Götz Aly über die 68-Bewegung Der große Kater

Historiker Götz Aly

(Foto: Arno Burgi/dpa)

"Unser Kampf": In seinem neuen Buch rechnet Historiker Götz Aly tüchtig mit der 68er-Generation ab - polemisch und provokativ.

Interview: Jens Bisky

Mit Büchern über den Nationalsozialismus ("Endlösung", "Hitlers Volksstaat") ist der Historiker Götz Aly bekannt geworden. Am 18. Februar erscheint sein irritierter Rückblick auf die 68er: "Unser Kampf. 1968" (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, 256 Seiten, 19,90 Euro).

SZ: Ihr Buch über 1968 trägt den Titel "Unser Kampf". Ist das noch polemisch oder schon bösartig?

Götz Aly: Der Titel hat drei Vorteile. Erstens wird meine Position sofort deutlich. Ich schreibe als Beteiligter über unsere wilde, auf Weltveränderung bedachte Bewegung. Zweitens war "Kampf" ein Zentralbegriff der 68er. Ununterbrochen war irgendwo "Kampf" angesagt. Ich selber habe eine Zeitung herausgegeben, die Hochschulkampf hieß. Drittens ist der Anklang an Hitlers "Mein Kampf" gewollt: Ich erinnere daran, dass 1968 eine Spätfolge, aber eben auch ein Spätausläufer des Totalitarismus ist.

SZ: Damit sehen sich die 68er in die Nähe ihrer Gegner gestellt.

Aly: Der Titel soll natürlich auch provozieren. Meine Ex-Genossen provozierten ja gern, und zum Teil tun sie das heute noch. Aber selber werden sie nicht so gern provoziert.

SZ: Woran liegt das?

Aly: Diese Studentengeneration hatte etwas Elitäres, auch Narzisstisches. Aus dieser selbstverliebten Revolte gingen Menschen hervor, die sich immer auf der besseren Seite der Geschichte sahen. Ohne selbst eine reale Leistung erbracht zu haben, kultivierten sie ein moralisches Überlegenheitsgefühl. Gerade die Ostdeutschen bekamen das in Form permanenter Besserwisserei zu spüren.

SZ: Das öffentliche Bild von 1968 liefert durchaus Gründe, stolz zu sein auf den Beitrag zur Demokratisierung des Landes. Sie dagegen betonen die totalitären Züge der Studentenbewegung. Wann ist Ihnen das zum ersten Mal aufgefallen?

Aly: Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Dabei bemerkte ich rasch, wie jung die Träger des Nationalsozialismus waren. Es handelte sich um eine Jugenddiktatur. Mir fiel früh auf, dass dieses antibürgerliche, ja antiautoritäre Verhalten, das Legere, auch Diskursive innerhalb der nationalsozialistischen jungen Elite etwas mit uns 68ern zu tun haben könnte. Insofern hat mir meine Beteiligung an der Studentenbewegung auch geholfen, den Nationalsozialismus zu verstehen: Sie bildete für mich eine totalitäre Selbsterfahrung, die mir zum methodischen Hilfsmittel geworden ist.

SZ: Sie werfen den Achtundsechzigern vor, dass sie eine Flut von Erinnerungsbüchern produziert haben. Gehört Ihres nicht auch dazu?

Aly: Ich konnte gar nicht anders, als eigene Erfahrungen zu verarbeiten, die natürlich beschränkt sind. Sie beziehen sich auf die Berliner Zeit vom Spätherbst 1968 an. Vorher studierte ich in München an der Journalistenschule und war an der Revolte nur aus der Ferne beteiligt. Geschrieben habe ich das Buch eigentlich für meine inzwischen erwachsenen Kinder und für alle anderen, die sich nicht mehr vorstellen können, warum man bestimmte Verrücktheiten gemacht hat: Kommunen gründen, das Geld in Kollektivkassen werfen, nächtelang psychodramatische Gruppendiskussionen über angebliche seelische Verbiegungen Einzelner abhalten - eine Art Exorzismus der "Reste des bürgerlichen Zwangscharakters". Ähnlich wie die nationalsozialistischen Studenten in den Jahren 1926 bis 1933 erfreuten wir 68er uns am Übergang von der "Ich-" zur "Wir-Zeit".

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