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Im Gespräch: Hilary Swank:Abschied vom Ego

Die zweifache Oscarpreisträgerin Hilary Swank spielt in "Betty Anne Waters" einmal mehr eine extreme Rolle. Ein Gespräch über Heldinnen, verstörende Figuren und falsche Führerscheine.

SZ: Betty Anne Waters - die reale Person, die Sie im Film spielen - verbrachte sechzehn Jahre mit dem Versuch, die Unschuld ihres Bruders Kenny zu beweisen. Das geht weit über Geschwisterliebe hinaus.

Kinostarts - 'Betty Anne Waters'

In "Betty Anne Winters" spielt die zweifache Oscarpreisträgerin Hilary Swank eine Mutter, die, um ihren unschuldig verurteilten Bruder aus dem Gefängnis zu holen, ein Jurastudium auf sich nimmt.

(Foto: dpa)

Hilary Swank: Allerdings. Man muss sich vorstellen: Eine einfache Ehefrau, Mutter zweier Kinder, begann ein Jurastudium einzig aus dem Grund, ihren lebenslänglich inhaftieren Bruder freizubekommen. Eigentlich unvorstellbar, was so ein Schicksal an Demut und Selbstlosigkeit erfordert. Ich habe auch einen Bruder, acht Jahre älter als ich - wir kommen beide, wie Betty Anne, aus ärmlichen Verhältnissen. Ich bin in einem Wohnwagenpark aufgewachsen, dachte mir als Kind natürlich nichts dabei. Aber mir fiel auf, dass mich die Eltern der anderen Kinder, mit denen ich spielte, immer wegschickten oder ihre Kinder ins Haus riefen, wenn sie mich draußen sahen. In deren Augen waren wir Habenichtse, wurden jedenfalls so behandelt.

Wie kann unter solchen Umständen das Selbstvertrauen in einem Kind - ich war sechs damals - überhaupt wachsen? Als ich das Drehbuch für diesen Film las, fragte ich mich natürlich: Hätte ich selbst so mitfühlen und lieben können wie Betty Anne? Hätte ich die Kraft gehabt, dieses Opfer für meinen Bruder auf mich zu nehmen? Ich weiß es nicht. Ich kann es nur hoffen. Betty Anne ist meine Heldin.

SZ: Ein Jurastudium in den USA kostet durchschnittlich 40000 Dollar im Jahr. Wie konnte Betty Anne das eigentlich finanzieren?

Swank: Sie erhielt jedenfalls keinerlei Stipendien. Sie hat Schulden gemacht, hat wahrscheinlich immer noch große Schulden. Ich weiß nichts Genaues darüber. Sollte es aber wissen. Spezifisches Detailwissen verändert die Arbeit an einer Rolle. Und dass ich darauf jetzt keine Antwort habe... - ist ein Fehler, der mir eigentlich nicht unterlaufen sollte.

SZ: Sie lieben die extremen Rollen - und sind dafür mit zwei Oscars belohnt worden, 1999 für "Boys Don't Cry" und 2004 für "Million Dollar Baby". Sie machen es sich nicht leicht...

Swank: Ich hasse Rollen, in denen ich an der Seite irgendeines Mannes lächelnd ins Schlafzimmer geführt werde. Wie langweilig! Ich suche nach Rollen, die mich verstören. Rollen, in denen die Person sich verändert, völlig verwandelt - nicht nur äußerlich, sondern innerlich: in ihrem Fühlen, Verstehen und Hoffen. Mein Beruf - wie ich ihn sehe - ähnelt darin durchaus einem fortgeschrittenen Psychologiestudium. Natürlich hat das mit der Sechsjährigen zu tun, die in einem Wohnwagenpark bei Bellingham, Washington, aufwuchs und von allen zur Außenseiterin gemacht wurde. Vielleicht ziehen mich Außenseiter-Rollen deshalb so an. Aber ich verwende hier immer wieder das falsche Wort: Ich spiele keine Rolle, ich spiele eine Person.

SZ: Welche Konsequenzen hat das für Sie - ganz praktisch, meine ich jetzt?

Swank: Das betrifft die Vorbereitung, die Vorarbeit, die ich als Schauspielerin leisten muss. Personen - Menschen - sind immer und in allen Details spezifisch. Wenn ein Film nicht funktioniert, geschieht das meist, weil er nicht spezifisch genug porträtiert oder dramatisiert, sondern uns Schauspieler in Rollen zeigt und nicht als Personen. Menschen definieren sich vor allem über ihre Besonderheiten. Die sind es, die eine Szene lebendig und authentisch machen.

SZ: Gehen Sie ruhig ins Detail.

Swank: Wir kennen unsere Eigenheiten. Jeder weiß, was für Schuhe er bevorzugt, welchen Haarschnitt, was wir gerne essen, was unsere Lieblingsfarbe ist, welche Farbe wir hassen, welches Lied wir mögen und welche Lieder wir nicht ausstehen können. Wir wissen auch, welche Geschehnisse aus unserer Kindheit bis in die Gegenwart hineinragen und das Gespräch beeinflussen, das wir gerade führen. All das vermerke ich in meinem persönlichen Drehbuch. Nichts davon steht im Skript. Ich liebe es, eine Person, die ich spielen soll, bis aufs tiefste Level hinab zu verstehen. Wenn Sie mich auf dem Set besuchen und meine Handtasche öffnen würden, fänden sie als Erstes meinen Führerschein - den ich mir von der Requisite für jeden neuen Film anfertigen lasse - , mit Foto und Adresse der Person, die ich spiele. Und Bilder "meiner" Familie.

SZ: Aber wie arbeiten Sie dieses spezifische Wissen dann praktisch in eine Szene ein?

Swank: Sagen wir, die Szene spielt in einem Café . Im Hintergrund höre ich eine Musik - die mich stört, irgendein Lied, das ich nicht ausstehen kann. Das ist etwas, was ich mir für diese Person vorher notiert hatte. Ich kann es in einer Reaktion verwenden: Ich bin beim Hören ungeduldig geworden, werde vielleicht unwirsch, wenn die Bedienung endlich kommt, meine Bestellung aufnimmt. Oder umgekehrt: ich mag das Lied, hey! - ich stehe auf und fange vielleicht an, danach zu tanzen. Diesen Spielraum hab' ich mir erst durch die Notizen erschlossen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite über die Problematik des Wieder-Landens nach dem "Cut".

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