Im Gespräch: Alexander Kluge "Mir hat das europäische Hausschwein großen Eindruck gemacht"

SZ: Jetzt sind wir wieder bei der Frankfurter Schule.

Kluge: Mir hat das europäische Hausschwein großen Eindruck gemacht. Nach 1945 hatten wir eine Fettlebe. Danach mussten die Schweine ganz mager werden. Aber es gibt das Ardennenschwein, das durch einen Zufall die magere Zeit überlebt hat. Auch wenn der Markt nach Magerschweinen verlangt, muss es möglich sein, dicke Tiere zu erhalten.

SZ: Sie werden es den Massenmedien aber nicht verübeln können, dass sie auf ihre Wirtschaftlichkeit achten.

Kluge: Die Mentalitätsstruktur eines gediegenen Kapitalismus hat mich schon meine Großmutter gelehrt, die aus Manchester kam. Wir sind gesellschaftliche Lebewesen, und als gesellschaftliches Lebewesen produziere ich doch auch. Das erlaubt, dass immer was Neues entsteht. Und im Moment ändert sich etwas.

SZ: Im Fernsehen?

Kluge: Im Fernsehen nicht. Das Fernsehen erlebt parallel zur Wirtschaftskrise ebenfalls eine Krise, weil die Werbeeinnahmen geringer werden. Die jungen Menschen lassen sich nicht mehr gefallen, dass ihnen hier eine Programmierung vorgesetzt wird. Bei acht Minuten Werbung klickt im Internet jeder weg.

SZ: Und Sie gehen selber ins Internet?

Kluge: Ich schwöre Ihnen, dass online schon eins meiner Ideale gewesen ist, noch ehe ich wusste, dass es online je geben würde. Online ist eine Revolution. Online erreichen Sie eine ungeheure Zuschauermenge, ein Potential an Öffentlichkeit, wie Sie sich das nie träumen ließen.

SZ: Aber doch nur für Minuten.

Kluge: Da kommt die Vergangenheit als Zukunft auf uns zu. Am Anfang der Filmgeschichte gab es nur Minutenfilme. In den Kinos in New York standen die Einwanderer...

SZ: Sie standen im Kino?

Kluge: Standen die Einwanderer und unterhielten sich in ihrer jeweiligen Sprache über das, was auf der Leinwand lief. Nach einem harten Arbeitstag waren sie für längere Filme nicht zu haben.

SZ: Aber das können Sie doch nicht wollen.

Kluge: Doch, wir wollen so einfach wie eine Moritat und so differenziert wie Goethes "Wahlverwandtschaften" sein. Dazwischen ist unser Seil aufgespannt.

SZ: Aber in anderthalb Minuten kann nicht einmal der Zirkusdirektor Kluge die "Wahlverwandtschaften" erzählen.

Kluge: Doch.

SZ: Das möchte ich sehen.

Kluge: Sie können es natürlich nicht, wenn es bei der Minute bleibt. Wir arbeiten mit pars pro toto, mit Andeutungen. Sie können die Viererbande der "Wahlverwandtschaften" in einer Minute bringen. Sie können den Teich, in den das Kind wenig später hineinfallen wird oder eben hineingefallen ist, in einer Minute zeigen. Das Hineinfallen selber kann ich nicht in einer Minute zeigen.

SZ: Trotzdem wäre ein großer Film über die "Wahlverwandtschaften" besser. Chabrol hat einen gemacht, ziemlich schlecht allerdings.

Kluge: Mit einem 20-Millionen-Film können Sie kein richtiges Leben im falschen führen. Aber wenn ich von einem großen Film 500.000 Euro abzweige, habe ich was für mein Glück getan und wahrscheinlich das Produkt gemacht, das mich im Nachlass berühmt machen wird.

SZ: Deshalb glauben Sie an das Internet?

