bedeckt München 29°

Ijeoma Oluos Buch "Das Land der weißen Männer":Einigkeit vorausgesetzt

San Francisco 49ers outside linebacker Harold, quarterback Kaepernick and free safety Reid kneel in protest during the playing of the national anthem before a NFL game against the Arizona Cardinals in Santa Clara

Während der Nationalhymne kniete Quaterback Colin Kaepernick (Mitte) nieder und stieß damit Proteste gegen Rassismus in der National Football League an.

(Foto: USA Today Sports/USA Today Sports)

Ijeoma Oluo sucht nach den Ursprüngen von Rassismus und Frauenfeindlichkeit in der amerikanischen Gesellschaft. Warum nur finden ihre Argumente nicht so recht zusammen?

Von Jörg Häntzschel

Ijeoma Oluo ist Schwarze und Feministin, doch in ihrem neuen Buch zählt sie ihre Gegner, die weißen Männer, auf listige und überzeugende Weise anfangs ebenfalls zu den Opfern von Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Ausschluss und Diskriminierung verhinderten den gesunden gesellschaftlichen Wettbewerb, schreibt sie, weil statt der besten eben immer die weißen Männer Professoren, CEOs und Präsidenten werden und dann auf ihren Posten alles tun, um Frauen, Schwarze und People of Color auch weiter auszuschließen. So sei eine Kultur der Mittelmäßigkeit entstanden, die das Land hemme und schwäche - und darunter litten am Ende auch die Weißen selbst.

"Mediocre. The Dangerous Legacy of White Male America" lautet denn auch der Originaltitel ihres Buchs, das in den USA zur wichtigen Lektüre der "Black Lives Matter"-Bewegung wurde. Doch der interessante Punkt, den sie hier macht, tritt - wie auch der, dass race und class nicht gegeneinander auszuspielen sind - bald in den Hintergrund. Der deutsche Verlag hat die Komplexität folgerichtig eingeebnet und dafür die Lautstärke aufgedreht: "Das Land der weißen Männer. Eine Abrechnung mit Amerika", nennt er das Buch. Leider trifft diese Variante den Inhalt besser.

Das Verhältnis der Diskriminierung von Frauen zu der von Schwarzen bleibt ungeklärt

Oluo erzählt, wie weiße Männer Frauenfeindlichkeit und Rassismus in den USA als Machtmittel erfanden und so fest in Politik, Wirtschaft, Kultur und Mythologie des Lands einschraubten, dass sie sich von Generation zu Generation immer wieder selbst reproduzierten. Jeder Fortschritt hin zu mehr Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und weniger Diskriminierung löst sofort Korrekturmechanismen aus: Als nach dem Ende der Sklaverei Millionen Schwarze in den Norden zogen, befeuerten dort skrupellose Politiker eine neue Ära des Hasses. Als die GIs aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, mussten die Frauen, die während ihrer Abwesenheit in den Fabriken und Büros ihre eigene Emanzipation erlebt hatten, wieder zurück in die Küche. Trotz aller Gleichberechtigungsrhetorik werden in den USA, so Oluo, mehr Firmen von einem Chef namens John geführt als von einer Frau.

Es ist nicht einfach, als weißer, männlicher Rezensent über Oluos Buch zu schreiben. Nicht, weil man selbstverständlich zu den von ihr Angeklagten zählt, sondern weil man das Buch kritisieren muss, aber ihren Hunderten Beispielen weißer, männlicher Überheblichkeit ungern ein weiteres hinzuzufügen würde. Als jemand, dessen Vorfahren nicht Sklaven waren, der nicht ständig fürchten muss, von der Polizei erschossen oder bei der Jobsuche benachteiligt zu werden, sollte man sich eines Urteils zu einigen Aspekten des Buchs enthalten - vor allem der Wut, die in jedem Satz vibriert.

Dass es über weite Strecken zusammengeschustert wirkt, hat aber nichts mit race und Geschlecht zu tun. Statt die versprochene Genealogie von Rassismus und Frauenfeindlichkeit in den USA zu schreiben, springt Oluo durch einige ohne erkennbare Logik ausgewählte thematische Felder: den Wilden Westen, den verlogenen Feminismus und Antirassismus weißer Männer (Joe Biden und Bernie Sanders kommen nicht gut weg), die Elite-Universitäten, Aufstieg und Verächtlichmachung junger, linker Politikerinnen in den letzten Jahren. Und schließlich den American Football, den im 19. Jahrhundert reiche, weiße Väter für ihre verweichlichten Söhne erfunden haben, die lernen sollten, dominante weiße Männer wie sie selbst zu werden. Und der heute zum prominentesten Austragungsort von Konflikten zwischen Schwarz und Weiß geworden ist.

In andere wichtige Territorien, die Sklaverei, die Kulturindustrie, die Bürgerrechtsbewegung, die Religion oder die militante Rechte, setzt sie indes kaum einen Fuß. Auch die Frage, in welchem Verhältnis die Diskriminierung von Frauen und die von Schwarzen zueinander steht, bleibt unbeantwortet.

Ijeoma Oluo: Das Land der weißen Männer. Eine Abrechnung mit Amerika. Aus dem Amerikanischen von Benjamin Mildner. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 384 Seiten, 25 Euro.

Wie viele amerikanische Autoren populärer Sachbücher garniert auch Oluo ihre Argumente mit Anekdoten ("Als ich vor Kurzem durch die Südstaaten reiste ..."). Sie unterstellt ihren Leserinnen und Lesern ein Einermeinungsein mit ihr, das Argumente auch mal überflüssig macht (sowohl die Sicht der Republikaner als auch die der Demokraten auf "uns", die schwarzen Wähler, sind dann einfach "ziemlich scheiße").

Im Deutschen liest sich das noch merkwürdiger: als überschießender Monolog von jemandem, der nicht nur sein Manuskript, sondern auch seine Uhr vergessen hat. Vieles, was bekannt und unstrittig ist, führt Oluo breit aus, als hätten die Leser keine Ahnung. Neues und Überraschendes stellt sie hingegen gerne als bloße Behauptung in den Raum. Jill Abramson, die erste Chefredakteurin der New York Times, wurde nur gefeuert, weil sie eine Frau ist, schreibt sie etwa. Wenn es so war, warum belegt Oluo es nicht? Es genügt nicht, als Autor empört zu sein. Sollen die Leser die Empörung teilen, muss man ihnen schon das Material liefern.

Weiter verunklart wird der Text durch die schludrige Übersetzung. Es gibt Dutzende Stellen, die erst über den Rückweg ins Amerikanische verständlich werden. So lässt sich entschlüsseln, dass mit "Erstkandidatinnen" first-time candidates gemeint sind, also Frauen, die sich zum ersten Mal für ein Amt bewerben, und dass Oluo natürlich writer ist, aber keine "Schriftstellerin", sondern Essayistin oder Sachbuchautorin. Es ist auch etwas guter Wille nötig, um daran zu glauben, dass Shirley Chisholm, die 1972 für die Präsidentschaft kandidierte, eine tolle Politikerin war, weil Oluos Urteil, sie habe "saugute Arbeit" geleistet, einen zu Unrecht daran zweifeln lässt.

© SZ/masc
Zur SZ-Startseite

Bücher des Monats
:Mit der Wärme gelebten Lebens

Sharon Dodua Otoos Debütroman, Christian Krachts Fortsetzung von "Faserland", die keine Fortsetzung ist und das Handbuch zur Debattenlage von Emilia Roig. Die Bücher des Monats.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB