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Im Interview: Beth Ditto:"Dünn zu sein war verstörend"

Beth Ditto wirkt wie ein kleines, kompaktes Kraftwerk. Ein Gespräch über ihr Leben als Nerd, ihre Lust an der Provokation und darüber, warum sie immer das Licht anlässt.

Rebecca Casati

Beth Ditto, geboren am 19. Februar 1981 als Mary Beth Patterson, ist Sängerin der dreiköpfigen amerikanischen Rockband "Gossip", die sich 1999 in Searcy formierte. Alle Mitglieder wohnen heute in Portland. Beth Ditto ist mit ihrer Managerin liiert, das Paar wünscht sich Kinder. In wenigen Tagen touren Gossip durch Deutschland: Am 29.11. spielen sie in Frankfurt, am 30.11. in Stuttgart, am 3.12. in München, am 4.12. in Leipzig, am 5.12. in Hannover und am 8.12. in Düsseldorf. Ihr mittlerweile zweites, aktuelles Album heißt "Music for Men".

Cannes 2010 - Screening 'Outside of the law'

Beth Ditto und ihre Band Gossip haben mit ihrem Song "Heavy Cross" in Deutschland die meistgespielte internationale Single aller Zeiten gelandet.

(Foto: dpa)

Lesen Sie hier Auszüge aus einem Interview mit der SZ am Wochenende.

SZ: Miss Ditto. In Ihrer Heimat bringen sich gerade Teenager um, weil sie von anderen Teenagern gemobbt werden.

Beth Ditto: Ja. Ich glaube, es waren sechs Selbstmorde bisher.

SZ: Sie und andere Prominente machen Jugendlichen unter dem Schlagwort "Surviving Highschool" Mut, dass man das schaffen kann - die Schule zu überleben. Das ist sinnvoll. Und auch hundetraurig.

Ditto: Kann man wohl sagen. Aber genau darum geht es bei vielen dieser Kids. Ich will ihnen nicht nur vermitteln, dass es irgendwann besser wird. Ich will sagen: Ihr braucht nicht erst erwachsen werden und wegziehen, damit sich die Dinge ändern, es geht auch schneller.

SZ: Sie kennen sich damit aus?

Ditto: Ich? Ja, schon. Ich wurde zwar nicht gemobbt, aber natürlich musste ich mir ständig Sprüche zu meiner Figur anhören, denn ich war immer schon so kräftig gebaut. Außerdem besaß ich nie irgendwelche coolen Sachen. Wir waren arm.

SZ: Darf ich fragen, wie arm?

Ditto: Ja. Kein Telefon. Kein Kabelfernsehen.

SZ: Mussten Sie und Ihre Familie hungern?

Ditto: Es gab Menschen, die noch ärmer waren als wir. Aber wir hatten nie Vorräte zu Hause, und ja, es gab nicht regelmäßig Abendessen oder andere Dinge, die für meine Mitschüler selbstverständlich waren. Ich habe beispielsweise bis heute Angst, ohne Licht zu schlafen. Ich dämpfe es, mache es aber nie ganz aus.

SZ: Wovor fürchten Sie sich so?

Ditto: Davor, dass es am nächsten Morgen einfach nicht wieder angeht. So wie früher, wenn meine Mutter die Rechnung nicht gezahlt hatte. Dabei hat sie sich abgerackert, um uns alle durchzubringen. Wir waren sieben Geschwister zu Hause. Sie war Krankenschwester, verdiente sehr schlecht und hatte ständig mit dem Tod zu tun. Arme Mum.

(...)

SZ: Erzählen Sie von Ihrer Jugend in diesem Nest. Searcy.

Ditto: Es liegt im tiefsten Süden Amerikas und hat 1000 Einwohner.

SZ: Wie ist die typische Dynamik an so einer amerikanischen Provinz-Schule?

