Im Gespräch: Peter Handke:Der Gerechtigkeit willen

Handke: Die Kärntner Partisanen sind erst spät im Krieg aufgetreten, Ende 1943, Anfang 1944, und sie waren ganz auf sich gestellt, obwohl sie später von den Briten und von Titos Gruppen unterstützt wurden - trotzdem waren sie dann der einzige organisierte Widerstand auf dem Gebiet des deutschen Reiches. Die meisten von ihnen waren einfache Leute, Holzarbeiter, Fabrikarbeiter, oft slowenischer Abstammung, die vor dem Krieg im Kirchenchor gesungen hatten und meisten links waren, also Sozialisten und Kommunisten.

Nach dem Anschluss Österreichs von 1938 waren diese Menschen doppelt isoliert, politisch und sprachlich. Die ersten Deserteure verbrachten oft Monate allein im Wald, das Kämpfen mussten sie erst lernen, und es hat sie gepeinigt. Es gibt dazu ein eindrucksvolles Buch von Karel Prusnik-Gasper, das schon 1981 erschienen ist. Es heißt "Gemsen auf der Lawine", denn so mussten sich die Partisanen bewegen, wie Gemsen auf der Lawine. Es ist ihnen aber keine Gerechtigkeit widerfahren, von den Nachgeborenen der Nazis, die dann in Österreich und in Kärnten im Besonderen an die Macht kamen.

SZ: Allein um der Gerechtigkeit willen werden Sie aber nicht mit den Partisanen sympathisieren, und es wird auch nicht die Vision eines unabhängigen Kärnten sein, die Sie am Partisanen begeistert, oder ein erweitertes Slowenien. Warum tun Sie es dann?

Handke: Nein, ich will nicht an Staaten denken. Ich bin immer erlöst, wenn man anstatt von einem Staat von einem Land sprechen kann. Was mich an diesen Partisanen fasziniert, und das mag eine traumhafte Erfindung sein, das ist, dass sie nirgendwo mitmachen, dass sie Widerstand sind, weil sie das für sich für richtig halten, und dass sie sich dafür opfern. Diese Partisanen, sie haben gekämpft, weil ihnen nichts anderes übrigblieb, sie konnten nicht in ihren Erdlöchern bleiben, und dann sind sie aufgestanden, sind energisch geworden. Und das bringt mich auf den Weg, das ist ein Fluchtpunkt fürs Schreiben.

SZ: Wie ist es mit Titos Jugoslawien? Wie weit reichen da Ihre Sympathien?

Handke: Noch einmal, auch Jugoslawien ist für mich erst einmal das Land. Dann hat das Land eine Geschichte. Zu dieser Geschichte gehört zum Beispiel die Tötung von Tausenden von Zivilisten, darunter von mehreren hundert Schülern im serbischen Kragujevac, durch die Wehrmacht, im Oktober 1941, als Vergeltung für einen Partisanenangriff. Dazu gehört auch, dass nach der deutschen Kapitulation in Slowenien Zehntausende von Soldaten, Angehörigen der Heimwehr und Zivilisten hingerichtet wurden, die nicht auf Seiten Titos gestanden hatten.

Das weiß ich, das wusste ich immer schon, und immer habe ich Jugoslawien als ein Land des Schmerzes wahrgenommen, als ein Land des großen Leides. Österreich nehme ich nicht so wahr, da gibt es keinen solchen Schmerz. Dann kann man natürlich sagen, wie es viele heute tun, dass dieses ganze Unternehmen Jugoslawien von vornherein zum Scheitern verurteilt war, der Dritte Weg, Titos Sozialismus mit den Arbeiterkollektiven, mit seinen vielen miteinander verfeindeten Völkern, mit den großen Unterschieden in Reichtum und Armut. Das hat man aber von vornherein nicht gewusst, und dies war eine große Utopie, so wie Nehrus Indien eine große Utopie war. Und das hat mich beschäftigt, und es beschäftigt mich jetzt noch, in einem Maße, dass die Schwester in "Immer noch Sturm" zum Erzähler sagt: "Du mit deinem Jugoslawien."

SZ: Aber in den sechziger und siebziger Jahren hatte Jugoslawien doch, Ihren Werken nach zu urteilen, für Sie noch nicht diese Bedeutung besessen.

Handke: Nein, das kam später, mit dem Roman "Die Wiederholung", also Mitte der achtziger Jahre. Da ging es los, da bin ich viel gewandert, nicht politisch, sondern durch das Land auf der anderen Seite, zwei Monate lang, von Slowenien nach Dalmatien. Und auf gar keinen Fall wollte ich "Mitteleuropa" erschließen, in dieser Idee lag so viel Revanchismus. Stattdessen unternahm ich eine richtige Reise, und wenn Jugoslawien damals auch zugrunde ging, und das konnte man sehen, richtig sehen, so gab es doch erstaunlich viele junge Leute, die Jugoslawien behalten wollten. Das ist mir geblieben.

Eine Bedrohung habe ich am deutlichsten gespürt in Podgorica, in Montenegro. Und ich war mit den jungen Leuten, mit ihrem melancholischen, fast hoffnungslosen Enthusiasmus völlig einverstanden, denn was ist das schon, eine "Republik Montenegro"? Wenn alle Regionen anfangen, nur noch für sich zu handeln, dann verwandelt sich alles in Politik, dann ist nur noch Staat, dann ist kein Land mehr, dann ist alles Hass, die ganze Landschaft. Und überhaupt, dass viele Menschen miteinander zusammenleben, Serben mit Kroaten, Albaner mit Bosniern, das setzt ein großes Land voraus, das geht nicht in einem kleinen Zwangsstaat.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum manche Handke Rechtfertigung für Tyrannen und Kriegsverbrecher vorwerfen.

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