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"Hulk" im Kino:Grün wirkt

Ang Lee blickt in seinem Film "Hulk" auf die Seele seines Superhelden - und schaut in Abgründe.

(SZ v. 02.07.2003) Ein grünes Frankensteingesicht ist leider bei weitem nicht so kleidsam wie Supermans blaue Turnhosen oder Batmans schmucker schwarzer Panzeranzug. Schon in der Fernsehserie, die in den Siebzigern aus den Marvel-Comics gemacht wurde, war der Choleriker mit dem kranken Teint nicht besonders ansehnlich. Auch ansonsten ist der Hulk ein Sonderfall unter den Superhelden: ein Wissenschaftler mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der gelegentlich vor Wut grün anläuft und sich dann aufführt wie die Axt im Walde. Bei anderen sind die Kräfte positiv, die Einsätze im Dienst der Menschheit schaffen ihnen eine Fangemeinde. Der Hulk ist da anders: Seine Superkraft ist pure Aggression, ihn fürchten auch die Guten - und er kann sich nicht mal selbst besonders gut leiden. Bei Ang Lee kommt es noch schlimmer; einmal, von Selbsthass zerfressen, gesteht er seiner Freundin, was ihn am meisten plagt: dass er seine Wutausbrüche genießt.

Irgendeinen Ansatzpunkt musste es ja dafür geben, dass sich Ang Lee für seinen neunten Film ausgerechnet diese Comicfigur ausgesucht hat: In diesen Selbstzweifeln hat er ein Trauma gewittert, von dem es sich zu erzählen lohnt. Ang Lee scheint wild entschlossen, die größtmögliche thematische Entfernung zwischen seinen Filmen aufrechtzuerhalten - die Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit" mit dem taiwanesischen Vater-Töchter-Drama "Eat Drink Man Woman" in einem Werk unterzubringen, oder die leise traurige Siebziger-Jahre-Stimmung im "Eissturm" und die zeitlose Martial-Arts-Märchenhaftigkeit von "Crouching Tiger, Hidden Dragon", ist gar nicht so einfach. Aber Ang Lee hinterlässt natürlich doch seine Spuren in seinen Filmen, die allesamt perfekt sind - er hat ein Gespür für bewegende Charaktere, für sehr minimalistisch inszenierte Rührung. Jetzt hat er also den Hulk zu einer Art grünem Gummigiganten aufgeblasen, der in Riesensätzen durch den Grand Canyon hüpft - und es war nicht ernstlich zu erwarten, dass das Ergebnis mit den herkömmlichen Comic-Verfilmungen allzu viele Gemeinsamkeiten aufweisen würde.

Die Geschichte beginnt in den Sechzigern - ein nicht genehmigtes Experiment, das der Forscher Banner mit sich selber treibt, eskaliert: er hat die Veränderung an den eigenen Genen an seinen Sohn Bruce vererbt. Es kommt zu einem schrecklichen Showdown im Wohnzimmer eines Bungalows in einer Militärbasis in der Wüste, die dem Erwachsenen Bruce, der von Adoptiveltern aufgezogen wurde, nur noch als unvollständige Erinnerung durch seine Alpträume spukt. Auch Bruce (Eric Bana) ist Forscher geworden, ein echter Geek, dem es gerade nicht besonders gut geht - seine Freundin Betty (Jennifer Connelly) hat ihn verlassen, aber er arbeitet noch mit ihr im selben Team. Ein Experiment geht schief, Bruce versucht einen Kollegen zu retten und gerät in die Fänge des Strahlenmonsters, das er selbst geschaffen hat. Damit ist die Mutation perfekt. Als sein totgeglaubter Vater (Nick Nolte) auftaucht, wird Bruce richtig wütend, läuft grün an und wird zum Gummitier.

