Humboldt-Forum Berlin:Mehr zu klären als Provenienzen

Nach vier Jahren im Depot und Umzug in das Humboldt Forum oeffnen das Ethnologische Museum und das Museum fuer Asiatisch

"Gesammelt 1903 von Max Thiel": Die Beschreibung des Luf-Bootes klingt, als habe das Boot am Strand gelegen wie eine Muschel.

(Foto: Rolf Zoellner/imago images/epd)

Warum die nun eröffnenden ethnologischen Museen im Berliner Humboldt-Forum zu keiner Haltung finden.

Von Jörg Häntzschel

In Berlin soll ein neues Weltkulturenmuseum entstehen, und nach den Konzepten zu urteilen, die die Verantwortlichen am Montag bei einer Pressekonferenz vorstellten, könnte es eine großartige neue Kulturinstitution werden. Noch ist es zu früh zu sagen, wie viel sich am Ende realisieren lässt. Aber vielleicht werden hier tatsächlich einmal Menschen aus aller Welt gemeinsam ins Gespräch kommen, ihre vielen Gemeinsamkeiten entdecken und voneinander lernen.

Konkrete Termine für die Fertigstellung nannten die Macher noch nicht. Sie sprachen von "eines Tages" oder "irgendwann", von "in einigen Jahren" oder gar "in 191 Jahren". So lange, sagte die Provenienzforscherin Christine Howald, werde es dauern, bis die Herkunft aller 20 000 Objekte geklärt sei, die dort gezeigt werden sollen - sofern die vier Forscher keinen Urlaub nehmen.

Das Dumme ist nur, und jetzt: Spaß beiseite, dass das Museum an diesem Mittwoch bereits eröffnet wird. Obwohl das seit 20 Jahren geplante Projekt bereits eine Generation von Kulturpolitikern, Ethnologen und Kuratoren verschlissen, obwohl es 690 Millionen Euro verschlungen hat, leiteten die Sprecher bei der Pressekonferenz jeden zweiten ihrer Sätze ein mit "Wir wollen", "wir werden" oder "Wir müssen". Sie hofften wohl, wenn sie das Projekt als "work in progress", als "Arbeit, die nie abgeschlossen sein wird" darstellten, könnten sie die Unfertigkeit als moderne "prozessuale" Qualität ummünzen. Tatsächlich baten sie um mildernde Umstände.

Mit ihrer Eröffnungsstrategie haben sie einige Verwirrung gestiftet. Im vergangenen Dezember wurde eine "virtuelle Eröffnung" gefeiert, seit Juli sind Sonderausstellungen zu sehen. Und auch die jetzige Eröffnung des Westteils von zweitem und dritten Stock ist nicht die letzte. Der Ostflügel folgt in einem Jahr. Doch zu sehen sind nun erstmals die Sammlungen aus dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst, ein großer Teil der Objekte also, um die in den letzten vier Jahren eine Debatte geführt wurde, die das Humboldt-Forum tief erschüttert, und auf die es bislang keine Antwort gefunden hat. Generalintendant Hartmut Dorgerloh gab immerhin zu: "Diese Ausstellung ist entscheidend für das Gelingen des Gesamtprojekts."

Bei der Eröffnung will sich der Bundespräsident mit Deutschlands Aufarbeitung des Kolonialismus auseinandersetzen

Produktiv geworden ist das Projekt bislang nur durch die Kritik und die Debatten, die sich an ihm entzündeten. Das dürfte sich am Mittwoch fortsetzen, wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Eröffnung zum Anlass nehmen will, sich eingehender und deutlicher als jeder andere deutsche Politiker bisher mit Deutschlands Aufarbeitung des Kolonialismus auseinanderzusetzen.

Das Wort "Teileröffnung" lässt an Kleines denken. Dabei sind in den beiden Stockwerken 8500 Quadratmeter abzulaufen. 12 000 Objekte aus Afrika, Asien und Ozeanien sind ausgestellt. Der Saal mit den umstrittenen Benin-Bronzen ist übrigens noch nicht dabei.

Humboldt-Forum Berlin: Prozessions-Stier Nandi, Reittier von Gott Shiva (19./20. Jahrhundert) im Modul "Kunst des Hinduismus in Südasien" des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum.

Prozessions-Stier Nandi, Reittier von Gott Shiva (19./20. Jahrhundert) im Modul "Kunst des Hinduismus in Südasien" des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum.

(Foto: A. Schippel/Stift. Humboldt Forum)

Der erste Eindruck in der Afrikaausstellung ist paradox: Die riesigen Säle wirken mit ihren toten Zonen und ihren düsteren Kinderdecken, als fehle etwas Entscheidendes noch. Trotzdem scheinen die Objekte nach Luft zu schnappen. Nicht nur in den Schaumagazinen, wo sie zu Hunderten in raumhohen Vitrinen gestapelt sind, eine Idee, die man vom 2006 eröffneten Pariser Musée du Quai Branly übernommen hat. Sondern auch fast überall sonst. Doch während das Pariser Museum jenseits dieser stilisierten Depotschränke alles aufbot, um die Schönheit und Aura der Stücke zum Leuchten zu bringen - wofür es oft kritisiert wurde -, herrscht im Humboldt-Forum das andere Extrem. Viele Objekte liegen ausgebreitet im fahlen Licht, als wüssten die Kuratoren nicht recht, was mit ihnen anzufangen sei. Der Messehallen-Charme der Säle und der Krankenhausfußboden machen die Sache nicht besser. Schon nächste Woche könnte hier ein FDP-Parteitag stattfinden.

