Hundertwasser-Ausstellung Alles schief und bunt

Die gerade Linie galt ihm als "unmoralisch und gottlos". Deshalb wurde der Wiener Maler Friedensreich Hundertwasser nicht müde, die Welt zu verschönern. Wie, das zeigt gerade eine Schau im Bernrieder Buchheim-Museum

Von Sabine Reithmaier

Am Ende der Spirale, also im Zentrum der Ausstellung, steht eine Humustoilette. Friedensreich Hundertwasser hat sie entwickelt. Der Mann hatte eben nicht nur die großen Dinge im Blick, sondern auch alltägliche Verrichtungen. "Scheiße wird Erde, die man aufs Dach legt, wird zu Wiese, Wald und Gärten, Scheiße wird zu Gold." Zu dem Zeitpunkt hat der Besucher schon begriffen, wie leicht Hundertwasser zu unterschätzen ist und wie sinnvoll der Versuch von Museumschef Daniel J. Schreiber ist, den "ganzen" Hundertwasser einzufangen. Im Buchheim-Museum taucht nicht nur der Maler der bunten, versponnenen Bilder auf, sondern auch der Politaktivist, der gegen Atomkraftwerke protestierte, der avantgardistische Happening-Künstler, der die zeitgenössische Architektur schmähte, oder der Ökologe, der sich für alternative Ernährung einsetzte.

Anfangs fällt es gar nicht so leicht, sich den Bildern unbefangen zu nähern und die immer noch vorhandene Hundertwasser-Übersättigung zu unterdrücken. Schließlich war der Wiener Maler in seiner späten Zeit ein begnadeter Selbstvermarkter, der alles gestaltete, was er in die Finger bekam, einschließlich diverser Seidenschals. Verschleißerscheinungen lassen sich nicht vermeiden. 125 Gemälde, Holzschnitte, Wandteppiche, Architekturmodelle, ungezählte Dokumente und Manifeste, entstanden zwischen 1951 und 2000, hat Schreiber für die Retrospektive versammelt. Selbstverständlich auch Bäume, denn eine Ausstellung ohne dieselben geht gar nicht. Fand jedenfalls Hundertwasser, weshalb man entspannt an einer sanft plätschernden Pflanzenkläranlage steht und darüber nachdenkt, dass die Holzschnitte, die den Eintritt in die Spirale säumen, in ihrer Farbintensität schon ziemlich fantastisch sind.

Weil die gerade Linie "unmoralisch und gottlos" (Hundertwasser) ist, ist der Rundgang als Spirale angelegt - zugleich Hundertwassers zentrales Motiv. Er provozierte gern, um auf sich aufmerksam zu machen. Aber im Gegensatz zu seinen Kollegen, den Wiener Aktionisten, ging es ihm darum, dass, wie er es formulierte, "etwas Schönes geschieht". Für Schönheit als Allheilmittel einzutreten, eine Ästhetik der Harmonie zu entwickeln - das war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ziemlich wagemutig, denn eigentlich galt die Darstellung von Schönem nach Ausschwitz als korrupt, als unmoralisch. Dafür hatte Adorno gesorgt. Hundertwasser widersetzt sich diesem Verdikt. Ausgerechnet er, der 1928 in Wien als Friedrich Stowasser geboren, mit seiner jüdischen Mutter Krieg und Nazi-Terror in der Stadt überlebt hatte, in ewiger Angst vor der Deportation; 69 Verwandte der Familie wurden ermordet. Ähnlich wie Hundertwasser reagiert auch Marc Chagall. Vermutlich setzen die beiden aus einer ähnlichen Leidenserfahrung nicht auf Anklage, sondern auf den Gedanken der Aussöhnung durch die positive Gestaltungskraft der Kunst.

1959 verzierte Hundertwasser als Gastprofessor an der Kunsthochschule in Hamburg mit Bazon Brock den Saal 213 mit einer Spiral-Linie von "Bleistift, Tinte, Urin des Propheten, Ölfarbe", bei stetem Abspielen arabischer Musik. Eigentlich sollte die gesamte Hochschule liniert werden, aber dem Rektor reichte es nach 46 Stunden, er ließ "die große Hamburger Linie" stoppen. Damit endete auch Hundertwassers Gastspiel in Hamburg. Bereits drei Monate zuvor im September hatte er mit Ernst Fuchs und Arnulf Rainer das "Pintorarium" gegründet, die "universelle Anti-Akademie aller kreativen Richtungen". Eine Aktion dieser Akademie fand 1967 auch in der Schwabinger Galerie Richard P. Hartmann statt. Hundertwasser entledigte sich seiner Kleidung, der zweiten Haut, und beharrte nackt, in seiner ersten Haut, auf dem Anrecht auf eine "dritte Haut". "Ich persönlich werde krank, wenn ich so durch die Gassen gehe, die alle gleich sind, und die Fenster alle gleich sind", sagte er und kritisierte fulminant den monotonen Städtebau der Nachkriegszeit. Später forderte er das "Fensterrecht" jedes Bürgers, dazu die "Baumpflicht", die individuelle Begrünung jeder Wohnung. Schon 1958 protestierte er in seinem "Verschimmelungsmanifest" gegen das ungesunde Wohnen in den rationalistischen Bauten und wünschte sich, sie mögen alle verschimmeln. Wäre nett, sich mit ihm über die allgegenwärtige Schimmelproblematik in den zu Tode gedämmten Häusern zu unterhalten. Später ergänzte er sein System übrigens noch um Haut vier und fünf: Umwelt und schließlich das Ökosystem der ganzen Erde.

Wie seine Häuser aussehen sollten, dokumentieren die Architekturmodelle, die grüne Zitadelle von Magdeburg mit ihren bewaldeten Dächern, Terrassen und Rampen, oder die Kindertagesstätte Heddernheim bei Frankfurt, das Kunsthauswien oder der Hundertwasser-Turm, der in abgespeckter Form in Abensberg steht. Und das Schiff "Regentag".

"Der Buchheim ist ein toller Mann, der alles tut und alles kann", schrieb Hundertwasser 1967 mit leiser Ironie auf einer Postkarte. Die beiden Querdenker, die sich 1964 auf der Biennale in Venedig kennenlernten, verstanden sich gut. Lothar-Günther Buchheim gab bald darauf die erste Monografie des Malers heraus, verdiente an dessen Postkarten und Jahreskalendern nicht schlecht. Dass er dann später die Phantasie in seinem Museum zum Prinzip erhob, könnte er direkt von Hundertwasser übernommen haben.

Hundertwasser...schön & gut; Buchheim-Museum, Bernried; bis 5. März 2017