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Humor:Darf man endlich wieder über Minderheiten lachen?

Neu auf Radioeins vom rbb: 'Die Blaue Stunde' mit Serdar Somuncu

Kabarettist Serdar Somuncu hat den Tabubruch zu seinem Stil erhoben.

(Foto: rbb/Oliver Ziebe)

An Witze über Randgruppen trauen sich heutzutage nur wenige ran. Serdar Somuncu zum Beispiel. Er bewegt sich in einer humoristischen Grauzone, doch das Lachen könnte gegen Ausgrenzung helfen.

Was haben ein Schwarzer, ein Schwuler und eine Blondine gemeinsam? Die Antwort könnte man aus den Klischees, die man mit ihnen assoziiert, zusammenschrauben und hätte dann so etwas wie einen Witz. Eigentlich aber kommen sie als humoristische Figuren heute eher nicht mehr in Frage. Zumindest dann nicht, wenn der Witz über Fernsehen, Radio oder Zeitungen ein größeres Publikum erreichen soll. Witze über Minderheiten sind ziemlich out. Jan Böhmermann macht sie nicht. Und die Moderatoren der gern als Gipfel aktueller Humorkunst gepriesenen US-Late-Night-Shows machen sie auch nicht.

In einem Text in der Zeit hat der Journalist Felix Dachsel gerade das gute alte "Handwerk" des Humors, also die Verfertigung von auf Pointe hin konstruierten Witzen, als verlorene Kunst gepriesen. Heute wollten alle Komiker sozialkritisch und politisch sein, warf er den Böhmermännern und "Die Anstalt"-Machern vor. Heraus kämen dabei nur überhebliche Moralismen. Als Gegenbeispiele, also gute alte Humorhandwerker, führte Dachsel Harald Schmidt an, Otto Waalkes und - ja, tatsächlich - Mario Barth, der mit seinen Männer-und-Frauen-Witzen einer der letzten notorischen Schenkelklopfer-Produzenten ist.

Man könnte sagen: So ist das nun mal. Humortrends kommen und gehen, wenig bleibt dauerhaft witzig. Das Minderheiten-Witz-Tabu aber ist interessant. Es spiegelt im Humorbereich jene Rücksichtnahme, die heute viele als "Political Correctness" schmähen. Und gegen die einige meinen, aufbegehren zu müssen.

Manche brechen das Tabu ganz bewusst und sehr geschickt. Serdar Somuncu etwa, Kabarettist und "Kançler-Kandidat" der Satirepartei "Die Partei", hat den Tabubruch zu seinem Stil gemacht. "Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung", sagt er in seinem Kabarettprogramm. Wenn Somuncu auf der Bühne steht, kommt es auch mal vor, dass er sich über einen Zuschauer mit Behinderung lustig macht. Die Menschen rutschen dann gequält in ihren Sitzen umher, fragen sich, ob sie lachen dürfen oder nicht. Somuncu will genau dieses Unbehagen erreichen. Aber durchaus auch das Lachen darüber. Seine Theorie: Vielleicht schließt man Menschen eben gerade nicht aus, wenn man über sie lacht - sondern behandelt sie nur genauso wie alle anderen. "Indem ich jeden beleidige, kann sich keiner angesprochen fühlen", sagt er.

Aber stimmt das? Ein kurzer Blick über den Atlantik: In der Late-Night-Show von Stephen Colbert war kürzlich der US-Comedian Bill Burr zu Gast und probierte einen Minderheiten-Witz aus. Burr erzählt bei seinem Auftritt, er habe neulich eine Frau im Restaurant gesehen. Eine Lesbe. "Es war unbestreitbar!", sagt er. Weil sie in der Aufmachung eines Bauarbeiters herumlief. Die Kostümierung sei so überzogen gewesen, dass es schon fast ihn als Mann beleidigt hätte. "Nicht mal wir Männer laufen ja so herum."

Das Publikum, das jede Spitze gegen Trump bejubelt, ist verunsichert

Burr ist bekannt für solche Mini-Provokationen. Diesmal aber machte er seinen Witz unter den sehr linken Laborbedingungen der "Late Show" mit Stephen Colbert. Einer Sendung, in der sich Moderator und Publikum Folge um Folge erneut auf den Widerstand gegen die Präsidentschaft Donald Trumps einschwören.

Was also geschieht hier nach dem Lesben-Witz? Die Menschen im Studio lachen verhalten. Ungewöhnlich für das Colbert-Publikum, das sonst jede Spitze gegen Trump frenetisch beklatscht und bejubelt. Doch jetzt schwelt Verunsicherung bei Zuschauern und Moderator. Darf man da lachen? Ist das alles politisch korrekt? Burr spürt die Zurückhaltung und stellt klar: "Diese Frau, die zufällig eine Lesbe war, war lächerlich gekleidet." Davon handle sein Scherz, nicht von ihrer sexuellen Orientierung an sich.

An dieser Stelle des Textes mögen einige, die nur ihr Bauchgefühl bestätigt sehen wollen, sich zurücklehnen und sagen: Ich hab's doch gewusst: Auf Kosten Trumps dürfen zuhauf Witze gerissen werden, doch die Minderheiten sind fein raus! Da gibt man ihnen schon alle erdenklichen Rechte und die Political Correctness fordert dennoch immer weiter rhetorische Rücksichtnahme ein. Sie wollen gleich sein? Dann müssen sie auch den gleichen Spott ertragen wie die Mehrheit.

