Salzburger Festspiele:Poesie der Kommunikation

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Salzburger Festspiele: Fürs freie Denken, auch in der Musik: Der Pianist Igor Levit.

Fürs freie Denken, auch in der Musik: Der Pianist Igor Levit.

(Foto: Felix Broede/Sony Classical)

Bartók, Wagner, Liszt und Schumann: Igor Levit bringt beim Klavierabend im Großen Salzburger Festspielhaus Licht ins Dissonanzendickicht.

Von Wolfgang Schreiber

Früh öffentlich gemacht hat Igor Levit seinen Willen zur politischen Wachsamkeit - für Künstlerinnen und Künstler der Klassikmusik keine Selbstverständlichkeit. Der 1987 in Russland geborene, in Berlin lebende Musiker will dreifach wahrgenommen werden, auf seiner Homepage steht "Citizen, European, Pianist". Die bürgerlich-soziale Existenz rangiert für ihn, ist zu vermuten, vor der künstlerischen. Klavier gespielt hat er schließlich auch auf einem Parteitag der Grünen, von Robert Habeck begrüßt. Rascher Vergleich: Ganz anders mag sich sein fast gleichaltriger russischer Kollege Daniil Trifonov verortet fühlen - introvertiert, öffentlich kaum nahbar, im Innenraum der Musik zu Hause.

Der Pianist Igor Levit kann das Große Salzburger Festspielhaus mittlerweile genauso füllen wie vor gut drei Wochen Daniil Trifonov, wie bei seinem Solistenkonzert der große Grigory Sokolov. Die künstlerische Glaubwürdigkeit Levits, des Twitter-Aktivisten, der sich gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus zur Wehr setzt, verliert durch seine Neigung zur gesellschaftlichen Kommunikation und "Einmischung" nicht an Überzeugungskraft, buchstäblich an Schlagkraft. Denn "Mit Trommeln und Pfeifen" heißt das erste der Charakterstücke aus Béla Bartóks fünfteiligem Zyklus "Im Freien", das Levit zu Beginn mit aller brachialen Inbrunst dissonanter Härte hindonnerte. Bartóks musikalische Reflexionen der Natur entfalten im vierten Stück "Klänge der Nacht" den Zauber umdüsterten Flimmerns, Knisterns, Zwitscherns, einer nächtlichen Traumszene, der der Pianist ihr Zwielicht beließ. "Waldszenen" danach.

Das Programm, das Igor Levit in Salzburg spielte, lässt sich als Statement seiner Musikanschauung "lesen": Deuten und Bedeuten spannungsvollster Beziehungskünste. Die kleinen "Waldszenen" Robert Schumanns, neun romantische Miniaturen, sind eigentlich viel zu intim für den Riesenraum des Großen Festspielhauses, aber Levit beharrte gerade hier auf der Zartheit verschatteter Gebilde. Das musikalische Hörvermögen dieses Pianisten, seine scharfe Beobachtungsgabe für Töne und Zwischentöne ist beeindruckend. Den "Einsamen Blumen" oder der "Verrufenen Stelle" und dem illustren "Vogel als Prophet" blieb ihr stilles Geheimnis.

Wagner und Liszt miteinander zu verschmelzen - das ist Levits hier genialisch gelungene Idee

Was folgte, war der Ruck an romantisch-existentieller Schärfe, Schwere, Wucht. Das im Dissonanzendickicht aufgetürmte "Tristan"-Vorspiel Richard Wagners, im Arrangement von Zoltán Kocsis, machte Levit zum Ereignis - für ihn aber nur Vorspiel für das Ungetüm der Klaviersonate von Franz Liszt. Wagner und Liszt attacca miteinander zu verschmelzen, die äußere und innere Verbindung beider Geister vor allem musikalisch in Erregung zu bringen, das ist Levits hier genialisch gelungene Idee.

"Man muss sehr frei denken und dem Transzendenten gegenüber sehr offen sein", sagte Igor Levit, neulich angesprochen auf Ferruccio Busonis rares Klavierkonzert, das er bald beim Musikfest Berlin spielen wird.

Die singuläre Herausforderung der Liszt-Sonate machte der Pianist frei und offen überdeutlich, indem er ihre Zerreißspannungen minutiös auslotete - die Versöhnung des "cantando" Lyrischen und des "grandioso" Schwärmerischen mit dem gewalttätig Dreinfahrenden. Für Levit ist, nach seinen Beethoven-Abenteuern, die Liszt-Sonate der hymnische und rasende Exzess akuten romantischen Lebensgefühls, nämlich nahe den Abgründen, in jedem Detail ausgeleuchtet und zugleich im Bogen des "elan vital" symphonisch verdichtet. Die Zugabe aber ein Bekenntnis zur Poesie der Kommunikation: "Der Dichter spricht" aus Robert Schumanns "Kinderszenen".

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