Süddeutsche Zeitung

Regisseur İlker Çatak:"Bei Wirtschaftsflüchtlingen geht es auch um Würde"

Regisseur İlker Çatak verhandelt in "Es gilt das gesprochene Wort", warum Menschen einander helfen. Ein Gespräch über Flucht, Mitgefühl - und Pauschalurteile beim Thema Migration.

Regisseur İlker Çatak befasst sich in seinem Film "Es gilt das gesproche Wort" mit den Ursachen und Folgen der Migration am Beispiel einer Romanze: Die deutsche Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle) lernt während eines Urlaubs im türkischen Badeort Marmaris Baran (Oğulcan Arman Uslu) kennen und geht mit ihm eine Scheinehe ein. Sie hilft dem jungen Anatolier damit, der entwürdigenden Armut zu entfliehen, mit der er als Loverboy westlicher Touristinnen konfrontiert ist

SZ: Herr Çatak, die Protagonistin des Films, ist eine sehr starke Frau, die ihren Beruf und selbst schwierigste Lebenssituationen im Griff zu haben scheint. Steht Marion für die vernunftgesteuerte Mentalität der Deutschen?

İlker Çatak: Man soll ja immer vorsichtig sein mit Pauschalisierungen. Deswegen kann ich das leider nicht bejahen. Aber sie hat natürlich etwas sehr Preußisches, und sie definiert ihr Leben über die Arbeit, und das ist vielleicht, wenn Sie so wollen, eine deutsche Herangehensweise.

Nach einer Krebsdiagnose kippt ihre Rationalität allerdings. Sie geht eine Scheinheirat mit Baran ein, um ihn aus der Armut zu retten. Geht es ihr auch um einen tieferen Lebensinhalt?

Natürlich stellt ihr Handeln auch die Sinnfrage. Wir haben in Deutschland alles. Wir können uns ein zweites Appartement leisten. Das ist alles aus der Kaffeekasse gezahlt. Wo aber bleibt der Sinn des Ganzen? Wofür arbeiten wir?

Mitleid und Altruismus sind keine Beweggründe für sie?

Bei der Entwicklung ihrer Figur war es uns wichtig, dass ihre Motive eben nicht selbstlos sind, sondern dass sie so handelt, um einen konkreten Nutzen für sich selbst zu erzielen. Denn erstens passt das zu ihrer Figur sehr gut, die sehr selbstbestimmt ist und ganz genau weiß, was sie will. Und zweitens macht es sie ambivalenter und spannender.

Haben auch die Menschen, die 2015 den vielen Flüchtlingen geholfen haben, ihrer Meinung nach aus einem gewissen Eigennutz heraus gehandelt, um einen Sinn im Leben zu finden?

Jeder Mensch hat ganz eigene Beweggründe für sein Handeln. Was Ländern, die wohlsituiert sind, aber gemein ist: In ihnen muss nicht mehr so hart für den Wohlstand gearbeitet werden wie noch vor 50 Jahren. Meine Eltern waren Gastarbeiter und mussten ihr Existenzminimum erst sichern. Ich bin in eine Welt geboren worden, in der dieses Existenzminimum kein Thema mehr war. Deswegen ging es bei mir schon viel mehr um Selbstverwirklichung. Vermutlich kann man - wieder etwas pauschalisierend - also schon sagen: Viele Menschen in der westlichen Welt suchen nach etwas, das ihnen einen Lebenssinn bringt. Aber ich würde den Menschen, die 2015 geholfen haben, jetzt nicht unterstellen, dass sie das getan haben, nur weil sie sich selbst verwirklichen wollten. Das könnte reingespielt haben, aber da ist sicher auch viel aus humanitärem Empathiegefühl heraus entstanden.

Baran ist kein politisch Verfolgter sondern "nur" ein sogenannter "Wirtschaftsflüchtling". Nach deutschem Recht hat er deswegen keinen Anspruch auf Asyl. Ist das Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?

Darf ich die Frage zurückgeben? Wäre es Ihrer Meinung nach gerechtfertigt, ihm das Aufenthaltsrecht in Deutschland zuzugestehen?

