Gregory Bovino, der Mann, der die Border Patrol bei den Feldzügen der ICE-Truppen in den US-Metropolen befehligt, trug den wadenlangen Mantel zum ersten Mal im vergangenen Herbst: hochgebockte 90-Zentimeter-Schultern, ein Kragen wie ein Schild, und vor der Brust, als seien sie mit schwerem Werkzeug eingeschlagen, zwei Reihen Messingknöpfe. Steht der Träger still, wirkt das Kleidungsstück wie eine Festung, bewegt er sich, potenziert es die Bewegungen mit dramatischem Effekt.
Doch noch bevor man die Details sieht, sieht man das Ganze: In seinem Mantel wirkt Bovino wie ein Nazi-Offizier. Auch andere Länder hatten diese Mäntel, doch Bovinos übriges Outfit komplettiert den NS-Look: hochrasierter Haarschnitt, als sei er mit einem Foto von Ernst Röhm zum Friseur gegangen; schwarzes Hemd mit Abzeichen auf den Kragenspitzen; und das vielleicht extravaganteste Accessoire: ein „Sam Browne“-Gürtel, der von einem diagonal über die Schulter gelegten Lederriemen gehalten wird, ein Accessoire historischer Offiziersuniformen, heute aber vor allem in der BDSM-Szene in Gebrauch.
Als die ersten Fotos von Bovino in seinem Mantel viral gingen, waren viele überzeugt, nur eine KI könne so ein Bild produzieren. Gefragt, ob das Foto echt sei, antwortete ausgerechnet Elon Musks Grok einem Journalisten: Ja, das Bild sei echt. Es handele sich um ein Foto von Cindy Sherman, der berühmten Künstlerin, die hier Make-up und Kostüm für einen „dramatischen, fast theatralischen Auftritt“ eingesetzt habe. Bekanntlich schlüpfe sie in unterschiedliche Charaktere, um „Identität“ und „gesellschaftliche Rollen“ zu erproben.
Doch Grok war schlecht informiert. Und auch die vielen Kommentatoren, die hinter Bovinos Mantel-Auftritten irgendein dunkles Fetisch-Ding vermuteten, „Nazi Cosplay“, und diese Spielchen reichlich geschmacklos fanden, lagen falsch. Das stellte das Heimatschutzministerium gegenüber einem Journalisten von Gizmodo genervt klar: „Er trägt seine Border-Patrol-Uniform. Vergleicht Gizmodo unsere Männer und Frauen, die ihre Dienstuniformen tragen, häufiger mit Nazis?“
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Doch Bovinos Mantel scheint eben keine reguläre Uniform der Border Patrol zu sein. Bovinos Fußsoldaten tragen entweder Zivil oder die üblichen, mit einer verwirrenden Menge von taktischem Gerät bestückten Hightech-Jacken, die sie einerseits unverwundbar, aber durch die groteske Über-Bewaffnung immer auch etwas lächerlich erscheinen lassen, und die ihres Gewichts wegen nur schwerfällige Bewegungen zulassen. Nur Bovino tritt im wehenden Mantel auf, seine Aura ist ihm Schutz genug. Zum Feldherrn fehlt ihm nur das Pferd.
Wie alle „Agenten“ der Border Patrol kurvte Bovino früher nächtelang durch die Wüste und fing illegals, eine undankbare Arbeit. Seine große Stunde kam, als Trump, dem die Arbeit der eigentlichen ICE-Agenten nicht aggressiv und großflächig genug war, für die medienwirksamen Razzien in Amerikas Großstädten auch die Border Patrol einsetzte. Chef dieser Operationen wurde im Oktober Bovino. Er berichtet direkt an Heimatschutzministerin Kristi Noem und bekam den neu erfundenen Titel „Commander-Operation At Large“.
Er selbst, das unterscheidet ihn vom Feldherrn, wird durchaus mal handgreiflich
Seitdem trägt er häufig den Mantel. Und seitdem fallen ICE und Border Patrol durch immer grausamere und gewalttätigere Aktionen auf. Auch er selbst, das unterscheidet ihn vom Feldherrn, wird durchaus mal handgreiflich. Eine Aufnahme zeigt, wie er in Chicago eine Tränengasgranate auf Demonstranten warf, nachdem ein Gericht den Einsatz von Tränengas verboten hatte. Nach diesem und weiteren Übergriffen ordnete eine Richterin an, er müsse ihr am Ende jedes Werktages über seine Einsätze Auskunft geben.
Doch Bovino und seine Truppe fühlen sich offenbar an kein Gesetz, keine richterliche Weisung gebunden, wie auch die tödlichen Schüsse auf Renée Good in Minneapolis zeigen. Wenn lokale Politiker sich gegen die Übergriffe wehren, ätzt Bovino, sie sollten eben ihren Job machen. In seinen Videos höhnt er gegen Demonstranten. Über den Agenten, der Renée Good erschossen hat, sagte er: „Hut ab!“ Alles deutet darauf hin, dass Bovino nicht „Identitäten“ erprobt, sondern genau der ist, der er auch in seiner Verkleidung zu sein scheint.
Die gute Nachricht: Wenn er das Rentenalter erreicht habe, so hat Bovino angekündigt, wolle er in seiner Heimat North Carolina Äpfel anbauen. In zwei Jahren ist es so weit.

