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Beethovens Klaviersonaten:Versöhnlicher als gedacht

New York Culture

Igor Levit spielt beherrscht. Er kommt zwar an die Grenzen des Flügels, geht aber nie darüber hinaus.

(Foto: Hulton Archive/Getty Images)

Der Pianist Igor Levit hat sämtliche Klaviersonaten Ludwig van Beethovens eingespielt - er klingt so politisch wie erwartet, wahrt jedoch die Contenance.

Der 32 Jahre alte Igor Levit ist der in Politikfragen eloquenteste und aktivste Pianist neben Daniel Barenboim, er twittert seine Positionen täglich in die Welt. Als er gerade mit dem Opus-Klassik-Preis ausgezeichnet wurde, äußerte er sich zu dem antisemitischen Attentat in Halle, widmete den Todesopfern seinen Preis: "Nach NSU, nach unzähligen Angriffen auf Moscheen, Synagogen, jüdische Friedhöfe, Flüchtlingsheime, etc., ist das, was hier passiert ist, keine Überraschung. Die Attacken, die auf uns alle stattfinden, sie gedeihen auf dem Boden der Sprachverrohung. Es ist Sprache, die Gesellschaften tödlich vergiften kann."

Aber auch als Pianist verfolgt Levit eine ähnliche Linie wie der 1942 geborene Barenboim, für den von Anfang an Ludwig van Beethoven überaus wichtig war, dieser politischste unter den Komponisten der Wiener Klassik. Mit 18 spielte Barenboim dessen 32 Klaviersonaten live in Tel Aviv, dann nahm er die Klavierkonzerte auf, gleich darauf, er war keine 30 Jahre alt, erstmals die Sonaten. Für Barenboim ist der Revolutionär und Freiheitsapostel Beethoven eine Zentralfigur seiner Karriere.

Levit ist ein politisch so beredter Pianist wie neben ihm nur Barenboim

Die Sonaten wurden im 19. Jahrhundert zusammen mit Bachs "Wohltemperiertem Klavier" als jeder Kritik entrückter Höhepunkt der Musikkultur verklärt. Joachim Kaiser hat diese nach 1945 implodierende Tradition 1975 noch einmal in seinem Buch "Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpretationen" beschworen. Doch nicht alle Pianisten teilten und teilen diese Überhöhung. Artur Rubinstein und Wladimir Horowitz war die Idee eine Gesamteinspielung fremd, Glenn Gould hat mit den Sonaten gehadert, und die meisten jüngeren Großpianisten wird niemand zwingend mit dem Namen Beethoven verbinden. Ihnen allen fehlt der Glaube der Älteren an den alles überragenden Rang dieser Stücke, die ihnen nur mehr gute Musik in einem Meer von guter Musik ist.

Es gibt ein paar Ausnahmen. Der zurückhaltende András Schiff, der eigenwillige Vladimir Ashkenazy und der Hammerklavierspieler Ronald Brautigam haben zwar Gesamtaufnahmen vorgelegt, ohne damit in die letzten Geheimnisse Beethovens eindringen zu können. So füllt Levit mit seiner gerade bei Sony erschienenen Gesamtaufnahme eine Marktlücke. Er erweist sich damit als singulärer Sonderling, der noch einmal die romantische Überhöhung dieser Musik betreibt. Trotz seiner Medienpräsenz und eines manchmal eigensinnigen und oft an virtuoser Romantik interessierten Repertoires setzt Levit gern und konservativ auf Bach und Beethoven als seine Lieblingskomponisten.

Nun suggeriert jede Gesamteinspielung, dass es sich um einen geschlossenen Zyklus gleichwertiger Stücke handelt. Das trifft hier aber nicht zu. Beethoven hat seine Sonaten im Zeitraum von fast 30 Jahren komponiert. Sie sind vielgestaltiger als die Sonaten Haydns und Mozarts. Sie sind zudem viel aufregender als die Sonaten dieser Vorgänger, weil keine ideale Welt mehr konstruiert wird, sondern die Unstimmigkeiten der realen Welt (Französische Revolution, Wiener Kongress!) in die Musik eindringt. Beethovens Sonaten sprechen zudem erstmals direkt zu einem breiten Laienpublikum. Besonders in den populären Stücken, die alle Eigennamen tragen: Pathétique, Mondschein, Pastorale, Sturm, Waldstein, Appassionata, Les Adieux. Dann gibt es noch die oft rätselhaften fünf letzten Sonaten sowie zwanzig sehr viel seltener gespielte Stücke, in denen gern artistische Grübeleien den Ton angeben. Von einer Einheit, von einer zwingenden logischen Entwicklung kann hier keine Rede sein, zudem gibt es Qualitätsunterschiede. Dass in den Gesamteinspielungen die für Beethovens Entwicklung so wichtigen Variationen, Einzelstücke und vor allem die avantgardistischen Bagatellen fehlen, verzerrt nicht nur bei Levit den Blick auf den Klavierkomponisten Beethoven.

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Als Vorbild für sein Spiel hat Levit im Interview mit der SZ nicht Daniel Barenboim, sondern Artur Schnabel genannt. Dieser zu existenzialistischen Extremen neigende Pianist war berühmt für sein Beethoven-Spiel, er nahm zwischen 1932 und 1935 als Erster alle Sonaten auf. Schnabel inszeniert einen mal wütenden, mal abgrundtief verzweifelten Kämpfer gegen die Materie, vertreten durch das unzulängliche Instrument und die hinter seinen Visionen zurückbleibende Kompositionstechnik. Beides sind Beethoven aber die Vehikel, um sein Hadern mit den sozialen und politischen Unzulänglichkeiten der Realität zu dokumentieren. Diesem Beethoven ist Musik weit mehr als eine erhabene Kunstübung, sie ist Einspruch gegen Missstände. Schnabels Beethoven ist so rigide wie heutige Klimaaktivisten, er passt zur "Me Too"-Debatte ebenso wie zum Protest gegen digitale Vollüberwachung, er formuliert beständig seinen Protest gegen Diktatoren und Menschenrechtsverletzungen.

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