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"Hüter der Erinnerung" im Kino:Grausamster Sozialismus

Kinostart - 'Hüter der Erinnerung'

Jeff Bridges (links) und Brenton Thwaites als Jonas, sein Lehrling.

(Foto: dpa)

Eine Schöne-Neue-Welt-Vision, zusammengesetzt aus dem klassischen Dystopie-Baukasten: Der neue Film von Phillip Noyce entwirft eine sedierte, überorganisierte Welt - ohne Erinnerung und Farbe. Nur Jeff Bridges, der Hüter der Erinnerung weiß, wie die Vergangenheit gewesen ist.

Eine Gesellschaft und ein Film, in denen viel geradelt wird, können eigentlich nicht so schlecht sein, das sieht man nun in dem neuen Film von Philip Noyce. Eine Schöne-Neue-Welt-Vision, mit Stücken aus dem klassischen Dystopie-Baukasten konstruiert.

Eine Welt, in der alles seine Ordnung hat - die Zeit zu leben und zu arbeiten und die Zeit zu schlafen, die Zuweisung der Berufe, in denen man der Gesellschaft dienen darf, und die Zuteilung der lebensnotwendigen Mittel: Alles ist staatlich geregelt, inklusive der Kinder, die jede Familie haben sollte.

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In den Familien herrscht eine erschreckend sterile Freundlichkeit. Die Eltern des Helden der Geschichte, Jonas, spielen zum Beispiel Alexander Skarsgård, der noch nie so leblos wirkte wie in dieser Rolle, und Katie Holmes, die als Gattin von Tom Cruise das Innenleben von Scientology kennen lernte.

Es ist eine sedierte, gelangweilte Welt, die Bemühungen der freien liberalen amerikanischen Gesellschaft, allen Menschen den gleichen Lebensstandard und das gleiche Glück zu garantieren, sahen an der Oberfläche nie viel anders aus als der graueste, grausamste Sozialismus. Der Film ist eine Walden-Produktion, die sehr familienfreundliche Firma des Milliardärs Philip Anschutz wurde bekannt durch die Serie der "Narnia"-Filme.

So friedlich ist diese Welt, weil man alle Erinnerungen der Menschen in ihr gelöscht hat. Das Kino dieser Erinnerungen wäre nämlich wie ein Schlachtfeld. Liebe. Hass. Action. Gewalt. Tod. Mit einem Wort . . . Emotion.

Erschreckend mütterlich und kalt: Meryl Streep

Als der junge Jonas mit seinen Freunden das Berufsalter erreicht, muss er vor dem Rat der Alten antreten - an deren Spitze steht erschreckend mütterlich und unglaublich kalt Meryl Streep. Man sehnt sich sofort zurück nach der aggressiven kaputten Matriarchin, die sie in "August, Osage County" spielte. Sie weist Jonas seine ganz besondere Aufgabe zu, er soll der Hüter der Erinnerungen werden, die in einem Haus am Rande der Welt gehortet sind.

Jeff Bridges ist der alte Hüter, bei dem Jonas in die Lehre muss. Bridges hat vor vielen Jahren die Rechte am Roman von Lois Lowry gekauft, er wollte, dass sein Vater Lloyd den Hüter spielen sollte. Das Projekt konnte nie realisiert werden, nun spielt er selbst den Hüter, mit einer traurigen, jede Bewegung mühsam unterdrückenden Maske und einer Stimme, die gewaltsam Neutralität moduliert.

Eine Welt ohne Erinnerungen, das ist eine schwarzweiße Welt, in der den Menschen der Farbsinn ausgetrieben ist. Wenn stück- und schockweise die Erinnerungen zurückkehren für Jonas, vom Hüter vermittelt, sind sie von einer überkommenen Farbigkeit - man kennt sie von den home movies der Sechziger, eine warme, golden braune Kodak-Tönung. Von der wird auch das schnelle Happy-End sein, dem man nicht trauen mag. Wie die Dinge aussehen und wie sie sind, erklärt der Hüter, das ist sehr unterschiedlich.

The Giver, USA 2014 - Regie: Phillip Noyce. Buch: Michael Mitnick. Nach dem Roman von Lois Lowry. Kamera: Ross Emery. Musik: Marco Beltrami. Mit: Jeff Bridges:, Meryl Streep, Brenton Thwaites, Alexander Skarsgård, Katie Holmes, Taylor Swift, Emma Tremblay. Studiocanal, 97 Minuten.