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"Hundert Augen" von Samanta Schweblin:Plötzlich unersetzlich

July 30 2009 Lima LIMA PeroÆ'ÂÂ LIMA 30 DE JULIO DEL 2009 ENTREVISTA A SAMANTA SCHWEBLIN E

Geradezu beleidigend deutlich: die argentinische Schriftstellerin Samanta Schweblin.

(Foto: El Comercio/imago/ZUMA Press)

In Samanta Schweblins Roman "Hundert Augen" schleichen sich alberne, kuschelige Technik-Gadgets in das Leben ihrer Besitzer ein.

Von Marie Schmidt

Ein fieser, kleiner Schmerz sitzt in den Geschichten von Samanta Schweblin genau da, wo eigentlich alles klar sein muss. Wo unausgesprochene, gemeinsame Annahmen über die Welt die Grundlage dafür sind, dass man überhaupt mit anderen reden kann. An der Stelle verschiebt sie etwas, mit wenigen Worten nur, und das Unheimliche daran ist, wie munter Schweblins Figuren weitermachen, auch wenn sie eigentlich gar nichts mehr verstehen.

Selbstverständlich sollten zum Beispiel Kinder essen, was gesund für sie ist. In einer ihrer Kurzgeschichten gibt es allerdings ein kleines Mädchen, dem es nur gut geht, wenn es lebendige Vögel verschluckt. Und Schweblin zeigt dann, wie sich sein Vater damit arrangiert, was ungeheuerlich und gleichzeitig ein Beweis größter Liebe ist.

In einer anderen Geschichte fährt eine Frau mit ihrer Mutter durch die Stadt, und unter einem Vorwand geht die Mutter an einer fremden Familie vorbei in deren Haus, als hätte sie dort etwas zu besichtigen und aufzuräumen. "Wo haben die Leute bloß diese ganzen Sachen her?", sagt sie, "Das macht mich so traurig, dass ich sterben möchte." Wie in einem Albtraum vom ewigen Kindsein versucht die Tochter die Mutter zu verstehen und zu verteidigen.

Schweblins zweiter Roman ist ein frappierend verständliches Buch

Überhaupt wirken Schweblins Bücher oft wie das Erschrecken nach dem Aufwachen, darüber dass man im Traum über etwas Ungeheuerliches ganz ruhig geblieben ist. An manchen ihrer Geschichten schmiert die Vernunft auch von Anfang an ab. Ihr erster Roman "Das Gift" (2015) bestand in einem Dialog zwischen einer Figur, die, wie man im Laufe der Zeit erfährt, gerade stirbt und das Bewusstsein verliert, und einem Kind, von dem man durch eine Art Seelenwanderung gar nicht weiß, wer und in welchem Körper es eigentlich ist. Zwei schwindelerregend unzuverlässige Erzähler, eine furchtbar ambitionierte Geschichte, ihre Leser und Rezensenten waren fasziniert und scheiterten, wenn sie sagen sollten, worum es in dem Buch geht.

Mit ihrem zweiten Roman "Hundert Augen" wurde Schweblin, die 1978 in Buenos Aires geboren ist, zweitweise in Berlin lebt und auf Spanisch schreibt, vom Geheimtipp zur Erfolgsschriftstellerin. Ein frappierend verständliches Buch. Man erkennt sofort wieder, was darin erzählt wird, auch wenn es wieder sehr kompliziert zu erklären ist.

Es handelt sich um einen Episodenroman über eine Art Kuscheltier mit Internetverbindung und Kamera, das weltweit auf den Markt kommt. Es heißt "Kentuki", kostet 279 Dollar, wird in einem "Geschäft mit gläserner Fassade" verkauft, das "sonderbar weiß und reinlich wirkte". Die Tierchen kommen als stilisierte Raben, Kaninchen oder Drachen daher, sind rundlich und flauschig und stellen, sobald man sie auflädt, den Kontakt zum Account eines beliebigen Users irgendwo auf der Welt her, der sich entschieden hat, "Kentuki zu ,sein', statt einen Kentuki zu ,besitzen'".

