bedeckt München 15°
vgwortpixel

Gespräch mit Anna Netrebko:"Ich muss endlich Deutsch lernen"

SZ: Sind Sie das, erwachsen?

Netrebko: Ich bin erwachsen genug für diese Rollen und ich bin froh, dass ich diese Rolle erst nach 20 Jahren des Singens verkörpere. Die "Anna Bolena" zu erarbeiten, war auch ungeheuer spannend für mich. Wir mussten ein paar wenige Phrasen nach oben transponieren, weil sie extrem tief waren. Aber der Rest blieb so, wie geschrieben. Tief, schwer, dramatisch. Anstrengend.

SZ: Sie singen immer voll aus auf den Proben?

Netrebko: Ja. Solange ich kann.

SZ: Sie gelten als äußerst gewissenhaft bei den Proben, sollen als erste kommen und als letzte gehen.

Netrebko: Nein, ich komme oft zu spät, ich brauche meine Zeit. Aber wenn ich dann auf der Probebühne bin, das stimmt, dann liebe ich auch das Probieren.

SZ: Auch bei einer Inszenierung wie jener kargen von "Anna Bolena"?

Netrebko: Ich weiß gar nicht, weshalb das Inszenierungsteam ausgebuht wurde. Es ist ein historischer Stoff - was kann man da schon machen? Bewegungen - nein. Es gibt keine Aktion.

SZ: Aber es muss mehr möglich sein als ein paar hübsche Kostüme.

Netrebko: Vielleicht schon. Aber wenigstens stört diese Inszenierung nicht. Das ist Belcanto. Die Inszenierung sollte nicht stärker sein als die Sänger.

SZ: Aber Sie haben doch auch in anderen Inszenierungen mitgespielt, die mehr waren als Dekor - gerade in Salzburg.

Netrebko: Sie können Mozart oder "La Traviata" nicht mit "Anna Bolena" vergleichen. Wenn man in die Noten von Donizetti schaut, findet man da - Gott vergebe mir - extrem leidenschaftliche, dramatische Momente, und dann macht die Musik bambarambamba. Kann man es weglassen? Es geht nicht. Man muss es machen.

SZ: Im Prinzip haben Sie nichts gegen Regietheater?

Netrebko: Nein, aber wenn eine Inszenierung modern ist, muss sie interessant sein. Und gut aussehen. Mein Kostüm kann verrückt sein oder traditionell, wenn ich es nicht mag, werde ich es nicht tragen.

SZ: Ist das die russische Frau in Ihnen?

Netrebko: Nein, die erfahrene Frau. Einen Kostümbildner, der nicht weiß, welcher Stoff, welche Farbe auf der Bühne gut aussehen, könnte ich umbringen. Die Sänger sollten nicht noch hässlicher aussehen, als sie sind. Das ist falsch. Zum Beispiel: Willy Deckers "Traviata" war erstaunlich; und sie war cool. Oder: Ich sah die Inszenierung von "Roberto Devereux" in München. Sie war modern - aber unglaublich spannend.

SZ: Aber das war ja ein Beispiel dafür, dass man Donizetti aufregend inszenieren kann. Sie müssen mehr in München singen. Da sind die Inszenierungen interessanter.

Netrebko: Ich werde in "Liebestrank" (am 11. Mai) singen, nächste Saison in "I Capuleti e i Montecchi". Oder ich habe in München den "Don Giovanni" gesehen, mit den Containern und dem nackten alten Mann auf der Bühne. Komplett verrückt, aber ich mochte es.

SZ: Wann sind Sie eigentlich am meisten Sie selbst, wenn Sie russische Lieder singen oder ein lustiges Freiluftkonzert?

Netrebko: Wenn ich etwas singe, gehe ich voll darin auf. Selbst bei einem Konzert unter freiem Himmel: Es ist Spaß, im Sommer. Ich würde das nie die ganze Zeit tun. Und das gilt für alles. Ich muss wechseln zwischen den Sachen, die ich mache. Aber mein Stammplatz ist auf der Opernbühne.

SZ: Die Open-Air-Konzerte warf man Ihnen öfters als quasi unseriös vor.

Netrebko: Sie sind ja auch ein wenig unseriös, aber sie sind ein großer Spaß. Es ist dasselbe Singen, gut, mit Mikrophon, aber ich singe genauso wie auf der Bühne. Und viele Menschen können sich diese Konzerte leisten. Was ist dagegen einzuwenden, wenn man danach zur ernsten Arbeit zurückkehrt? Und diese Konzerte sind unglaublich anstrengend und vielseitig, weil ich ständig zwischen verschiedenen Stilen hin und her springe.

SZ: Und wann werden Sie die Elsa im "Lohengrin" singen?

Netrebko: Das ist noch viel zu weit weg, um darüber reden zu können. Erst muss ich richtig Deutsch lernen.

SZ: Sie leben doch schon seit einigen Jahren in Wien.

Netrebko: Aber jeder spricht Englisch mit mir. Und ich bin faul. Aber es stimmt, ich muss endlich Deutsch lernen.

SZ: Und wann singen Sie etwas aus dem 20. Jahrhundert?

Netrebko: Ich habe Pläne mit Britten, ich liebe Prokofjew. Vielleicht ergibt sich da etwas. Ich muss darüber nachdenken, seit mir mein Manager verboten hat, die Lulu zu singen.

SZ: Warum? Schmeißen Sie ihn raus!

Netrebko: Nein, nein, er hat schon Recht. Es ist zu hoch. Ich weiß das, weil ich schon angefangen hatte, die Rolle zu studieren.

SZ: Aber Sie haben eine Verantwortung für das Neue: Wenn Sie singen, kommen die Leute, auch wenn das Stück bizarr ist und die Musik ungewohnt.

Netrebko: Aber was? Ich kenne mich mit zeitgenössischer Musik nicht sehr gut aus. Wenn Sie ein interessantes Projekt für mich wissen, sagen Sie es mir. Es braucht eine Idee. Nur einfach neu, das bringt gar nichts. Wissen Sie, welche neue Oper mir gefallen hat? "The First Emperor" von Tan Dun an der Met. Die Musik hat etwas Verrücktes, aber ist sehr cool, rhythmisch.

Robert Schumann zum 200. Geburtstag

Genie und Wahnsinn