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"Hugo Cabret" Im Kino:Mit fast siebzig Jahren immer noch Lust aufs Neue

Was will Scorsese damit? Will er nur in der Ausstattung schwelgen, seine Kamera durch alle Winkel dieser Wunderwelt jagen, und zwar in 3D? Wohl kaum. Nach den üblichen Definitionen stimmt es zwar, dass "Hugo Cabret" Scorseses erster 3D-Film ist. In einem erweiterten Sinn darf man das aber bezweifeln.

Kinostarts - ´Hugo Cabret"

Der Bahnhofsvorsteher (Sacha Baron Cohen) mit seinem Dobermann darf Hugo niemals erwischen - Kinder ohne Eltern bringt er sofort ins Waisenhaus.

(Foto: dpa)

Was ist - um nur willkürlich ein paar Szenen zu nennen - etwa mit der Art, wie er sich in "Die Farbe des Geldes" auf die Billardtische stürzt, die einzelnen Kugeln im Raum verortet, die Stoßrichtung vorgibt und die Kamera durch sie hindurchgleiten lässt? Oder mit dieser langen Steadycamfahrt in "Goodfellas", in der der Junggangster Ray Liotta sein Mädchen ins "Copacabana" führt, von der Straße herein, vorbei an den Warteschlangen, durch die enge Küche und direkt vor die Bühne? Und all die anderen Kreis- und Zirkelfahrten erst, die der große Kameramann Michael Ballhaus im Lauf der Jahre für ihn gedreht hat . . .

Nein, wenn es einen Filmemacher gibt, der den dreidimensionalen Raum bereits erobert, beherrscht und körperlich spürbar gemacht hat, um die zweidimensionale Leinwand zu überwinden, dann ist es Martin Scorsese. Mit fast siebzig Jahren hat er noch immer Lust aufs Neue - aber beweisen muss er nichts. Die Räumlichkeit von "Hugo Cabret" ist ihm daher auch wunderbar handfest gelungen - und wunderbar natürlich dazu.

Das Herz dieser ganzen Mechanik, und auch das wahre Gefühl, liegt aber dann doch woanders. Es liegt in der großen Entdeckung, die Hugo macht: Isabellas Pflegevater (Ben Kingsley), den alle nur Papa Georges nennen, ist mehr als nur ein verbitterter Mann, der in einer Bude des Bahnhofs Spielzeugfiguren verkauft. In Wirklichkeit ist er der Filmemacher Georges Méliès - seines Werkes beraubt, von der Welt vergessen.

Übersättigt vom Budenzauber namens Kino

Und wie hier nun das wahre Schicksal des Stummfilmpioniers Georges Méliès in die glänzenden Zahnräder dieser Geschichte hineingreift, das lässt einem dann doch die Augen übergehen. Kaum dreißig Jahre nach der Geburt des Mediums, dessen frühester Träumer und Handwerker er war, wurde Méliès wirklich schon einmal vergessen - und betrieb aus Not einen Laden im Bahnhof Montparnasse.

Hugo, Isabella und ihre Helfer aber übernehmen es nun, Papa Georges mit sich selbst zu versöhnen - und so auch einen Rest seiner Arbeit für die Nachwelt zu retten. Und Martin Scorsese, der inzwischen einer der größten Sammler und Filmrestauratoren des Kinos ist, darf diese Passion seiner späten Jahre ganz unmittelbar auf diese jungen Helden übertragen. So zeigt er dann ganz nebenbei auch noch einige die schönsten Méliès-Szenen.

Und hier erkennt man auch, was er wirklich restaurieren will. Es ist nicht weniger als die Magie selbst, das Gefühl beim ersten Sehen dieser Filme, als das Kino noch jung war. Auch heutige Kinderaugen sollen sich noch weiten beim Anblick von Méliès' Zaubertricks - erst dann wäre der Triumph perfekt, die Sehnsucht des Cinephilen befriedigt.

Genau das versucht "Hugo Cabret". Ob jüngere Generationen aber nicht längst übersättigt sind, nach mehr als hundert Jahren dieses Budenzaubers namens Kino? Was sehen sie, wenn sie heute Méliès' "Reise zum Mond" sehen?

Auch Martin Scorsese weiß es nicht. Aber er erträgt dieses Nichtwissen mit Demut, und das macht diesen Film am Ende groß. Die Zukunft liegt in den Augen der Kinder.

HUGO, USA 2011 - Regie: Martin Scorsese. Buch: John Logan. Kamera: Robert Richardson. Musik: Howard Shore. Mit: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen. Verleih: Paramount, 126 Minuten.

© SZ vom 08.02.2012/rela/pak
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