Das klingt vielleicht nach einer ziemlich wilden Story, aber es gelingt Ang Lee mühelos, seinen Charakteren das zu geben, was anderen Comic-Verfilmungen fehlt. So wundervoll die ersten beiden "Batman"-Filme sind, sind die Blicke in die düsteren Abgründe der Superhelden-Vergangenheit eher nebensächlich; im vierten, "Batman and Robin", verkommen sie zur Parodie.Was Ang Lee nun versucht, ist eigentlich paradox: Comics sind im Grunde ganz einfach, Superhelden lassen das Leben leichter aussehen; Ang Lee aber macht die Sache wieder sehr komplex. Er erzählt "Hulk" als die Geschichte zweier traumatisierter Menschen, die die Schäden ihrer miesen Kindheit in den Griff zu bekommen versuchen.

Zwei verzweifelten Kinderseelen stehen zwei kalte Väter gegenüber, die immer nur das Beste wollten für sich selbst: Nick Nolte, ein egomanischer Frankenstein, der seine Vaterrolle mit gottgleicher Macht verwechselt und genetischen Kindsmissbrauch betrieben hat. Und Bettys Vater, ein Militärmann, der von der Macht der Disziplin besessen ist und den Hulk und seinen Erzeuger jagt - die genetische Veränderung an den beiden ließe sich nutzen. Auch Betty hat eine schreckliche Erinnerung an den Augenblick ihrer Kindheit, an dem die Lieblosigkeit ihres Vaters am besten abzulesen war: Er lässt das Kleinkind allein zurück in einem menschenleeren Diner für einen Einsatz, und die Atmosphäre dieses Diners an einer Straße durch die Wüste und die von Bruces Sechziger-Jahre-Bungalow sind sich so ähnlich, dass eigentlich klar ist, dass es eine Verbindung geben muss zwischen diesen beiden Alpträumen.

"Hulk" ist vielleicht nicht Ang Lees bester Film - aber der Mann arbeitet auf ziemlich hohem Niveau, weshalb es ihm gelingt, aus dieser Geschichte ein menschliches Drama herauszuholen, und ein visuelles Spektakel, das er konsequent als Comic inszeniert. Die Special Effects in den Actionszenen mögen grade mal die Standards erfüllen, aber sie sind auch nicht der zentrale Punkt - bei der visuellen Umsetzung hat sich Ang Lee viel mehr für die Comic-Ästhetik interessiert, mit Split-screens und Szenen in Kästchen und harten Achsensprüngen. Schon die Lust, mit der "Hulk" geschnitten ist, wirkt ansteckend. Nur für sein fulminantes Finale wechselt Ang Lee kurz ins Theaterfach - Vater und Sohn sitzen sich gegenüber in einem düsteren Kerker, in den das Militär sie verfrachtet hat, und Nick Nolte legt einen shakespearewürdigen Auftritt hin.

Ang Lee eine Comic-Verfilmung drehen zu lassen, das ist, als hätten die Studios die Gebete erhört, man möge die großen Actionfilme, die Bonds und Hulks und Spidermen, den großen Geschichtenerzählern und Psychologen des Kinos anvertrauen. Michael Apted hat man einen Bond-Film übers Stockholm-Syndrom drehen lassen, "The World Is Not Enough". Es zittert sich doch viel leichter um wahrhaftige Figuren als um Gestalten, die so flach sind, dass sie einen nicht ernstlich an lebende Menschen erinnern. Psychologisierung, das Entwickeln von Charakteren nimmt einem Action-Film sicher Tempo - es gibt ihm aber Spannung zurück. Die Einspielergebnisse des "Hulk" in den USA sind manierlich; die Erwartungen haben sie nicht erfüllt. Man kann also nur hoffen, dass diese Erfahrung keinen Studiochef traumatisiert hat.

HULK, USA 2003 - Regie: Ang Lee. Buch: John Turman, Michael France, James Schamus, Jack Kirby, Stan Lee. Kamera: Fred Elmes. Schnitt: Tim Squyres. Musik: Danny Elfman. Mit: Eric Bana, Jennifer Connelly, Nick Nolte, Sam Elliott. UIP, 138 Minuten.