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Theater:Dann leg dich schon mal hin

Wer will es da nach oben schaffen? Die berüchtigte "Besetzungscouch" ist das Symbol für übergriffiges männliches Verhalten im Kulturbetrieb.

(Foto: Theater Bonn)

Frauen haben im Theater kaum Macht - und werden in ihren Rollen regelmäßig verstümmelt, vergewaltigt, getötet. Zeit für "House of Horror", ein Stück zwischen Erfahrungsbericht und Splatter-Movie.

Endproben zu "Titus Andronicus". Lavinia, die Tochter des römischen Heerführers, soll erst vergewaltigt, dann verstümmelt werden: Arme abhacken, Zunge abschneiden, so verlangt es Shakespeares blutrünstige Tragödie. Es ist eine moderne Inszenierung mit Livekamera. Der Regisseur will "krasse Bilder", möglichst authentisch, er will die Gewalt sehen, will sie spüren: "Es muss weh tun." Der Schauspielerin (Lydia Stäubli) tut es tatsächlich weh. Sie wehrt den Kollegen ab, der sich über sie wirft und an ihr herumzerrt, und fragt mal grundsätzlich, ob das sein muss: eine Vergewaltigung so drastisch zu spielen; sie überhaupt zu spielen. Sie will da nicht mehr mitmachen: "Ihr wollt Gewalt darstellen, aber tut mir selber Gewalt an." Kaum hat die Schauspielerin ihren Unmut geäußert, wird sie umbesetzt. Solidarität gibt es keine. Eine Kollegin ist sofort bereit, für sie einzuspringen. Prima. Premiere gerettet. "Dann leg dich schon mal hin!"

Die Szene, die sich in fast jedem Theater der Republik so hätte abspielen können, ist selber Teil einer Inszenierung. "House of Horror - Theater. Frauen. Macht." heißt das selbstkritische Schauspielprojekt, das der Regisseur Volker Lösch gemeinsam mit der Dramaturgin und Filmemacherin Christine Lang am Theater Bonn erarbeitet hat. Eine Produktion im Zeichen der "Me Too"-Bewegung, die seit 2017 auch im Bereich Theater viele Diskussionen und Aktionen angestoßen hat - etwa die Konferenz "Burning Issues" über patriarchale Strukturen und Gender-Ungerechtigkeiten im Theater, deren erste Ausgabe 2018 just in Bonn stattfand, mitinitiiert von der damaligen Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp.

"Me Too" im Theater

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Lösch, der sich in seinen bisherigen Bonner Rechercheprojekten schon mit der Geschichte der Burschenschaften ("Waffenschweine") oder einem lokalen Bauskandal ("Bonnopoly") beschäftigt hat, wirft nun gemeinsam mit seinem Team einen Blick auf den Theaterbetrieb selbst, diesen idealistischen, hochmoralischen Ort, wo alle gerne so tun, als wüssten oder machten sie es besser. Schließlich nimmt das Theater für sich in Anspruch, gesellschaftskritisch und innovativ zu sein, Missstände zu benennen und der Gesellschaft "einen Spiegel vorzuhalten", wie es immer so schön heißt. Doch hinter der Bühne, das ist spätestens im Zuge von "Me Too" klar erkannt und benannt worden, besteht dieselbe Geschlechterungleichheit wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft, wenn nicht zum Teil sogar krasser.

75 Prozent aller Stücke an deutschen Theatern sind von männlichen Autoren, 70 Prozent aller Inszenierungen von männlichen Regisseuren, 78 Prozent der Theater haben männliche Intendanten. Statistiken wie diese werden einem in "House of Horror" ebenso um die Ohren gehauen wie Erfahrungen von Frauen mit Machtmissbrauch und Diskriminierung - im Theater wie auch in anderen Lebens- und Berufsbereichen der Stadt.

So kommen neben sieben Schauspielern aus dem Bonner Ensemble (fünf Frauen, zwei Männer), auch sechs Bonner Bürgerinnen chorisch zu Wort. Diese sechs Alltags-Choristinnen bringen nicht nur ihre eigenen Erlebnisse lautstark zu Gehör, sondern sprechen stellvertretend auch für andere Frauen von Bonner Institutionen und Initiativen wie zum Beispiel der Täterberatung, der Uni Bonn oder den beiden Frauenhäusern der Stadt, mit denen das Regieteam vorab Interviews geführt hat. Alte Lösch-Methode: Befrage die Leute und baue sie (oder ihre Stimme) ein.

"Euer Theater ist auf unserem Grab gebaut."

Die Uraufführung von "House of Horror" ist mithin ein eindringlich gruseliges Theaterhybrid aus Erfahrungsbericht, Recherche, literarischen Einsprengseln und einem selbst gedrehten Horrorfilm. Die Filmsequenzen, die zwischen das Geschehen auf der Bühne eingeblendet werden, führen hinab in den Keller des Theaters, auf die Unterbühne, wo all jene (un)toten Frauenfiguren des klassischen Kanons spuken, die auf der Bühne stets von Neuem sterben müssen, Abend für Abend, in Hunderten Theatern. Die vergewaltigt, vergiftet, erstochen, missbraucht, geopfert, in den Selbstmord oder den Wahnsinn getrieben und so zum Schweigen gebracht werden: Iphigenie, Ophelia, Lucretia, Desdemona, Gretchen, Amalia, Emilia Galotti, und wie sie alle heißen. Auch Medea ist da, die Kindsmörderin, die keine sein will. "Medea, lass den Schwachsinn, nimm deine Kinder und hau ab", rät ihr die geschundene Lavinia. Auch Lulu hat es satt, als ewige Angst-Lust-Fantasie der Männer herhalten zu müssen und immer wieder von Jack the Ripper aufgeschlitzt zu werden. Sie alle wollen nicht mehr gespielt, nicht mehr verkörpert werden: "Euer Theater ist auf unserem Grab gebaut."