Das ist im dritten Stockwerk mit der Asien-Ausstellung anders, vor allem im grandiosen Kuppelraum mit der "Höhle der 16 Schwertträger" und anderen bei der Turfan-Expedition gesammelten Stücken, der eine Reise entlang der nördlichen Seidenstraße nachempfindet. Oder in dem Saal, für den der chinesische Architekt Wang Shu eine Dachkonstruktion entworfen hat, die von Pagoden inspiriert ist.

Vier Stellen für Provenienzforschung? Das Musée du Quai Branly hatte 70

Im zweiten Stock aber ist die Verunsicherung der Kuratoren unübersehbar. Sie rührt zum einen aus der Restitutionsdebatte, die das Projekt in der Ziellinie ereilte. Natürlich reichen vier Jahre nicht, um die Herkunft Tausender Objekte zu erforschen, um die Verstrickung der Museen ins Kolonialsystem aufzuarbeiten und um mit denen ins Gespräch zu kommen, denen die Dinge eigentlich gehören. Was die Museen aber sofort machen könnten, wäre, den überfälligen Kulturwandel einzuleiten und ihre institutionelle Überheblichkeit aufzugeben. Doch davon war am Montag wenig zu erkennen.

Vollmundig verwiesen Dorgerloh und Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, auf die eilig realisierten Programme: hier etwas "outreach", dort eine "residency" oder eine zeitgenössische künstlerische Intervention. Alles richtig und gut, doch ein "Dialog" ist das noch nicht. Vier Stellen für Provenienzforschung? Das Musée du Quai Branly hatte 70. Auch die Bemühung, nachträglich noch ein paar Hinweise auf die Herkunft einzelner Objekte zu geben, bleibt oft unbefriedigend. Auf winzigen Täfelchen stehen da jeweils ein paar Zeilen samt einem toten QR-Code. Die meisten Video-Pulte, die vielleicht mehr Informationen geliefert hätten, waren außer Betrieb, und die, die funktionierten, zeigten nur die lückenhaften Informationen aus der Museumsdatenbank an.

Fast trotzig setzen die Museen auch ihre alte Politik der Vernebelung fort. In einem Wandtext heißt es etwa, die Objekte seien "durch Kauf, Tausch, Schenkung und Gewalt" in deutsche Hände gekommen - man tut alles, um das Wort "Raub" zu vermeiden. Besonders skandalös ist der Kamerun-Saal, wo Hans Glauning, ein Offizier der Schutztruppe, als "begeisterter Amateur-Ethnologe" gefeiert wird.

Nach vier Jahren im Depot und Umzug in das Humboldt Forum oeffnen das Ethnologische Museum und das Museum fuer Asiatisc

Auf mehr als 8500 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden rund 10 000 Objekte gezeigt. Hier ein Thron mit Fußbank, Kamerun um 1880.

(Foto: Rolf Zoellner /imago images/epd)

Am offensichtlichsten zeigt sich diese Haltung beim berühmten Luf-Boot. Der Historiker Götz Aly hatte vor einigen Monaten in einem Buch dargelegt, wie dieses 15 Meter lange Boot von der Südsee-Insel Luf gestohlen wurde, deren Bewohner durch die Angriffe der Deutschen und eingeschleppte Krankheiten zum größten Teil starben. In der Provenienzbroschüre "macht | | beziehungen" beharren die Kuratoren nun erneut darauf, die Forschung zum "Erwerb" sei "noch nicht abgeschlossen". Im Wandtext heißt es stur: "Gesammelt 1903 von Max Thiel", als habe er das Boot am Strand gefunden wie eine Muschel.

Hartmut Dorgerloh hat in den letzten Jahren immer wieder gesagt, das Humboldt-Forum könne kein Museum des Kolonialismus sein, könne nicht nur von Raub und Gewalt erzählen. Er hoffte wohl, wenn man nur ehrlicher mit der Herkunft der Objekte sei, könne man den alten Typ des Ethnologischen Museums in die Gegenwart retten. Das war eine Illusion. Es gibt viel mehr zu klären als nur Provenienzen: Was hat so ein Museum von der Welt zu erzählen? Wer spricht? Was zeigt es und aus welcher Position? Keine dieser Fragen konnte das Humboldt-Forum für sich beantworten. Deshalb findet es auch zu keiner Haltung, keiner eigenen Sprache. Das Humboldt-Forum zu besuchen, ist über weite Strecken, als betrachte man einen alten Dokumentarfilm - ohne Ton.

© SZ/mob
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