Fünf Favoriten der Woche:Wenn der Futurismus im Stau steht

Lesezeit: 4 min

Audi holoride

So sieht der "Holoride" aus: mit VR-Brille auf dem Rücksitz der Zukunft.

(Foto: Audi)

Eine VR-Brille fürs Auto, eine Doku über den Seiltänzer zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Center. Dazu Samba von Chico Buarque, Schreibkunst von Anita Daniel und die Beobachtungsgabe von Paul Plamper.

Von SZ-Autorinnen und SZ-Autoren

Virtual-Reality-Brillen für Mitfahrer

Falls man noch nicht genug hat von Autos, die in dieser Woche auf der IAA in München so grandios überschminkt herumstanden, mit diesem charmanten Schatzi-wie-wär's-Blick, der früher höchstens außerhalb vom Sperrbezirk anzutreffen war: Wie wär's denn nun mit einem Holoride? Also: Das mit Audi verbundene Start-up "Holoride" hat eine "völlig neue Content-Kategorie für Passagiere" im Auto entwickelt, wie es im Content-Sprech so schön heißt, der ja auch was Schatzihaftes birgt.

Was gemeint ist: Beifahrer und Passagiere im Fond (vormals: quengelnde Kinder im Stau vor dem Brenner, die keinen Bock mehr haben auf das pädagogisch gut gemeinte Hörspiel oder noch mal "Die andere Welt") erhalten Virtual-Reality-Brillen, in denen die VR-Inhalte mit den realen Fahrbewegungen des Automobils synchronisiert sind. Man kann also endlich die automobile Fahrt für Filme, Videospiele und interaktive Inhalte nutzen - ohne dass einem schlecht wird.

Denn wenn das Auto eine Rechtskurve fährt, während man gamend, fliegend und ballernd seltsamen Klonkriegern im Universum hinterherjagt, nimmt man als Jäger nun auch eine Rechtskurve. Befindet man sich als Gamer virtuell im Raumschiff und das Auto beschleunigt real - so beschleunigt nun auch das Raumschiff. Interessant wird es natürlich, wenn man gerade in einem futurischen Vehikel durch ein Wurmloch wie durch die Dimensionen rast, per Warp-Antrieb, und das Auto am Brenner steht. Im Stau. Dann steht leider auch der Futurismus im Stau.

Aber trotzdem: Der Holoride hat Potenzial, denn erstens muss man nicht immer rumballern, sondern kann sich auch die architektonischen und stadträumlichen Sensationen Roms vorführen lassen, wohin man idealerweise unterwegs ist. Oder eine Einführung in das Barock, wenn es gerade nach Salzburg geht. Der Weiterbildung im Fond sind keine Grenzen gesetzt. Und das Beste: Man muss auch kein Auto mehr sehen. Außerdem wird es irgendwann tatsächlich autonom fahrende Autos geben, wir werden sehr viel Platz in dann zu Wohnzimmern umgestalteten Autos haben und viel Muße für Realitäten jenseits der Realität. Die andere Welt ist nämlich schon auch grandios. Gerhard Matzig

Cover

Chico Buarques und Ennio Morricones Album "Per un pugno di Samba".

(Foto: Sony)

Eine Handvoll Samba

Es war einer der glücklichen Zufälle im Drama der Weltpolitik. Der brasilianische Sänger Chico Buarque musste ins Exil. 1968 hatte sein Musical "Roda Viva" die Militärdiktatoren verärgert, die ihn deswegen ins Gefängnis warfen. Zwei Jahre später übersiedelte er für anderthalb Jahre nach Rom, wo er als Kind gelebt hatte. Dort tat er sich mit dem Produzenten Sergio Bardotti zusammen, der ihm für Plattenaufnahmen den Filmkomponisten Ennio Morricone als Arrangeur vermittelte. Buarque sang auf Italienisch, die Sprache seiner Schulzeit. Morricone brachte großes Orchester, viel Schlagwerk und die Popstars Mia Martini und Loredana Bertè als Chor. Die Melancholie des Samba-Pop und das Pathos der italienischen Westernfilme fügten sich dann für ein Dutzend Lieder zu einer einmaligen, bezaubernden Einheit. "Per un pugno di Samba" hieß das Album, das nun wieder erschienen ist. Frei nach Sergio Leones Western: Für eine Handvoll Samba. Andrian Kreye

Paul Plampers Hörspiele

Deutscher Hörbuchpreis 2018 Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises in verschiedenen Kategorien im

Paul Plamper, Regisseur und Autor für Theater und Hörspiel.