Derselbe Witz kann Identität stiften oder bösartig verspotten

Doch so einfach ist es nicht. Zwischen der Lesbe und Donald Trump gibt es einen gewaltigen Unterschied. Sie gehört einer Minderheit an und er der Mehrheit in jeder Hinsicht (weiß, männlich, hetero). Trump hat alle Privilegien, die man haben kann, gekrönt von großem Reichtum - und der riesigen Machtfülle des US-Präsidenten. Das erklärt, warum auch ein schlechter Witz über Trump zündet und selbst ein guter über Minderheiten bedenklich erscheint. Humor funktioniert am besten, wenn er nach oben tritt statt nach unten. Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten war insofern ein Segen für viele Late Night Shows. Ein Mann war ins Zentrum der Macht gerückt, der nie um seine Privilegien kämpfen musste.

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Aber ist das Recht darauf, ausgelacht zu werden, nicht trotzdem legitim? Wenn die weiße Mehrheit über die eingangs erwähnte Lesbe genauso wie über Trump lacht, macht sie die beiden in gewisser Weise "gleicher", oder nicht?

Rainer Stollmann, Professor für Kulturwissenschaft und Lachforscher, weist darauf hin, dass viele Minderheitenwitze ihren Ursprung in der Minderheit selbst haben oder von ihr aufgegriffen werden. Humor und Selbstverspottung sind nicht selten identitätsstiftende Bestandteile vieler Gruppen, die Diskriminierung erfahren. Prominentes Beispiel ist der jüdische Humor, der so scharfe Witze hervorbrachte, dass diese häufig unverfälscht von den Nationalsozialisten missbraucht werden konnten. Auch heute stellt Stollmann fest: "Schwulenwitze etwa, die auf rechten Seiten stehen, lassen sich kaum unterscheiden von den Witzen, die die Schwulen über sich selber machen." Die Frage sei vielmehr: Erzählt jemand den Witz über die eigene Gruppe oder von außen, um sie womöglich zu verhöhnen. Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, erhält der Witz eine andere Färbung.

Daran liegt es, dass Serdar Somuncus Provokationen funktionieren. Er ist ja selbst Teil einer Minderheit, die er ebenso satirisch und "politisch unkorrekt" behandelt wie andere Randgruppen. Ganz anders war es bei dem Comedian Chris Tall, dessen "Darf er das?"-Auftritt bei TV-Total vor zwei Jahren viral ging. Da lachte er als Weißer mit einem weißen Publikum über Behinderte und Schwarze. Über letztere: "Das sind normale Menschen. Gut, großer Penis, rennt schnell." Talls Philosophie ist, dass man über Minderheiten nicht nur lachen darf, man muss. Er verstieg sich sogar in der Aussage, dass es Rassismus wäre, es nicht zu tun. Obwohl sein Ansatz dem von Somuncu gleicht, erlebte er ein kritischeres Medienecho, eben weil er als Weißer von außen witzelte.

In einer ungleichen Welt hat der Witz das Potenzial, Minderheiten dauerhaft vom Diskurs fernzuhalten, indem er sie der Lächerlichkeit preis gibt. Rainer Stollmann, der Lachforscher, gibt ein anschauliches Beispiel. Nicht den Judenwitz oder den Polenwitz, sondern den Blondinenwitz: "Neunzig Prozent davon sind unmöglich, dahinter verstecken sich die verletzten Machos und Patriarchen, die teilweise pathologische Angst vor der Frauenbewegung und der Weiblichkeit haben und diese kleinhalten wollen."

Ohne faden Beigeschmack über Minoritäten und diskriminierte Gruppen zu lachen, so richtig zu lachen, das geht wohl nur in einer Gesellschaft, in der absolute Gleichheit zwischen den sozialen, ethnischen und sexuellen Gruppen herrscht. Als "Prüfstein der Wahrheit" empfiehlt Stollmann die kritische Selbstreflexion: "Können Sie spontan und bedenkenlos lachen oder nicht? Wenn nicht, dann bezweckt der Witz wohl eher plumpe Stigmatisierung." Es dürfte also niemanden überfordern, sich bei einem politisch "unkorrekten" Witz vorher zu vergewissern, wie er aufgenommen werden könnte.

Das Late-Night-Publikum von Colbert lag letztendlich intuitiv richtig damit, Burrs Lesbenwitz nicht direkt abzuklatschen, sondern sich zu fragen: Ist das jetzt okay? Auch Serdar Somuncus Witze zielen auf genau diese Selbstbefragung ab. Rücksichtnahme soll aber auch nicht dazu führen, dass alle völlig verkrampfen und so tun, als seien Homosexuelle oder Ausländer gefährdete Tierarten, über die man nur sehr leise spricht und schon gar nicht laut lacht. Dabei kann reflektierter Humor die oft verbissen geführte Debatte über Political Correctness auflockern. Wenn Motiv und Zweck des Witzes nicht zwielichtig oder gar offen menschenfeindlich sind, dann um alles in der Welt: Lacht!

© SZ.de
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