Süddeutsche Zeitung

Houllebecq-Premiere:Fatalismus und Fellatio

"Serotonin" in Hamburg: Warum muss man dem Sexismus und Selbstekel von Michel Houllebecq schon wieder die große Bühne bereiten?

Ein paar beinharte Sexisten kommen im Kulturbetrieb doch immer erstaunlich ungeschoren davon und finden auch noch die Liebe von Frauen für ihr Frauenbild. Bei Frank Castorf dürfen Schauspielerinnen seit Jahrzehnten nur erscheinen wie Saloonprostituierte im knappen Korsett, die Männern Stieraugen machen, aber auch ordentlich rumbrüllen können. Quentin Tarantino schafft es in seinem neuen Männerfilm, seine blendend aussehende Hauptdarstellerin die ganze zähe Überlänge dieser Hollywoodparodie über nur dümmlich in die Kamera lächeln zu lassen. Aber am hartnäckigsten ist die Kritikschonung für den Schriftsteller Michel Houellebecq, der nun seit 25 Jahren seine Schwanzprobleme in die Öffentlichkeit trägt, seine stumpfe Liebe zu Frauen, die sich im Kern darauf beschränkt, sie bei der Fellatio zu beschreiben.

Auch für "Serotonin", Houellebecqs letzte Selbststilisierung als depressiver Sexist, der so fertig ist, dass er nicht mehr duschen geht, und daraufhin Anti-Depressiva nimmt, die ihm leider die Erektion zerstören, finden sich erfreute Rezensenten und Rezensentinnen. Sie deuten seine Weinerlichkeit wieder herrlich ironisch, seinen offen ausgestellten Chauvinismus als "krasse Lust an der nackten Wahrhaftigkeit", und die immer wiederkehrende Wendung seiner Romane, den selbstgefälligen Selbstekel seiner Hauptfiguren auf politische Großprobleme zu spiegeln, als kluge Gesellschaftskritik. Besonders große Fans hat Houellebecqs Feier des notgeilen weißen Mannes, die als Demontage nur getarnt ist, im Theater - auch an einer Bühne, die von Frauen geleitet wird wie dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Die Houllebecq-Lobby will aus der Fixierung eines kaputten Mannes auf "feuchte Mösen" einen interessanten Denkanstoß machen

Nach der "Unterwerfung", in der Edgar Selge den Typ des kaputten fiesen Mannes in der Regie der Intendantin Karin Beier virtuos ausmalen durfte, wurde nun auch Houellebecqs neueste Fleischschau junger Frauen durch das Fernrohr männlicher Fantasien auf der Großen Bühne als wichtiges Thema falsifiziert. Diesmal ist es der Regisseur Falk Richter, der sich wirklich redlich und unterhaltsam bemüht, die Fixierung eines ziemlich dummen Agrarlobbyisten auf "feuchte Mösen" als Denkanstoß über fehlgeleitete Männlichkeit darzustellen. Auf vier Protagonisten, mal in schwarzen Bademänteln, mal in rosa Anzügen, verteilt er die "erotische Dauerspannung" von Houellebecqs "Helden" Florent, der Zuflucht vor sich selbst in einer spanischen Nudistenkolonie gefunden hat.

Von einem "Arsch hypnotisiert", beginnen Jan-Peter Kampwirth, Carlo Ljubek, Tilman Strauß und Samuel Weiss ihren dreistündigen Vortrag über den libidinösen Sonnenuntergang eines Sexsüchtigen mit der Beschreibung von zwei jungen Frauen an der Tankstelle, denen der Mann beim Aufpumpen ihrer Reifen helfen muss - begleitet von entsprechenden Gesten.

Von hier spinnt sich die Erzählung fort durch die Erinnerung an gescheiterte Beziehungen mit einer Japanerin, die Florent mit einem Dobermann und der Pornoindustrie betrügt, mit einer erfolglosen blonden Schauspielerin, die aber superwild im Bett ist, und einer Praktikantin, die Florents Ideal der dauernd willigen Hausfrau entspricht, ihn aber leider inkognito mit einem "schwarzen Knackarsch" erwischt. Die beiden Schauspielerinnen dieser Produktion, Sandra Gerling und Josefine Israel, haben nur dann etwas Substantielles zu sagen, wenn sie Texte des männlichen Verfallsbotschafters sprechen dürfen.

Die obligatorische Vergrößerung des privaten Selbstekels ins Gesellschaftliche unternimmt Houellebecq, indem er seinen Florent die maßlose Skrupellosigkeit der Agrarkonzerne, namentlich Monsanto und der Fleischindustrie, in gleichgültigem Zynismus erleben lässt. Das kann Falk Richter, der sich als politischer Regisseur begreift, dann so doch nicht stehen lassen. Er sieht die Probleme der globalen Zerstörung offensichtlich doch als dringlich an und korrigiert den Fatalismus der Textvorlage in seiner gewohnten Manier durch Video-Collagen aus dem Grauen der Fleischproduktion.

Carola Rackete oder Greta Thunberg sollen gegen den Zynismus des Autors helfen

Auch die stereotypen Frauenbilder erträgt der Regisseur auf Dauer nicht so gut und lässt auf die Bühne als Korrektiv starke Frauen wie die Flüchtlingsretterin Carola Rackete oder Greta Thunberg projizieren. Doch die x-te Aufführung des unbelehrbaren Zynikers mit Libidozwang und unnachahmlicher Haltungslosigkeit, den Houellebecq seit Jahren in die Romanschleifen schickt, kann Falk Richter dann auch nur wieder mit Ironie in seiner Penetranz mildern. Es gelingt ihm mit seinem Talent für das Unterhaltende, diesen bewusst anti-ökologischen SUV-Fahrer, der absichtlich die Mülltrennung sabotiert, als lustige Figur über die Runden zu bringen, allerdings indem er ihn Sachen sagen lässt wie: "Frau brauchen halt kulturelle Zerstreuung:" - Pause- "Shopping."

Doch warum muss man überhaupt in einer Gegenwart, wo die westlichen Lebensgewohnheiten den Planeten zerstören, Positionen die Große Bühne des Schauspielhauses öffnen, deren zentrale Weisheit lautet, "dass die Gesellschaft eine Maschine zur Zerstörung der Liebe" sei? Warum die teilnahmslosen Profiteure und aggressiven Egoisten des sterbenden Wachstumssystems mit Szenen voller Augenzwinkern und Humor als Komödiengestalten entschärfen?

Und warum eigentlich immer wieder mit demselben Autor, der dieselben Geschichten erzählt? Haben wir nicht gerade echt andere Probleme als Michel Houellebecqs Lebensüberdruss? Und gibt es nicht wirklich längst jüngere, radikalere und weniger zynische Autorinnen und Autoren aus Frankreich und der Welt, deren Stimmen man eher Gehör verschaffen sollte, als dem französischen Fellatio-Fetischisten? Diese Inszenierung jedenfalls liefert keine Argument mehr, auf die Houellebecq-Lobby zu hören. Es gibt einfach Wichtigeres als ironischen Sexismus.

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Quelle:
SZ vom 09.09.2019
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