(Foto: imago/Klaus W. Schmidt)

Der Hörspielmacher Paul Plamper ist ein penibler Beobachter der Realität. Ob es um Gentrifizierung geht oder Alltagsrassismus, um Zivilcourage oder Stereotypien familiärer Konflikte: Der 49-Jährige recherchiert sehr gründlich, ehe er einen Gegenwartsstoff zu einem Hörspiel verdichtet. Die Stücke zeichnen sich aus durch sein Gespür für Zwischentöne und das nicht klar Ausgesprochene. Nun wird Plamper mit dem Günter-Eich-Preis für sein bisheriges Gesamtwerk ausgezeichnet. Der WDR präsentiert deshalb in der ARD-Audiothek eine sechsteilige Werkschau. Sie umfasst Plampers jüngstes Werk "Der Absprung" über Konflikte um Geflüchtete, die sich Neu-Rechte zunutze machen. Außerdem das fantastische "Ruhe 1", "Tacet", "Die Unmöglichen", "Henry Silber geht zu Ende" sowie "Top Hit leicht gemacht" von 2002 über die vermeintliche Planbarkeit von Erfolg. Stefan Fischer

Der Drahtseilakt

Man on Wire - Der Drahtseilakt

Philippe Petit auf dem Seil zwischen den Türmen des World Trade Center in New York.

(Foto: WDR/Arsenal Filmverleih)

Man kann an diesem Wochenende zum 20. Jahrestag von 9/11 natürlich alle möglichen Filme und Dokus über die Anschläge und deren Folgen ansehen. Wenn man aber verstehen will, welche Wirkung die Zwillingstürme des World Trade Center damals auf die Menschen hatten, was für ein Symbol der Moderne und der Ambitionen des späten 20. Jahrhunderts sie verkörperten, ist die Doku "Der Drahtseilakt" (derzeit bei Mubi und Prime) sehr viel besser. Die erzählt die Geschichte der sehr unzeitgemäßen Figur des französischen Hochseilartisten, Pantomimen und Jongleurs Philippe Petit. Der spannte im Sommer 1974 heimlich ein Drahtseil zwischen den zwei noch nicht ganz fertigen Türmen und spazierte in 417 Metern Höhe eine Dreiviertelstunde darauf herum. Man kann aber auch Robert Zemeckis Spielfilm "The Walk" anschauen, in dem Joseph Gordon-Levitt den Seiltänzer spielt. Gleiches Drama, gleiches Pathos. Fred Shipman

"Mondän ist nicht mehr modern"

Fünf Favoriten der Woche: Eine wunderbare Entdeckung: "Anita Daniel: Mondän ist nicht mehr modern".

Eine wunderbare Entdeckung: "Anita Daniel: Mondän ist nicht mehr modern".

Sie plaudert übers Wassertrinken, über Lippenstifte, Spargel, über die Freude erster Erdbeeren, die Oper, eitle Männer und das geliebte Bett (einfach so, um darin gemütlich herumzuhängen). Anita Daniel, geboren 1892 in Rumänien, war in den 1920er-Jahren eine wichtige Gesellschaftsreporterin in Berlin und ist inzwischen, zu Unrecht, kaum mehr bekannt. Sie schrieb für das Magazin Die Dame, dem wichtigsten Mode- und Gesellschaftsmagazin der Weimarer Republik, und hatte eine eigene Kolumne im Uhu. 1933 musste Anita Daniel, eine Jüdin, in die Schweiz emigrieren, später dann in die USA, wo sie auch für die in New York erscheinende jüdische Emigrantenzeitung Aufbau arbeitete.

Anita Daniel schrieb unzählige kleine Feuilletons und Aphorismen voll cleverer Beobachtungen, etwa über die Eleganz: "Eleganz strömt vom Träger aus, nicht vom Getragenen." Oder zum Thema Distanz: "Die schönste Form der Liebe: Aufrechterhaltung einer bewussten Distanz, die immer wieder unbewusst verfliegt." Zum Thema Glück: "Das Paradies ist immer gestern oder morgen." Sie traf Max Liebermann in Berlin, König Gustaf von Schweden in Stockholm, sogar John F. Kennedy im Weißen Haus. Ähnlich einer Vicki Baum war sie eine Gesellschaftsumarmerin, schildert liebevoll, schillernd und böse kleine Szenen aus Kaffeehäusern in Berlin, dann aus New York. Immer wieder zieht sich auch der Schmerz des Krieges durch ihre Texte, etwa, wenn sie über Mütter 1942 schreibt, erstaunlicherweise ist sie aber nie bitter. Anita Daniel war eine scharfe Beobachterin ihrer Zeit, hatte eine große Liebe zu Mode und eine mindestens genauso große zur Schlagfertigkeit.

Mehr als 100 kurze und längere Texte, Sprüche und Szenen hat nun der für das Erbe von Exilautoren engagierte Verlag Edition Memoria zusammengetragen und in dem Buch "Anita Daniel: Mondän ist nicht mehr modern" veröffentlicht (Herausgegeben von Thomas B. Schumann und Katja Behling, Edition Memoria, Köln, 2021, 35 Euro). Eine wunderbare Entdeckung. Christiane Lutz

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