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Humboldt-Forum:In der Zeitfalle

Besucher umringen die Skulpur des Antonious auf dem Schlüterhof beim Tag der offenen Baustelle beim

Besucher im Schlüterhof des wieder aufgebauten Berliner Schlosses beim Tag der offenen Baustelle. Wann das Haus wirklich eröffnet wird, ist unklar.

(Foto: Seeliger/imago)

2019 sollte das Humboldt-Forum eigentlich fertig werden. Doch der Termin ist nicht zu halten. Trotzdem klammern sich die Verantwortlichen daran fest.

Von Jörg Häntzschel

Was das Humboldt-Forum eigentlich sein soll, was dort passieren wird, das ist noch immer nicht klar. Doch die Frage nach dem Inhalt war beim größten deutschen Kulturprojekt ja von Anfang an nachrangig. Vor allem wollte man das Schloss. Das ist auch der Grund, warum die Verantwortlichen so verbissen an der planmäßigen Eröffnung im November 2019 festhalten. Der Termin ist seit Jahren die einzige Planke im tosenden Meer der Konzepte.

Doch genau damit ist es nun wohl vorbei. Noch will es keiner öffentlich zugeben, doch unter den Verantwortlichen glaubt niemand mehr daran, dass das Haus wie geplant im November 2019 eröffnet werden kann. "Bestenfalls", so heißt es hinter vorgehaltener Hand, werde ein Teil der Geschosse fertig sein fürs Publikum.

Hans-Dieter Hegner, der Chef der Schlossbaustelle, muss also unter enormem Druck stehen, doch wenn er den Besucher durch den gigantischen Bau führt, wirkt er so entspannt, als zeige er einem sein neues Gartenhäuschen. "Kriegen wir hin", "ist kein Problem", "haben schon eine Firma beauftragt": Mit diesen Sätzen beantwortet er lächelnd jede Frage. Vermutlich hat er recht. Der reine Bau dürfte tatsächlich fertig werden. Doch ein Museum braucht mehr als die Hülle.

"Dass die Sache gegen die Wand fährt, müsste dem Blindesten klar sein."

Nach dem derzeit verhandelten Plan B könnten die oberen Stockwerke, wo das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst unterkommen, 2019 eröffnen. Die unteren, mit der nun plötzlich wieder zur Disposition stehenden Berlin-Abteilung (siehe Text rechts), würden folgen. Doch bei den Museen schüttelt man darüber ungläubig den Kopf. Gerade dort nämlich häufen sich seit Längerem die Hindernisse. "Dass die Sache gegen die Wand fährt, müsste dem Blindesten klar sein", sagt einer der Beteiligten.

Vor 2020 werde man unmöglich fertig. Der Grund dafür sind viele kleine Probleme, von denen aber jedes das Zeug hat, den Umzug ins Schloss zum Stillstand zu bringen. Darunter sind Petitessen: Das System für die QR-Codes, mit denen die 20 000 Objekte vor dem Umzug markiert werden sollen, funktioniert nicht. Maschine kaputt. Auch die nötige "Entwesung" der Großobjekte von Schädlingen und Pilzen kommt nicht voran. Und weil die Gestalter der New Yorker Firma Applebaum aus vielen Gründen Monate im Verzug sind und deren Pläne nicht an die Museen weitergeleitet werden, können diese die 8000 Exponathalter nicht in Auftrag geben, die - jeder einzelne nach Maß - hergestellt werden müssen.

Noch nicht abzusehen ist auch, welche Folgen die Änderungen bei der Ausstellung haben werden, an denen Gründungsintendant Neil MacGregor arbeitet. Details will er erst Ende des Jahres verkünden.

Selbst die Restaurierung und Verpackung der Objekte ist im Verzug. Im Ethnologischen Museum sollten daran längst 18 zusätzliche Restauratoren arbeiten. Doch die Werkstätten sind verwaist, Stühle und Tische noch in Plastik verpackt. Weil die Stellen viel zu spät ausgeschrieben wurden, sind erst zwei von diesen besetzt.

Probleme wird jedoch vor allem das Klima in dem neuen Bau machen - was Hegner allerdings ganz anders sieht. Die größten Exponate wie die Südseeboote müssen schon 2018 in das Gebäude gebracht werden: durch Öffnungen, die anschließend zugemauert werden. Weil im Schloss dann aber immer noch gebaut wird, könnten schwankende Temperaturen und schwankende Luftfeuchtigkeit die kostbaren Stücke gefährden. Und weil die Objekte so empfindlich sind, dass sie nur im Sommer transportiert werden können, würde sich ihr Umzug gleich um ein Jahr, auf 2019, verschieben - und mit ihm die endgültige Fertigstellung des Gebäudes.

So oder so wird es auch für die übrigen Gegenstände knapp, die Mitte 2019 ins Schloss sollen. "Ich kann nicht Objekte, die 50 Jahre hier standen, in eine Baustellensituation bringen", so einer der Beteiligten.

Auch rings um das Schloss, wo Berlin Zugangswege, Busparkplätze, Fluchtwege, Feuerwehrzufahrten bauen muss, warten Zeitfallen. Der private Betreiber der Humboldt-Box, die Werbung macht für das Projekt und direkt vor einem der Portale steht, wird wohl erst Mitte 2019 mit dem Abriss beginnen. Am neuen U-Bahnhof direkt vor dem Westportal wird bis 2021 gearbeitet. Und direkt vor dem Schloss soll die Einheitswippe gebaut werden.

Wäre es also nicht besser, dem Humboldt-Forum noch zwei oder drei Jahre mehr zu geben, um das Konzept zu überdenken? Verzögern sich nicht alle großen Kulturprojekte? Warum muss gerade das Humboldt-Forum, das unausgegorenste von allen, pünktlich fertig werden? Weil der Bau zur Disziplinierung der ewig grübelnden Museumsleute dient. Weil es, so der frühere Bau-Vorstand Manfred Rettig, viel einfacher und billiger sei, ein fertiges Haus umzubauen als ein im Bau befindliches. Und weil sich, da niemand weiß, was anfangen mit dem Forum, aller Ehrgeiz auf das Schloss richtet, das eine Exponat, das zählt. "Die Bauleute haben unsere Bedürfnisse nicht berücksichtigt", klagt man bei den Kuratoren. Sie haben "Dahlem vor sich hergetrieben wie kleine Kinder".

Sanft lancieren die Verantwortlichen nun die Option, den Bau vorläufig nur teilweise zu eröffnen. Das sei "nicht dramatisch", "durchaus üblich", "vielleicht sogar besser", weil die komplette Eröffnung das Publikum "überfordere". Doch auch dieses Szenario ist eben kaum mehr realistisch. Egal, wann die Eröffnung sein wird, so ein anderer Beteiligter, "am Tag danach beginnt der Umbau"

© SZ vom 18.08.2017

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