"I'm Not a F**cking Princess" im Kino:Frauen in lichtlosen Räumen

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Das gewohnte Zuhälter-Modell funktioniert nicht zur Erklärung in diesem Film, es sind nicht die geilen Männer, die hier die Frauenkörper sexuell ausbeuten. Im Gegenteil, Hannahs Freund ist ein abstrakter Maler, ein Kommunenzausel, zigarillokauend, anarchisch, der auf dem Land lebt und natürliche Vernunft verkörpert - Denis Lavant spielt ihn, der einst die monströsen Jungen in den frühen Filmen von Leos Carax verkörperte. Er ist der Schutzpatron des Films.

Die Frauen halten sich dagegen in lichtlosen Räumen auf - die kleine Kirche der Orthodoxen, wo die Großmutter unterschlüpft, zwischen ein paar schwachen Kerzen und Ikonen mit goldenen Rändern, oder die schummrigen, verschleierten Zimmer von Hannah und Violetta - so heißt das Mädchen im Film, gespielt von der zwölfjährigen Anamaria Vartolomei. Dunkelkammern der weiblichen Sehnsüchte, Ateliers der Eigeninszenierung. Der Tod ist präsent in diesen Räumen, sagt Eva Ionesco, sie ist für diesen Film inspiriert von den Horrorfilmen Mario Bavas und den Body-Double-Studien von Brian de Palma. Irgendwann klingen auch poetische Inspirationen an, ein Poe-Gedicht: "From childhood's hour I have not been as others were; I have not seen as others saw ..."

Wir müssen die verlorene Zeit wiedergutmachen, sagt die Mutter zur Tochter, als sie sich an die Arbeit macht. Die Nikon ist ein magisch glitzernder Apparat in ihren Händen. Sie leidet an Physiophobie, hat Angst vor körperlichem Kontakt mit anderen. Das sei keine Verkleidung, beharrt sie, wenn sie Violetta und sich ausstaffiert, eher eine zweite Haut. Als Violetta schließlich rebelliert, munitioniert Hannah sich mit Thesen von Bataille. Schließlich kommt das Jugendamt, die Tochter wird ihrer Obhut entzogen. Die Göttinnen der Dekadenz haben ausgespielt.

Man hat es nicht leicht in diesem Film, wenn sich in der Faszination der Mutter angesichts ihres Metiers immer auch Momente eigener Zuschauer-Faszination gespiegelt finden. Und die Diskussion ist nie wirklich entschieden worden um die Dialektik des Kunstbetriebs, wie sie in der Folge von '68 debattiert wurde, die Diskussion um sexuelle und künstlerische Revolution, um Tabubruch und Widernatürlichkeit, um Pop und Punk und die zwanghaften Drohungen des Voyeurismus. Und darum, ob nicht überhaupt das Bildermachen etwas von einem Missbrauch hat, der uns mit unserem Bild auch die Seele raubt.

Regie: Eva Ionesco. Buch: Marc Cholodenko, Philippe Le Guay, Eva Ionesco. Kamera: Jeanne Lapoirie. Schnitt: Laurence Briaud. Musik: Bertrand Burgalat. Mit: Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Georgetta Leahu, Denis Lavant, Pascal Bongard, Jethro Cave, Louis-Do de Lencquesaing. X-Verleih, 104 Minuten.

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