Ditto: Unser gesamtes System ist problematisch. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. An allen amerikanischen Schulen wird sehr viel Wert auf Sport gelegt, es gibt viele Athleten und Cheerleader. Genau das erzeugt die typische Highschool-Dynamik, denn um im Sport eine Nummer zu werden, muss man einen bestimmten Körperbau haben. Damit du in einem Team spielen kannst, muss deine Familie genügend Geld haben, um sich deine Uniformen und die Eintrittskarten zu deinen Spielen leisten zu können. Dadurch, dass diese Dinge so offensichtlich sind, weiß jeder auf der Schule auch, aus welchem Stall du kommst. Es gab bei uns sogar ein dickes Cheerleader-Mädel. Für mich aber blieb das alles unerreichbar.

SZ: Weil es in Gruppen eben immer nur den einen oder die eine geben darf, die anders ist oder anders aussieht?

Ditto: Ach - ich selber wollte irgendwann auch nicht mehr zu ihnen gehören.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Beth Ditto sich die Hölle vorstellt.

"Ich bin ein gutes Mädchen"

SZ: Sie haben die Highschool überlebt. Wie?

Ditto: Der erste Teil der Lösung war die Erkenntnis: Ich werde niemals so cool wie die anderen sein. Ich war wie gesagt immer kräftig gebaut, ich hasste Sport. Also fing ich an, mich für Sachen ins Zeug zu legen, die andere albern fanden. Ich betreute das Jahrbuch. Ich trat dem Französisch-Club bei. Ich ging in den Chor.

SZ: Sehr nerdy. Wie man heute sagen würde.

Ditto: Richtig. Die Nerd-Kultur der Neunziger - für alle Außenseiter war das die Wahnsinnschance, die sich unerwartet auftat. Dank solcher Subkulturen konnten ich und die ganzen anderen Trottel die Attitüde adaptieren: Ja, wir sind Trottel - und wir sind stolz darauf, denn trottelig ist das neue Cool. Meine Botschaft an alle Außenseiter lautet: Formiert euch. Ihr müsst Freunde suchen. Leute, die euch helfen, wenn Menschen gemein sind. Euer Geheimnis isoliert euch, also los, vertraut euch jemandem an. Das wird euch nicht vor Gemeinheiten schützen, aber vielleicht vor der Einsamkeit.

SZ: So hat es bei Ihnen funktioniert?

Ditto: Das ist der zweite Teil meiner Überlebensstrategie. Wenn ich bei Menschen das Gefühl hatte, sie könnten mich akzeptieren, bin ich näher an sie herangerückt. So habe ich Freunde gefunden. Wir haben gemeinsam Punk entdeckt. Unsere Band Gossip gegründet. Das Leben begann.

SZ: Seitdem haben Sie sich nicht nur neu erfunden. In der Emanzipationsbewegung und in der Homosexuellen-Szene verehrt man Sie, weil Sie sich immer offensiv zu Ihrer eigenen Homosexualität bekannt haben. Wie alt waren Sie, als Sie entdeckten, dass Sie Frauen lieben?

Ditto: 15. Ich hatte wahnsinnige Angst davor, in die Hölle zu kommen.

SZ: Searcy liegt in Arkansas, dem sogenannten Bibel-Gürtel Amerikas. Auf Ihrem Schulweg sahen Sie überall Plakate mit Slogans wie "Gott sieht dich".

Ditto: Ja. Ich habe nie wirklich an ihn geglaubt. Aber bis heute glaube ich an die Hölle. Das ist seltsam.

SZ: Wie oder was ist die Hölle für Sie? Sieht sie aus wie ein Hieronymus-Bosch-Gemälde? Riecht es nach Schwefel?

Ditto: Ich stelle sie mir nie bildlich vor. Aber wenn Sie mich so fragen, würde ich sagen: Es ist ein Ort ohne meine Freunde, ohne Familie. Die Hölle ist Einsamkeit.

(...)

SZ: Wir müssen darüber reden, wie Sie nackt auf dem Cover des NME posierten.

Ditto: Klar doch. Das war 2007.

(...)

SZ: . Sie wurden danach schlagartig berühmt. "Kiss my ass" stand neben Ihnen, und die meisten sahen es als Akt der Befreiung von Stereotypen. Einige wenige haben Ihnen auch vorgeworfen, Sie würden ein ungesundes Rollenvorbild propagieren.

