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Im Interview: Beth Ditto:"Ich bin ein gutes Mädchen"

SZ: Sie haben die Highschool überlebt. Wie?

Ditto: Der erste Teil der Lösung war die Erkenntnis: Ich werde niemals so cool wie die anderen sein. Ich war wie gesagt immer kräftig gebaut, ich hasste Sport. Also fing ich an, mich für Sachen ins Zeug zu legen, die andere albern fanden. Ich betreute das Jahrbuch. Ich trat dem Französisch-Club bei. Ich ging in den Chor.

SZ: Sehr nerdy. Wie man heute sagen würde.

Ditto: Richtig. Die Nerd-Kultur der Neunziger - für alle Außenseiter war das die Wahnsinnschance, die sich unerwartet auftat. Dank solcher Subkulturen konnten ich und die ganzen anderen Trottel die Attitüde adaptieren: Ja, wir sind Trottel - und wir sind stolz darauf, denn trottelig ist das neue Cool. Meine Botschaft an alle Außenseiter lautet: Formiert euch. Ihr müsst Freunde suchen. Leute, die euch helfen, wenn Menschen gemein sind. Euer Geheimnis isoliert euch, also los, vertraut euch jemandem an. Das wird euch nicht vor Gemeinheiten schützen, aber vielleicht vor der Einsamkeit.

SZ: So hat es bei Ihnen funktioniert?

Ditto: Das ist der zweite Teil meiner Überlebensstrategie. Wenn ich bei Menschen das Gefühl hatte, sie könnten mich akzeptieren, bin ich näher an sie herangerückt. So habe ich Freunde gefunden. Wir haben gemeinsam Punk entdeckt. Unsere Band Gossip gegründet. Das Leben begann.

SZ: Seitdem haben Sie sich nicht nur neu erfunden. In der Emanzipationsbewegung und in der Homosexuellen-Szene verehrt man Sie, weil Sie sich immer offensiv zu Ihrer eigenen Homosexualität bekannt haben. Wie alt waren Sie, als Sie entdeckten, dass Sie Frauen lieben?

Ditto: 15. Ich hatte wahnsinnige Angst davor, in die Hölle zu kommen.

SZ: Searcy liegt in Arkansas, dem sogenannten Bibel-Gürtel Amerikas. Auf Ihrem Schulweg sahen Sie überall Plakate mit Slogans wie "Gott sieht dich".

Ditto: Ja. Ich habe nie wirklich an ihn geglaubt. Aber bis heute glaube ich an die Hölle. Das ist seltsam.

SZ: Wie oder was ist die Hölle für Sie? Sieht sie aus wie ein Hieronymus-Bosch-Gemälde? Riecht es nach Schwefel?

Ditto: Ich stelle sie mir nie bildlich vor. Aber wenn Sie mich so fragen, würde ich sagen: Es ist ein Ort ohne meine Freunde, ohne Familie. Die Hölle ist Einsamkeit.

(...)

SZ: Wir müssen darüber reden, wie Sie nackt auf dem Cover des NME posierten.

Ditto: Klar doch. Das war 2007.

(...)

SZ: . Sie wurden danach schlagartig berühmt. "Kiss my ass" stand neben Ihnen, und die meisten sahen es als Akt der Befreiung von Stereotypen. Einige wenige haben Ihnen auch vorgeworfen, Sie würden ein ungesundes Rollenvorbild propagieren.

Ditto: Wilde Sache, oder? Dabei ist es ein Mythos, das alle Menschen, die dick sind, deswegen ungesund sind.

SZ: Ist es nicht manchmal sogar schwer, dieses Gewicht zu halten? Sie tanzen bei Ihren Shows stundenlang. Und Sie sitzen seit Anbeginn unseres Gesprächs noch keine zehn Sekunden still.

Ditto: Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch sitze, denn ich muss immer in Bewegung sein. Nur wenn ich mal einen Tag frei habe, bleibe ich von morgens bis abends im Bett. Das macht mir mehr Spaß als shoppen zu gehen oder Party zu machen, schon weil es so selten ist. Jedenfalls - ich glaube, dieses ist mein natürliches Gewicht. So bin ich einfach gebaut.

SZ: Kennen Sie sich selber in dünn?

Ditto: Ja. Ich bin zwar dick, seit ich ein Baby war, aber mit 23 wurde ich sehr krank. Ich verlor meine Stimme, zeitweise sogar meine Sicht. Es hat ein Jahr gedauert, bis man die Ursache, eine Autoimmunschwäche, fand. Damals trug ich nur noch Größe 38. Es war absolut verstörend.

SZ: Was daran?

Ditto: Bekannte, die mich sahen, riefen: Du siehst aber irre gut aus! Ich dachte nur - ihr Wahnsinnigen. Ich könnte sterben.

SZ: Gibt es irgendetwas, das Sie aufgrund Ihrer Statur nicht machen können?

Ditto: Ich muss nachdenken. Manchmal passe ich nicht in Armlehnstühle. Aber manchmal passe ich auch in Armlehnstühle. Und kann sie dann, beim Aufstehen, mit meinem Hintern hochheben.

SZ: Jemand schrieb, es sei ein rauschähnlich befreiendes Gefühl, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen mit einer Figur, die nicht der Norm entspricht.

Ditto: Da ist auch was dran. Es ist aber nicht mit einem Rausch zu vergleichen, sondern eher so, als würde man ein Kunstwerk präsentieren. Es geht nicht um Sexualität, sondern um die unmittelbaren Reaktionen, um Inspiration. Die Leute dadurch in Bewegung und zum Reden zu bringen - das liebe ich. Es macht mir nichts aus, die Ursache von bösem Gerede zu sein. Alles, was jemals irgendwo von irgendwem über Dicke gesagt wurde, hab' ich eh längst zu hören gekriegt.

(...)

SZ: In Deutschland ist Ihr Hit Heavy Cross die meistgespielte internationale Single aller Zeiten.

Ditto: Oh Gott, Sie Armen, es tut mir ja so leid.

SZ: Mittlerweile entzieht sich das der kritischen Wahrnehmung. Im Autoradio auf dem Weg zum Bäcker, auf Partys jeder Altersstufe - seit einem Jahr ist Ihr Song allgegenwärtig. Hat er Sie nicht wahnsinnig reich gemacht?

Ditto: Nein. Verglichen mit meiner Kindheit fühle ich mich aber so. Ich habe ein Haus, das noch nicht abbezahlt ist. Ich habe eine Krankenversicherung. Ich kann meiner Mutter unter die Arme greifen.

SZ: Was macht sie heute?

Ditto: Sie hat den Krankenschwesterjob an den Nagel gehängt. Und bei McDonald's angefangen.

SZ: Als was?

Ditto: Sie steht hinter der Theke, liebe Leute! Meine Mum ist sich wirklich für nichts zu schade, und das habe ich mir von ihr abgeguckt. 2010 ist das Jahr, in dem ich so viel verdient haben möchte, dass meine Mum nie mehr arbeiten muss. Ich bin ein gutes Mädchen. Verstehen Sie?

Das komplette Interview lesen Sie in der SZ am Wochenende vom 27.11.2010.

© SZ am Wochenende vom 27.11.2010/lena
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