Im Gespräch: Christian Petzold Noch einmal zwölf sein

Der Regisseur spricht über amerikanische Depressionen in der deutschen Provinz und die Verzögerung der Leidenschaft in seinem Film "Jerichow".

Interview: Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler

Christian Petzold bringt alles ganz natürlich zusammen, im Kino und im Gespräch, die deutsche Geschichte und das amerikanische Kino, die Politik und die Träume, die sie nicht erfüllen kann.

"Nun gibt es hier keinen Krieg mehr, es gibt Hartz IV. Wo holen die Menschen jetzt ihre Träume her, gehen sie in die Baumärkte?": Regisseur Christian Petzold.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: "Jerichow" ist erneut ein Film, dem man die Freiheit und Souveränität seines Regisseurs ansieht . . .

Petzold: Dabei haben sich hierzulande ein paar Dinge wieder verfestigt, von denen ich dachte, die hätten sich schon erledigt - wir hätten den Kampf gewonnen. In Kritiken gibt es plötzlich wieder Sätze wie: Er schenkt uns Bilder. Er schenkt uns großartige Bilder. Da steckt so ein komisches 19. Jahrhundert-Künstler-Modell dahinter, dass da ein paar Genies herumlaufen, in deren Köpfen unfassbares Bildmaterial arbeitet, und das Kino ist nur dazu da, dieses Bildmaterial hinauszuprojizieren. Dass das Kino eine Industrie, ein Kollektiv, eine kollektive Leistung ist, dass dies auch das Großartige am Kino ist, das wird dadurch weggeblasen . . . Also, ich würde zum Beispiel nie bei einem Friedkin-Film wie "French Connection" auf die Idee kommen, er schenkt uns Bilder. Sondern ich sehe, da ist eine Arbeit, da ist die Stadt, da sind Schauspieler, Gene Hackman, die haben selber ein Bild von der Stadt . Da ist eine kollektive Intelligenz in dem Film.

SZ: Aber einer setzt das doch in Bewegung, eine Idee, ein konkretes Ereignis.

Petzold: Bei einer Veranstaltung vor einigen Wochen in München habe ich mich mit Marcus Rosenmüller unterhalten. Es ging darum, warum Filme aus Berlin und Filme aus München sich so unterscheiden. Ich meinte, dass das - unabhängig von Reichtum, HFF, Bavaria, Kirch, all den ökonomischen Sachen - damit zu tun hat, dass München ein Umland hat, wo Eltern leben. Es gibt dadurch auch eine Erdung in Familiengenealogien. "Ich fahre am Wochenende raus zu meinen Eltern" - diesen Satz würde man in Berlin nie hören, weil es keine Eltern gibt. Man zog in den Achtzigern nach Berlin, in die Mauerstadt, weil das so weit weg war von den Eltern wie es nur ging. Es gibt also da auch keine Verwurzelung in einem Alltagsleben, in einer familiären Geschichte. Darüber redeten wir, und dann erzählte ich ihm, dass diese Pressemeldung zum Ursprung von "Jerichow", vom Vietnamesen, der einen Achsenbruch hatte, gar nicht stimmte.

SZ: Aber wer erfindet denn so was?

Petzold: Das kommt aus einem Film von Manfred Stelzer, "Monarch", von 1980, von einem, der durch die Bundesrepublik fährt und diese Rotamint-Spielautomaten leer räumt - er wusste genau, wann er die Stopptaste drücken musste. Das ganze schwere Münzgeld, all die Markstücke, hatte er im Kofferraum, und da ist ihm die Achse seines Mercedes gebrochen. Das war einer, der hatte kein Heim, und er träumte davon, sich eine Frau zu kaufen. Weil er kein eigenes Netzwerk hat. So bin ich zu dem Türken in "Jerichow" gekommen. Dieser Film traf damals unsere Weltwahrnehmung. Das gab es damals in der Bundesrepublik noch, diese hässlichen Kneipen am Rande der Fußgängerzonen, mit den Automaten, wo die Leute nach der Schicht oder vor der Schicht ein Bier tranken, das gab es in den Filmen, und das hat sich mir eingeprägt und tauchte zwanzig Jahre später in der Pregnitz wieder auf.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum die Figuren nicht nur Getriebene sind.

Wieso Hollywood?

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