Kluge: Bei YouTube gibt es, sehr zerstreut zwar, oft brillante Dinge, und die werden vollkommen neu erfunden, ohne jede Programmdirektion. Diese indirekte Öffentlichkeit ist eine neue Herausforderung: ein großer Platz, ein Opernhaus, ein Parlament.

SZ: Sie haben leicht reden, Sie haben ein Fenster im Privatfernsehen. Selbst ein unabhängiger Produzent wie Alexander Kluge braucht eine Nährflüssigkeit, in der er existieren kann.

Kluge: Diese Umgebung kann die Autonomie der Menschen sein und muss mit Geld gar nichts zu tun haben. Ein Filmteam kann nachts in eine ausweglose Situation geraten, und da können Sie mit Geld gar nichts ausrichten. Bernd Eichinger war mal Herstellungsleiter und ist frühmorgens um zwei angereist und hat die Situation ganz einfach mit Proviant gerettet.

SZ: Das war die Solidarität der Filmemacher.

Kluge: Nein, das sind Fertigkeiten, die wir in uns tragen. Die kommen uns dann zugute. Ich werde aber nicht aufhören, daran zu glauben, dass es letzten Endes diese Autonomie gibt, weil sie das einzige zuverlässige System bildet.

SZ: Woher nehmen Sie bloß diesen grenzenlosen Optimismus?

Kluge: Vielleicht, weil ich 1945 mit 13 das Kriegsende erlebt habe. Selbst bei einem Luftangriff können bleibende Verhältnisse entstehen. Sie können dabei Ihre Frau kennenlernen und werden sie nie wieder verlassen.

SZ: Das ist aber eine Extremsituation.

Kluge: Wenn Not am Mann ist, wenn repariert werden muss, können Sie studieren, was Menschen alles können. Sie haben eine Mitgift aus der Vorgeschichte, derer sie sich gar nicht bewusst sind, und dieser Produzentenstolz ist nicht zu unterschätzen. Aber warum geht die Produktion immer in Dinge, die man nicht braucht, in eine Eisenbahn, die nach China vergeben wird?

SZ: Oder in das übliche Kriegsgerät.

Kluge: In der russischen Revolution von 1905 retten die Arbeiter ihre Fabrik, indem sie die Maschinen verstecken.

SZ: Die russischen Arbeiter handelten offensichtlich nach Maßgabe von Immanuel Kant, "Sapere aude!" - Wage es, selber zu denken.

Kluge: Die praktische Frage von Kant, gestellt in der Entwicklungsabteilung von Siemens - das ist es, was wir brauchen.

SZ: Und die Revolution?

Kluge: Ich würde gern noch einmal in meinem Leben einem Außerirdischen mit Funkverkehr entgegentreten. Es würde mich sehr verblüffen, wenn er Mathematik so versteht wie wir. Welche Geschichten erzählt der Kosmos?

Alexander Kluge, 1932 als Sohn eines Arztes in Halberstadt geboren, ist von Beruf und nicht ohne Neigung Jurist. Anfang der sechziger Jahre wurde er als Schriftsteller ("Lebensläufe") und zugleich als Filmemacher bekannt. Er gehört zu den Organisatoren des "Oberhausener Manifests" von 1962, mit dem auch in Deutschlands Kino eine Nouvelle Vague einziehen sollte. Programmatisch der Titel seines ersten Spielfilms, "Abschied von gestern" (1966). Der engagierteste Vertreter des jungen deutschen Films und Anstifter des Gemeinschaftswerks "Deutschland im Herbst" verabschiedete sich Mitte der 80er Jahre vom Kino und etablierte sich als sein eigener Produzent in den Privatsendern Sat 1 und RTL. Seine Minutenfilme sind unter www.dctp.de auch auf "Spiegel-online" zu sehen. Bei Kunstmann erscheint in diesen Tagen eine Hörspielfassung seiner "Chronik der Gefühle". Am 11. September erhält Kluge den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.