Müssen tatsächlich die alten Klassiker immer wieder aufgeführt und diese Frauenbilder reproduziert werden? Diese Frage wird später auch auf der Oberbühne diskutiert, wenn eine Schauspielerin als Intendantin auftritt, auf den "Bildungsauftrag" des Theaters hinweist und behauptet: "Große Namen, große Dramen. Das Publikum will das sehen." Die Klassiker seien nun mal von Männern geschrieben.

Fakten und Thesen vor den Latz geknallt zu kriegen, ist schon auch penetrant

Und die Frauen? Auch Frauen haben geschrieben, erfahren wir in Löschs feministischem Lehrtheater, nur wurde ihr kulturelles Vermächtnis ausgelöscht. Von "geistigem Genozid" ist die Rede. Weshalb der Chor skandiert: "Wir müssen uns neu/ mit unseren kulturellen Projektionen/ und der eigentlichen Geschichte der menschlichen Kultur auseinandersetzen,/ die sich nicht so abgespielt hat, wie man sie uns erzählt./ Sondern die/ wie alle Geschichten/ aus der Sicht der Herrschenden erzählt wird." Und wer sind die Herrschenden? Männer.

So interessant und berechtigt dieser Diskurs ist - die Fakten und Thesen in chorischer Deklamation vor den Latz geknallt zu kriegen, ist schon auch penetrant und hat etwas unangenehm Agitprophaftes. Mehr von den komischen, spielerischen Szenen hätten dem Abend gutgetan. Das zentrale Möbel auf der von Julia Kurzweg gestalteten Bühne ist eine überdimensionale Besetzungscouch: ein monströses braunes Ledersofa wie aus einem Herrenklub, das im Gegenlicht geradezu olympisch hoheitsvoll wirkt und die Menschen klein macht. Lustig, wie die Darstellerinnen umständlich versuchen, sie zu erklimmen, und dabei abrutschen.

Vorsprechen, Proben, Ensembleversammlung - in satirisch pointierten Spielszenen im Wechsel mit den Erzählpassagen berichten die Schauspielerinnen aus ihrem Theateralltag. Von Abqualifizierungen, Belästigungen, Ängsten. Vom Überdruss, ab 40 kaum mehr eine gute Rolle zu bekommen. Von der Sehnsucht nach einem komplett anderen Spielplan. Dazwischengeschaltet sind die Gruppenberichte der sechs Bonner Frauen. Sie erzählen von Männern, die ihnen zwischen die Beine fassen, von anzüglichen Blicken und Kommentaren. Eine hat sexuellen Missbrauch nicht nur in der Familie erlebt, sondern auch in der Kirche, vom Pastor der Gemeinde in Godesberg. Auch diese Bonner Frauen haben Zahlen und Fakten parat: 2017 wurden in Deutschland 149 Frauen getötet, meistens von ihren (Ex-)Partnern. Heißt: Alle zwei bis drei Tage wird eine Frau umgebracht. Bezeichnet werden diese Morde als "Familientragödie" oder als "Eifersuchtsdrama". Als wären sie Theater.

Im echten Theater werden unterdessen die Schauspielerinnen Birte Schrein und Sandrine Zenner von einem Riesenloch geschluckt - und landen in dem Zombiefilm, der mit dem Ensemble in den Katakomben des Theaters gedreht wurde. Dort treffen sie nicht nur auf Jack the Ripper und das Horrorkabinett der toten Frauen der Dramengeschichte; auch vergessene Pionierinnen wie Elsa von Freytag-Loringhoven oder Olympe de Gouges vegetieren da unten. In einem der Räume haust und raucht Bertolt Brecht (Daniel Stock) und lässt sich von ihn liebenden Mitarbeiterinnen seine Dramen in die Schreibmaschine tippen. Bernardo Bertolucci rechtfertigt die Vergewaltigung von Maria Schneider in "Der letzte Tango in Paris", und Catherine Deneuve im Divenpelz plädiert für das "Recht, belästigt zu werden". Auch Dieter Wedel gehört zu den Kellergespenstern dieses Horrorfilms, er trägt Bademantel und eine sehr groteske Pimmelnase.

Wieder oben, nimmt Löschs Theater noch einmal mit aller diskursiven Dringlichkeit Fahrt auf, um eine Machtdebatte zu führen: Die Macht selbst sei das Problem. Fast droht der Abend zum Debattierskandierclub zu werden, da kommt doch noch - buchstäblich - die Sprengkraft des Theaters ins Spiel: Die Besetzungscouch wird (auf Video) in die Luft gejagt, dass die Fetzen wie Konfetti fliegen. Danach ein Happy End: Wir schreiben das Jahr 2029. Die Gleichberechtigung ist auf allen Ebenen durchgesetzt. "Das Patriarchat", heißt es, "war nur eine Phase." Die Männer haben sich neu erfunden. Die Theater auch.

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