Ditto: Wilde Sache, oder? Dabei ist es ein Mythos, das alle Menschen, die dick sind, deswegen ungesund sind.

SZ: Ist es nicht manchmal sogar schwer, dieses Gewicht zu halten? Sie tanzen bei Ihren Shows stundenlang. Und Sie sitzen seit Anbeginn unseres Gesprächs noch keine zehn Sekunden still.

Ditto: Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch sitze, denn ich muss immer in Bewegung sein. Nur wenn ich mal einen Tag frei habe, bleibe ich von morgens bis abends im Bett. Das macht mir mehr Spaß als shoppen zu gehen oder Party zu machen, schon weil es so selten ist. Jedenfalls - ich glaube, dieses ist mein natürliches Gewicht. So bin ich einfach gebaut.

SZ: Kennen Sie sich selber in dünn?

Ditto: Ja. Ich bin zwar dick, seit ich ein Baby war, aber mit 23 wurde ich sehr krank. Ich verlor meine Stimme, zeitweise sogar meine Sicht. Es hat ein Jahr gedauert, bis man die Ursache, eine Autoimmunschwäche, fand. Damals trug ich nur noch Größe 38. Es war absolut verstörend.

SZ: Was daran?

Ditto: Bekannte, die mich sahen, riefen: Du siehst aber irre gut aus! Ich dachte nur - ihr Wahnsinnigen. Ich könnte sterben.

SZ: Gibt es irgendetwas, das Sie aufgrund Ihrer Statur nicht machen können?

Ditto: Ich muss nachdenken. Manchmal passe ich nicht in Armlehnstühle. Aber manchmal passe ich auch in Armlehnstühle. Und kann sie dann, beim Aufstehen, mit meinem Hintern hochheben.

SZ: Jemand schrieb, es sei ein rauschähnlich befreiendes Gefühl, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen mit einer Figur, die nicht der Norm entspricht.

Ditto: Da ist auch was dran. Es ist aber nicht mit einem Rausch zu vergleichen, sondern eher so, als würde man ein Kunstwerk präsentieren. Es geht nicht um Sexualität, sondern um die unmittelbaren Reaktionen, um Inspiration. Die Leute dadurch in Bewegung und zum Reden zu bringen - das liebe ich. Es macht mir nichts aus, die Ursache von bösem Gerede zu sein. Alles, was jemals irgendwo von irgendwem über Dicke gesagt wurde, hab' ich eh längst zu hören gekriegt.

(...)

SZ: In Deutschland ist Ihr Hit Heavy Cross die meistgespielte internationale Single aller Zeiten.

Ditto: Oh Gott, Sie Armen, es tut mir ja so leid.

SZ: Mittlerweile entzieht sich das der kritischen Wahrnehmung. Im Autoradio auf dem Weg zum Bäcker, auf Partys jeder Altersstufe - seit einem Jahr ist Ihr Song allgegenwärtig. Hat er Sie nicht wahnsinnig reich gemacht?

Ditto: Nein. Verglichen mit meiner Kindheit fühle ich mich aber so. Ich habe ein Haus, das noch nicht abbezahlt ist. Ich habe eine Krankenversicherung. Ich kann meiner Mutter unter die Arme greifen.

SZ: Was macht sie heute?

Ditto: Sie hat den Krankenschwesterjob an den Nagel gehängt. Und bei McDonald's angefangen.

SZ: Als was?

Ditto: Sie steht hinter der Theke, liebe Leute! Meine Mum ist sich wirklich für nichts zu schade, und das habe ich mir von ihr abgeguckt. 2010 ist das Jahr, in dem ich so viel verdient haben möchte, dass meine Mum nie mehr arbeiten muss. Ich bin ein gutes Mädchen. Verstehen Sie?

Das komplette Interview lesen Sie in der SZ am Wochenende vom 27.11.2010.

© SZ am Wochenende vom 27.11.2010/lena
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