Der Hund als Gegenstand von Kunst: Riesenthema. Da wäre Tizians „Venus von Urbino“, mit dem schlafenden Malteser auf dem Bett der schönen Nackten. Da wären „Die Hoffräulein“ von Velázquez mit dem ausdruckslosen Mastiff am rechten Bildrand, den Picasso in einer Variation von 1957 durch seinen eigenen Hund Lump ersetzte, einen Dackel. Da wären unzählige Foxhounds und Pointer und Setter in den Jagdgemälden britischer Landschaftsmaler, David Hockneys „Dog Days“, Gerhard Richters „Hund“, Francis Bacons „Study of a Dog“ und Jeff Koons’ „Balloon Dog (Orange)“, 2013 bei Christie’s für 58,4 Millionen US-Dollar versteigert. Die Liste ist endlos.
Der Hund als Betrachter von Kunst hingegen: hoffnungslos unterbelichtet.

Insofern ist es ein lobenswerter Einfall, dass der Hund, der so vielen Malern als Verkörperung von Treue, Status, Schutz und Vitalität gedient hat, nun gewissermaßen aus der Publikumsperspektive zurückschauen darf: Im Werk des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno geht es, sehr grob gesagt, darum, dass alles auf dieser Welt mit allem zusammenhängt. Also zum Beispiel der Hund mit der Kunst und der Spinne, und darum ist ein Teil der Ausstellung „Verwobene Welten“ im Münchner Haus der Kunst bis zum 13. September auch für Vierbeiner geöffnet. Ein sehr kleiner Teil, wohlgemerkt, kaum der Rede wert: ein einziger Saal im Ostflügel, über die Terrasse kostenfrei zu betreten. „Bitte übernehmen Sie selbst Verantwortung für die Sauberkeit Ihres Hundes“, heißt es leicht pikiert auf der Homepage, „und beseitigen Sie eventuelle Verschmutzungen.“
Hinter den Bildern sei Hundefutter, sagt die Aufseherin, „daran kann er schnuppern, wenn er mag“
Der Versuchshund ist ein Bayerischer Gebirgsschweißhund. Bei der Jagd wird die Rasse für die Nachsuche nach verletztem Wild eingesetzt, sie verfügt über eine ganz ausgezeichnete Nase. Als Museumsbesucher könnte der Hund theoretisch Großes leisten: Ein Hauch von Gams-Duft, ein Anflug von Weißwurstdampf oder Fäkalienaroma, und er würde auf der Stelle zum Kunstgenießer; möglicherweise würde sogar ein Verständnis in ihm reifen, welches das des Menschen übertrifft.
Leider weiß Tomás Saraceno nur sehr wenig über Hunde.
Erstes Exponat: eine Skulptur aus vielfarbigen Insektenhotels. Der Hund mag keine Fluginsekten, und es sind auch keine vorhanden, weshalb ihm das Werk großformatig schnuppe ist. Zweites Exponat: „Algo-r(h)i(y)thms“, eine Installation aus im Raum verwobenen Seilen und Kabeln; leicht angezupft erzeugen sie Töne, die an die Vibrationen von Spinnen im Netz erinnern sollen. Dem Hund sind die Töne egal, er würde jetzt gerne an den barfuß durchs Kunstwerk tapsenden Menschen riechen, darf in dieses aber nicht hinein und nimmt in der Folge einen resignativen Ausdruck an. Drittes Exponat – ja, gibt es denn noch eins? Die Saaldienerin deutet nach unten.

Drei weiße Leinwände auf Kniehöhe, um nicht zu sagen: „Wayra, 2023 – 2026“. Hinter den Bildern sei Hundefutter, sagt die Aufseherin, „da kann er dran schnuppern, wenn er mag“. Sie klingt skeptisch. Offenbar haben die sehr wenigen Hunde, die bisher hier gewesen sind, „Wayra, 2023 – 2026“ nicht viel abgewinnen können. Der Hund schnuppert, er will jetzt mal nicht so sein. Dann dreht er sich um und läuft schnurstracks zu „Algo-r(h)i(y)thms“ zurück, an dessen Rand sehr viele ausgezogene Menschenschuhe stehen, an denen er aber weder riechen noch herumkauen darf, und damit ist für den Hund das Thema Kunst erledigt.
Er sackt auf den Solnhofener Plattenkalk und schließt die Augen. Bestimmt träumt er von all den tollen Düften überall dort, wo die Kunst nicht ist.

