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"Il Traditore" im Kino:Verrat? Trauerarbeit!

Lesezeit: 4 min

Der italienische Regieveteran Marco Bellocchio hat einen Mafiafilm gedreht, in dem das Verbrechen keinerlei Glanz hat. Vielmehr handelt "Il Traditore" von einem Aussteiger, der es nicht mehr erträgt.

Von Philipp Stadelmaier

Es ist der 4. September 1980, und die Dunkelheit ist bereits hereingebrochen über der Villa am sizilianischen Strand. Auf der Terrasse stehen Männer in arabischer Tracht mit Fackeln, drinnen feiert die Cosa Nostra das Fest der Heiligen Rosalia. Nachdem die Bosse des Palermo-Clans und der Corleonese den Heroinschmuggel unter sich aufgeteilt haben, machen sie ein gemeinsames Foto, umgeben von ihren Frauen und Kindern. Im Zentrum steht ein Capo mit einem seiner einflussreichsten "Soldaten", der sich nach dem Ausgang der Verhandlungen erkundigt. "Frieden?", fragt der Soldat. "Theater", antwortet der Boss. Dann drückt der Fotograf den Auslöser, das Bild friert ein. Eine Gruppe im Halbdunkel, getaucht in etwas Licht und viel Schatten.

"Il Traditore", der Verräter, so lautet der Titel des neuesten Films von Marco Bellocchio, der letztes Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes lief und nun etwas Autorenkinoglanz in dieses darbende Corona-Kinojahr bringt. Der Film dreht sich nicht um den Boss, sondern um den Soldaten auf der Fotografie, eine historische Figur. Der Mann heißt Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino). Er ist gerade aus dem Gefängnis entkommen und kurz davor, sich mit seiner dritten Frau nach Brasilien abzusetzen. Das Foto zeigt Buscetta ein letztes Mal im Kreise der anderen Mitglieder der Cosa Nostra.

Und es zeigt den letzten Moment des Zusammenhalts der Verbrecherorganisation, die trügerische Ruhe vor dem Sturm. Nachdem Buscetta sich den Schnauzbart abrasiert hat und in Rio de Janeiro sein neues Leben genießt, löschen sich die Mafiosi in Sizilien gegenseitig aus. Als würde jemand nach und nach die Personen auf dem Familienfoto durchstreichen.

In Rio erfährt Buscetta eines Nachts, dass in Italien auch seine Söhne der Clanfehde zum Opfer gefallen sind. Am selben Morgen steht die brasilianische Polizei in seiner Wohnung. Buscetta wird verhaftet, gefoltert und nach Italien ausgeliefert - ein Suizidversuch mit Zyankali vor der Abschiebung misslingt. In Rom sitzt er schließlich dem Richter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) gegenüber, der aktiv gegen die Cosa Nostra vorging (und 1992 von ihr ermordet wurde). Die beiden Männer machen einen Deal. Buscetta wird mit der Justiz zusammenarbeiten.

Tommaso Buscetta war ein zentraler Kronzeuge in den italienischen Mafiaprozessen der Achtziger- und Neunzigerjahre, und einer der ersten, die zugaben, der Mafia überhaupt anzugehören - ein Hochverrat an der verschwiegenen Organisation. Am Ende führten seine Aussagen zu mehr als dreihundert Verhaftungen. Bellocchio erzählt seine Geschichten entlang der Jahre und der Daten der Prozesse, in Rückblenden erinnert sich Buscetta an seine Vergangenheit.

Doch es handelt sich um mehr als um eine Filmbiografie, eine Geschichte der Mafia oder Italiens. Bellocchio erzählt vor allem von einem komplexen und paradoxen Verrat. Denn stets betont Buscetta, eben kein Verräter, kein "pentito" zu sein. Die Cosa Nostra, der er ewige Treue geschworen habe, bestehe aus Ehrenmännern, und ein solcher sei auch er. Die übrigen Ehrenmänner hingegen hätten ihre Ehre verraten. Der Heroinhandel habe sie gierig, ehrlos, blutrünstig gemacht. Anders als früher sei ihnen nichts mehr heilig, weder Kinder, Frauen oder Richter. Wenn Buscetta sie verrät, dann um seine eigene Ehre und die Ehre der Organisation zu retten, ihre wahren Werte hochzuhalten. Dazu muss er sie vorführen, auf die Bühne der Öffentlichkeit zerren und ihr Gebaren als das ehrlose Theater entlarven, auf das sein - bald schon ermordeter - Boss ihn bei der Feier am Anfang hingewiesen hatte.

Mafiafilme können kaum anders, als das Verbrechen visuell zu zelebrieren - dieser hier nicht

Das ganze Mafia-Theater zeigt sich dann im Gerichtsaal, der zur Bühne eines grotesken Spektakels wird. Buscetta bedient sich des Familienfotos, um zu beweisen, dass er und ein anderer Mafioso, der jegliche Bekanntschaft abstreitet, sich sehr wohl kannten: Sind sie auf dem Foto nicht Schulter an Schulter zu sehen? Die Mafiosi bringen ihre ganze Verachtung für das Justizwesen zur Darstellung: Zigarre rauchend und Karten spielend sitzen sie in ihren Käfigen, einer näht sich mit Nadel und Faden den Mund zu, ein anderer zieht sich nackt aus. Wenn Buscetta aussagt, wird gefeixt und gegrölt. "Da ist er, der berühmte Zusammenhalt der Mafia", sagt der Kronzeuge, ernst, schwer und traurig. Dann zieht er inkognito in die USA, doch als Giovanni Falcone ermordet wird, kehrt er zurück, um weiter auszusagen.

"Il Traditore" ist anders als andere Mafiafilme. Wenn er auch wie Coppolas "Pate"-Zyklus mit einer großen Familienfeier beginnt, so ist ihm der monumentale Glanz des Familienepos ebenso fremd wie das rauschhafte Leben der neureichen Gangster in Scorseses "Goodfellas". "Wir hatten Millionen, Kaviar, Champagner", murmelt Buscetta einmal, doch davon sieht man hier nichts mehr. Auch der italienische Mafiaspezialist Roberto Saviano beschreibt in seinen Büchern die Anziehungskraft, die Waffen, Macht, Drogen und Sex auf die neapolitanische Jugend ausüben. Wer Filme über die Mafia macht, und seien sie noch so kritisch, kann kaum anders, als ihre moralischen Sünden visuell zu zelebrieren. Die einzige Sünde, die sich Buscetta in diesem Film noch leistet, ist das Rauchen.

Wenn Buscetta gegen die Cosa Nostra aussagt, dann um ihr einziger würdiger Erbe zu werden. Gleichzeitig weiß er, dass es nichts zu erben gibt. Die "gute alte Mafia" mit ihren Werten und ihrer Ehre hat es, wie Falcone ihn erinnert, nie gegeben. Der letzte Ehrenmann war auch der erste und einzige, und sein Verrat nur ein anderer Name für seine Trauerarbeit.

Il Traditore, Italien, Frankreich, Deutschland, Brasilien 2019 - Regie: Marco Bellocchio. Buch: Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Valia Santella, Francesco Piccolo. Kamera: Vladan Radovic. Mit Pierfrancesco Favino, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi. Pandora Film, 153 Min.

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SZ vom 13.08.2020/cag
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