazu auf, das Seminar zu sprengen. Zu dieser Aktion wurde in einem besonders schäbigen, von mir mitverfassten Flugblatt aufgerufen: dem Schweinejagd-Flugblatt. Das Wort "pig" hatten wir früh aus der Black-Power-Bewegung übernommen. Die Gegner waren immer sehr schnell Schweine. Was mir heute an diesem Flugblatt besonders peinlich ist: Richard Löwenthal, der als Kommunist, auch als Jude verfolgt gewesen war, sich ins Exil retten konnte und dennoch nach Deutschland zurückkehrte - diesen Mann hatten wir als eines der größten Schweine gemalt; ein kräftiger Geselle, der ausgerechnet das antisemitisch konnotierte Wort "Hepp" ausstieß, warf ihn auf den Misthaufen der Geschichte.

SZ: Worauf stützen Sie, neben Erinnerungen, Ihre polemische Darstellung?

Aly: Zunächst hielt ich die Sache für einfach. Ich dachte, ich gehe in das APO-Archiv der FU, in dem das ganze Schrifttum der sogenannten Außerparlamentarischen Opposition liegt. Aber man kann dieses Zeug überhaupt nicht mehr lesen. Ich gewann erst dann einen roten Faden für das Buch, als ich begann, die Hinterlassenschaften unserer damaligen Gegner zu sichten. Ich bin ins Bundesarchiv, nach Koblenz, habe dort Akten der Bundesregierung gelesen, dann die Nachlässe der FU-Professoren Richard Löwenthal und Ernst Fraenkel. Das hat mir geholfen, über die Veteranenliteratur hinauszukommen. Die Einsichten, die unsere damaligen Gegner über uns formulierten, lassen '68 auf neue Weise lebendig und interessant werden. Im Übrigen haben sich deren Werke als wesentlich haltbarer erwiesen als unsere peinlichen, durchweg in einem hypertrophen Tonfall gehaltenen damaligen Schriften.

SZ: Woran liegt das? Verdirbt das Bewusstsein, recht zu haben, den Stil?

Aly: Ich halte die Revolte inzwischen für ein Verkleidungsspiel. Die Akteure kostümierten sich verschieden: mal kubanisch, mal maoistisch, manche auch sowjetfreundlich oder trotzkistisch. An diesen Kostümierungen war außer der Wichtigtuerei nichts Echtes. Die theatralische Verachtung von Pragmatismus und Kompromissbereitschaft wirkte sich zerstörerisch aus. Erst später, von der Mitte der 70er Jahre an, als die 68er langsam begannen, ihre Ideen auf die Realität zu beziehen, entstanden vernünftige Texte. Solange die Revolte in ihrer unmittelbaren Revolutions- und Utopieseligkeit verharrte, und sich - besonders im ummauerten Westberlin - nur auf sich selbst bezog, produzierte sie Unlesbares.

SZ: Nun geben viele 68er gern zu, damals übertrieben zu haben. Aber ohne Provokation hätten sie doch in dem muffigen, autoritären Land, das sich mit seiner jüngsten Vergangenheit nicht befassen wollte, wenig bewirken können.

Aly: Die Behauptung von der Muffigkeit geht heute sehr einfach über die Lippen. Aber aus historischer Sicht kann man das so nicht sagen. Die selbstbefriedete Ruhe der alten Bundesrepublik war die Gegenreaktion auf den ungeheuerlichen Aktionismus Nazi-Deutschlands. Dieser Staat hatte 18 Millionen Soldaten auf Raub- und Vernichtungszug quer durch Europa geschickt. Es blieb 1945 nichts anderes übrig, als diese völlig überdrehte Gesellschaft, die am Schluss selber Opfer der selbsterzeugten Gewalt geworden war, in eine Art Heilschlaf zu versetzen, in ein künstliches Koma. Das kann man weder der Adenauer-Republik noch der Ulbricht-Zeit vorwerfen. Es gab dazu keine vernünftige Alternative.

SZ: In diesem Schlaf konnte ein Großteil der NS-Eliten wieder Fuß fassen...

Aly: Ja, was hätten Sie denn machen wollen? Diese alten NS-Eliten waren sehr jung, und es haben sehr viele mitgemacht im Dritten Reich. Adenauer hatte völlig recht: Solange man kein sauberes Wasser hat, kann man das schmutzige nicht weggießen. Als die Kinder der 33er 1967 zu revoltieren begannen, gab die Bundesregierung sofort Umfragen in Auftrag. Dabei kam stets heraus: Die Jungen, die Studenten, waren Demokraten; die Alten verharrten in der nazistischen Gedankenwelt. Diese hielten den Nationalsozialismus noch überwiegend für eine gute Sache, die bloß falsch durchgeführt worden sei. Die Bundesregierung sagte - und das ehrt sie: Wir müssen auf die Jungen setzen, nicht auf die Alten.

SZ: Also gab es doch Reformbedarf?

Aly: Selbstverständlich. Nachdem die "Generation Kohl", damit meine ich die heute 80-Jährigen, die den Krieg als junge Leute mit all seinen Schrecken erlebt hatten, erwachsen geworden war, drängte diese Generation darauf, den schon beschriebenen Heilschlaf der deutschen Gesellschaft zu beenden. Das unvermeidliche Erwachen führte geradewegs in eine entsetzliche Katerstimmung.

SZ: Welchen Anteil hat die Studentenrevolte an diesem Erwachen?

Aly: Die Studentenrevolte war Teil des gesellschaftlichen Katerelends, nicht Teil des Erwachens. Sie muss als Teil einer umfassenden Erneuerungskrise der alten Bundesrepublik verstanden werden. Im Gegensatz zu den Altersgenossen in der DDR und im Gegensatz zu der nur wenig älteren "Generation Kohl" sind wir 68er in stark zunehmendem Wohlstand aufgewachsen. Wir waren die erste Generation, die sich den Luxus leisten konnte, zu revoltieren statt zu studieren. Wir haben als Studenten die Symptome der Erneuerungskrise am deutlichsten und härtesten ausgelebt. Das heißt nicht, dass wir sie ins Werk gesetzt hätten.

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