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Igiaba Scego:Somalia existiert nicht mehr

Portraits At 2013 Incontri di Civilta'

Die italienische Schriftstellerin Igiaba Scego.

(Foto: Barbara Zanon/Getty Images)

Die afroitalienische Schriftstellerin Igiaba Scego erzählt von einem anderen Italien - und der kolonialen Vergangenheit, die bis heute anhält.

Von Maike Albath

Die somalische Familie, um die es hier geht, hat ihre Koffer nie ausgepackt. Dabei ist sie seit Jahrzehnten in Rom zu Hause - oder eben nicht zu Hause. Wenn man einen Schrank besäße, hieße das: Wir bleiben hier. Deshalb ist das Wort "Schrank" in der Familie tabu, deshalb holt sich die Heldin moralischen Beistand, als sie sich entscheidet, eine Eigentumswohnung zu kaufen.

Gemeinsam mit einer Freundin, der absichtlich für diese Mission auserkorenen superdiversen brasilianischen Dragqueen Angelique, will sie ihrer Mutter das Unfassbare nahebringen. Eine Eigentumswohnung ist die Steigerung eines Schrankes. Ein unfassbarer Akt der Auflehnung gegen das erprobte System.

Witzig und selbstironisch vermittelt die afroitalienische Schriftstellerin und Aktivistin Igiaba Scego, 1974 als Tochter somalischer Eltern in Rom geboren, in der Titelgeschichte des schmalen Bandes "Dismatria" die seelische Lage einer Einwandererfamilie. Obwohl das Somalia, aus dem die Familie in der Erzählung fortging, so längst nicht mehr existiert, wird die Fantasie einer möglichen Rückkehr gehegt, gepflegt und gehätschelt. Sie ist der Kern des Selbstverständnisses.

Die Nabelschnur zum Herkunftsland ist gekappt

Die Überzeugung, eigentlich nach Afrika zu gehören, bedeutet aber auch, sich der endgültigen Ankunft zu verweigern. Doch noch schwerer wiegt die Angst, keine Heimat mehr zu besitzen. "Dismatria" nennt Scego mit einem Neologismus diese Paranoia, "Mutterlandslosigkeit", was man getrost auch auf Deutsch hätte verwenden können. Die Nabelschnur zu ihrem Herkunftsland sei gekappt worden, was nichts mit der patria, dem Vaterland, zu tun habe, sondern den Verlust des mütterlichen Geburtslandes kennzeichne, erklärt sie.

Das Büchlein, in dem umtriebigen Freiburger Kleinverlag Nonsolo erschienen, versammelt drei kurze Texte von Igiaba Scego und bietet zum ersten Mal die Gelegenheit, die Autorin etwas ausführlicher auf Deutsch zu entdecken. Scego, auch als Journalistin aktiv und regelmäßig in der gerade gegründeten Tageszeitung Domani zu lesen, steht für ein neues, diverses Italien.

Ihre Romane kreisen um Fragen von Zugehörigkeit, Rassismus und um die Verdrängung der kolonialen Vergangenheit, die in Italien bis heute anhält. In der zweiten Geschichte greift sie genau das auf und beruft sich auf reale Geschehnisse: Im Mittelpunkt steht der Aussöhnungsbesuch des äthiopischen Kaisers Haile Selassie in Rom 1970, den der Christdemokrat Aldo Moro initiiert hatte.

Von Reue oder gar Anerkennung einer Schuld kann aufseiten der Italiener kaum die Rede sein, aber man besitzt immerhin das Feingefühl, Selassie nicht an dem Obelisken von Axum vorbeizufahren, der Kriegsbeute Mussolinis. Scego nimmt die Perspektive des Besuchers ein, und eine Sache verschafft dem Kaiser dann unerwartete Genugtuung. Nach einigen Tagen nähert sich ihm ein unbekannter Mann, ein ehemaliger Soldat und überreicht ihm eine Ikone aus Äthiopien. Er gibt ihm etwas zurück. Igiaba Scego erzählt von einem anderen Italien. Es lohnt sich, ihr zuzuhören.

Igiaba Scego: Dismatria und weitere Texte. Aus dem Italienischen von Ruth Mader-Koltay. Nonsolo-Verlag Freiburg 2020, 94 Seiten, 14,90 Euro.

© SZ
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