Im Gespräch: Suelette Dreyfus Verbrechen ohne Opfer

SZ: Die meisten - auch Julian Assange - kamen ja mit relativ milden Strafen davon, Geldstrafen, teils auf Bewährung. Das erscheint nun nicht so drastisch. Was war denn das Traumatische?

Dreyfus: Was wirklich äußerst traumatisch für die Hacker war, war, dass die Polizei ihre Computer beschlagnahmte. Und Computer waren damals etwas anderes als heute. Man konnte nicht einfach losziehen und einen Ersatz kaufen. Die meisten von ihnen kamen auch nicht eben aus wohlhabenden Elternhäusern. Und ihnen ihre Computer wegzunehmen, war, als hätte man ihnen einen Arm oder ein Bein abgeschnitten. Die Rechner waren wirklich ein Kern ihrer Persönlichkeit. Sie erlaubten ihnen mit der Online-Community zu kommunizieren, und in dieser Community eine eigene Identität zu haben.

Es war also ein Verlust von Identität und von Gemeinschaft. Es war auch ein Verlust von Information. Die meisten waren Informationsjunkies, alle höchst intelligent. Und sie kamen dann nicht an aktuelle Informationen, weil sie keinen Zugang mehr hatten. Es war so, als hätte man jemandem, der sehr wissbegierig ist, den Zugang zu allen Bibliotheken verwehrt. Außerdem wurden sie vom Kreis ihrer Freunde abgeschnitten, die dieselben Interessen hatten. Das war, als hätte man ihnen Isolierband über den Mund geklebt, weil sie nicht mehr wirklich mit diesen Menschen reden konnten.

Und man hatte ihnen das einzige Werkzeug ihrer eigenen Form der Kreativität genommen. Das war also in verschiedener Hinsicht eine viel schlimmere Strafe als irgendetwas, was sie im Gerichtsverfahren, bei Verhören, Befragungen oder im Gefängnis hätten erleiden können. Viel schlimmer.

SZ: Sie wussten, dass sie etwas Verbotenes tun, und warteten fast auf die Festnahme. Es scheint aber, dass sie dann eher eine Behandlung wie Kriegsgefangene - auf Augenhöhe - erwartet hätten, als eine Behandlung als gewöhnliche Verbrecher.

Dreyfus: Das liegt zum Teil daran, dass sich nur wenige von ihnen als Verbrecher verstanden. Das meiste, was sie taten, wenn auch nicht alles, waren Verbrechen ohne Opfer. Das betrifft vor allem die Elite unter ihnen. Sie beteiligten sich nicht an Betrug oder dem Diebstahl von Kreditkartendaten. Sie lasen Informationen, die sie nicht hätten lesen können dürfen. Sie machten teils Kopien davon, für ihre eigenen privaten Zirkel. Darum war es für sie wohl doch eine Überraschung, dass man sie wie Verbrecher behandelte.

Es gibt aber noch ein anderes Element, das wiederum eine Vorahnung von dem gibt, was wir heute erleben. Sie fühlten sich gezwungen, in die Netzwerke von Universitäten und ähnlichem einzudringen, um Zugang zu Informationen zu erlangen, von denen sie fanden, dass sie frei verfügbar sein sollten. Und die heute auch frei verfügbar sind. Ihre Sicht der Dinge damals war - diese Information sollte uns zur Verfügung stehen. Sie steht uns nicht zur Verfügung. Also gehen wir los und holen sie uns. Denn wir sind die junge Generation und wir haben ein Recht darauf.

SZ: Sie haben gerade dieses spielerische Element jugendlicher Auflehnung beschrieben. Aber an welcher Stelle wird das wirklich politisch?

Dreyfus: Hacker stolpern oft über manche Dinge. Sie haben mir erzählt, dass sie einmal im System einer Softwarefirma waren und dort den proprietären Code eines Konkurrenzunternehmens gefunden haben. Und sie waren ziemlich sicher, dass der Konkurrent das nicht gestattet hatte. Das fanden sie natürlich lustig, aber sie erkannten eben auch das Unethische daran. Sie konnten es natürlich nicht herausposaunen. Aber sie haben es gesehen und wahrgenommen.

Und ich glaube, wenn man Hacker ist und sich in diesem Umfeld bewegt, dann beginnt man unter die Oberfläche und hinter die Fassade all dessen zu blicken, was wir tagtäglich sehen, aber nicht wissen. Man sieht die wirklichen Machtstrukturen, sieht, wer diejenigen sind, die in diesen Strukturen wirklich Macht ausüben, wie sie das tun, wie sie diese Macht bekommen und wie sie sie behalten. Und das geschieht ja nicht immer nur auf ethische Weise.

SZ: Das ist also dasselbe wie das, was die Wikileaks-Depeschen tun? Einen Blick auf eine Welt zu zeigen, in der vielleicht nicht das Gegenteil von dem wahr ist, was wir annehmen, die aber doch anders ist?

Dreyfus: Da gibt es verschiedene Ebenen. Aber nehmen wir zum Beispiel den Arabischen Frühling. Ich bin ziemlich sicher, dass die Menschen in Tunesien, Libyen oder Ägypten wussten, dass es bei ihnen viel Korruption gab. Aber vielleicht fehlte ihnen der belastbare Beweis, vielleicht wussten sie nicht, wie weitverbreitet sie war, oder vielleicht war ihnen nicht klar, wie korrupt die Menschen, die über das ganze Geld und die ganze Macht verfügen, wirklich waren. Plötzlich lieferten ihnen die Depeschen die ungefilterte Wahrheit über das Ausmaß dieser Korruption und über andere schmutzige Dinge, Folter und so weiter. Das scheint mir doch ein Wendepunkt zu sein.

Hillary Clinton sagt zwar gerne, es seien Twitter und Facebook gewesen, die die Unruhen anstießen. Die ägyptischen Protestler haben ein sehr gutes, knappes Handbuch zusammengestellt, das erklärt, wie man das macht, wie man sein Regime verändert. Und das Erste, was auf Seite eins und noch einmal auf der letzten Seite gesagt wird, ist: Benutzt nicht Facebook, benutzt nicht Twitter! Da finde ich es doch überraschend, dass die US-Außenministerin sagt, dass es Twitter und Facebook waren, die diese Volksrevolutionen ausgelöst haben. Nein, es war die Wahrheit, die die Revolutionen ausgelöst hat, die ungefilterte Wahrheit. Und die kam aus den Depeschen.