Wer dieser User ist, weiß man nicht, auch wenn er durch die Kamera des Plüschtiers am Computer seinem Besitzer zuschauen und in seiner Wohnung herumlaufen kann. Die Plüschwesen können nur Tierlaute von sich geben, den Usern zeigt ein Übersetzungsprogramm auf dem Bildschirm an, was ihre Besitzer sagen. Schweblin erzählt nun Geschichten von Menschen an beiden Enden der Leitung und ihren Beziehungen zu ihrem Spielzeug.

Bestimmen die Gadgets, was die Menschen denken und fühlen?

Der Witz besteht offensichtlich darin, dass dieses konstruierte Szenario heute irre alltäglich wirkt: Ein neues Gadget kommt ins Leben, hier eine Mischung aus Tamagotchi, Furby, iPhone und Chatroulette. Erst kommt es den Leuten umständlich, kindisch, verzichtbar vor, dann gewöhnt man sich daran. Für Schweblins Verhältnisse ist auch der Ton dieses Buches gar nicht geheimnisvoll, eher beiläufig, wie man etwas erzählt, das der Schwiegermutter einer Freundin passiert ist. Die Anspielungen auf das Corporate Design von Apple und andere Entwicklungen der letzten Jahre sind geradezu beleidigend deutlich.

Und trotzdem nehmen einen die Geschichten mit, bevor man sich noch in den technischen und psychologischen Details der Episoden orientiert hat. Ihre unheimliche Frage lautet, ob die Menschen nur mit den Kentukis spielen, oder ob die Kentukis mehr und mehr übernehmen, was die Menschen überhaupt denken und fühlen können.

Ein Scheidungsvater hat das Plüschtier eigentlich für sein Kind gekauft, aber dann hilft es auch ihm, zum Beispiel bei der Gartenarbeit, und er fährt es durch die Stadt, damit der unbekannte User irgendwo auf der Welt sie besichtigen kann. Bis seine Exfrau behauptet, hinter dem Tier stecke ein Stalker, der ihr Kind ausspionieren wolle. Vertrauen und Enttäuschung konzentrieren sich plötzlich auf einen durchgedrehten Gegenstand.

Mit neuen Medien machen Menschen immer, was sie schon zuvor gemacht haben

Eine ältere Frau in Peru marschiert als Kaninchen durch die Wohnung einer Jüngeren in Erfurt und beobachtet, wie ihr Freund sie beklaut. Ihr Beschützerinstinkt wächst mächtig über ihre Skepsis gegenüber der technischen Spielerei hinaus. Die Frau eines Künstlers kauft sich ein Kentuki, weil sie sich vernachlässigt fühlt, und das Tierchen bringt nach und nach eine atemberaubende Aggressivität in ihr hervor.

Samanta Schweblin: Hundert Augen. Aus dem Spanischen von Marianne Gareis. Suhrkamp, Berlin 2020. 252 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Suhrkamp)

Samanta Schweblin folgt in diesem Roman Marshall McLuhans Gesetz, nach dem Menschen mit neuen Medien nie etwas Neues machen, sondern nur das, was sie immer getan haben, aber schneller, weiter oder einfach anders. Sie beschimpfen und betrügen sich, verlieben und quälen sich, beuten sich aus und verausgaben sich. Nie erzählt Schweblin von beiden Seiten einer Paarung am Gerät, wechselt nie die Perspektive. Sie hat sich dieses Spielzeug ja extra so ausgedacht, dass User und Besitzer nicht direkt und in Worten miteinander kommunizieren können. Und trotzdem setzen ihre Figuren Himmel und Hölle in Bewegung, um es doch zu tun.

Sie können nicht anders, als auch durch diesen albernen Gegenstand noch Verbindungen zueinander herzustellen. Etwas an diesem betont simpel verspielten Einfall ist wahnsinnig rührend. Wahrscheinlich hat es auch mit der Erfahrung der Corona-Pandemie zu tun, dass die Menschen alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und Kanäle nutzen, um beieinanderzubleiben und um, auch wenn sie sich nicht treffen dürfen, ihre geteilten Gewohnheiten aufrechtzuerhalten.

© SZ/fxs
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