Zumindest habe ich während Ihres Films an Artikel 1 des Grundgesetzes denken müssen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Dass Baran nach Deutschland will, hat etwas damit zu tun, dass seine Würde im Film angetastet wird, wenn er in der Spülküche und als Loverboy in Marmaris tätig ist.

Das stimmt. Die Hierarchien in der türkischen Gesellschaft sind nun mal sehr stark ausgesprägt, und das lässt der Patron eines Lokals seine Angestellten auch so deutlich spüren, wie es im Film gezeigt wird.

Etwa, indem Baran beim Vorstellungsgespräch vortanzen und sich die Musik dazudenken soll?

Zum Beispiel. Die Angestellten müssen auch in jeder anderen Hinsicht nach der Pfeife des Chefs tanzen. Wer außerdem einmal in den Räumen war, in denen diese jungen Männer schlafen, der wird eines begreifen: Bei Wirtschaftsflüchtlingen geht es auch um Würde, und nicht darum, ob da jemand 5000 oder 2000 Euro auf dem Konto hat. Die Szene, in der ihm sein erstes Bett auf dem Balkon gezeigt wird, spielt in einem Originalmotiv, ohne dass wir es weiter ausgestattet hätten. Das heißt, in diesen dreckigen Provisorien schlafen die Jungs auf engstem Raum. Entspricht das unserer Definition einer unangetasteten Würde? Ich finde nicht.

Barans Würde wird außerdem angetastet, weil er fremde Touristinnen, die viel älter sind als er, sexuell befriedigen soll. Könnte er sich dem auch verweigern?

Das könnte er schon. Es ist der Weg, für den er sich entschieden hat, um einen wirtschaftlichen Aufstieg zu schaffen. Aber natürlich sind die Verhältnisse, die die jungen Männer mit den Touristinnen in Marmaris eingehen, alles andere als auf Augenhöhe.

Das Thema, dass Touristinnen aus dem Westen im Urlaub junge, mittellosen Männern für Sex bezahlen, wird in unserer Öffentlichkeit selten angesprochen. Ulrich Seidl tat das 2012 etwa in seinem Filmdrama "Paradies: Liebe". Warum haben Sie die männliche Prostitution zum Gegenstand ihres Films gemacht?

Es gibt dieses Phänomen nun einmal, und es gehört zu Marmaris, wo wir gedreht haben. Dass sich jemand mit männlicher Prostitution befasst, habe ich seit "Paradies: Liebe" außerdem nicht mehr gesehen, wobei dort nicht die Perspektive der Männer, sondern die der westlichen Frauen beleuchtet wurde. Deswegen war es spannend, sich einer solchen Thematik anzunähern und zu hoffen, dass man das der Realität entsprechend und detailgenau abbildet.

Was sind Ihrer Beobachtung nach die Unterschiede zur weiblichen Prostitution, die von Männern nachgefragt wird?

Frauen, die Sex kaufen, tun das weniger brachial als Männer. Es geht nicht nur um das pure Geschäft, sondern es spielt oft die Frage mit rein, ob da nicht doch ein Quentchen Liebe ist. Im Gegensatz zur Prostitution in Thailand und in Afrika, wo "Paradies: Liebe" spielt, wird dieses Gewerbe in Marmaris auch nicht offen betrieben. Es gibt zwar die Loverboys, doch es wird nicht ausgesprochen, dass sie sich prostituieren, und es spielt sich im Privaten ab. Man sieht nicht, dass eine alte Frau einen jungen Mann auf der Straße an der Hand hält und Sugarmamma spielt.

Ihr Film thematisiert das Vorurteil, Migranten seien eher kriminell als Einheimische: Baran wird verdächtigt einen Koffer am Flughafen geklaut zu haben. Glauben Sie, dass solche Voreingenommenheiten an der Tagesordnung sind?

Zumindest halte ich das dargestellte Szenario für realistisch. Koffer werden an Flughäfen oft geklaut, auch in Deutschland. Da haben wir uns schlau gemacht. Und wenn so etwas passiert, dann muss in unserem öffentlichen Dienst ein Schuldiger her, auch wenn es keine Beweise gibt. Dass es dann häufig das schwächste Glied und denjenigen trifft, der sich am wenigsten verteidigen kann, halte ich ohne Weiteres für denkbar.

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