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"Hotel Ruanda"-Held in der Kritik:Zorniges Plädoyer

"Für mich zählt, dass sie alle den Völkermord überlebt und das Hotel unbeschadet verlassen haben. Es stimmt, von einigen Flüchtlingen habe ich am Anfang Geld genommen. Das ist ja nichts Ungewöhnliches in einem Hotel; wir glaubten damals, dass das Ganze nach ein paar Tagen vorüber sein würde."

Hotel Ruanda

Im Film versucht der kanadische Blauhelm-Colonel Oliver (Nick Nolte, li.), den Hotelmanager zu unterstützen. Der kanadische UN-General Roméo Dallaire, auf den die Figur basiert, fertigte den Film jedoch als "Junk" ab.

(Foto: ARD Degeto)

Terry George, der Regisseur von "Hotel Ruanda", hält an seiner Version fest. In einem zornigen Plädoyer für seinen Film und für Rusesabagina (rwandaspeaks.com, 10. November 2011) betont er, er habe seinerzeit minutiös recherchiert, und die plötzlich aufgeflammte Kritik sei darauf zurückzuführen, dass das Regime in Kigali sich unter Druck gesetzt fühle. Er schreibt: "Die Millionen, die 'Hotel Ruanda' gesehen und die hoffnungsvolle Botschaft des Films empfangen haben, sollen wissen, dass sie nicht getäuscht wurden."

Und was sagt der ehemalige Befehlshaber der UN-Blauhelmtruppe, Roméo Dallaire? Die Rede ist von dem kanadischen General, der bei den Vereinten Nationen vergeblich um Verstärkung nachsuchte und später, weil er in Ruanda ausgeharrt hatte, ebenfalls als Held gefeiert wurde.

In seinem Bestseller "Handschlag mit dem Teufel. Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda" schreibt er einem kongolesischen UN-Major und dessen Soldaten das Verdienst zu, den Flüchtlingen das Leben gerettet zu haben. Der Einsatz des im Buch nicht namentlich erwähnten Rusesabagina habe sich darauf beschränkt, dass er die Mordkommandos mit reichlich Schnaps schmierte. Ende Dezember hat Dallaire den Film, in dem er selbst - dargestellt von Nick Nolte - eine heldenhafte Rolle spielt, auf Huffington Post als "Junk" abgefertigt.

"Ihm können Sie doch wohl nicht unterstellen, dass er von Präsident Kagame bestochen wurde?", frage ich Rusesabagina. "Dallaire redet so, weil er desillusioniert ist; er fühlt sich schlecht, weil er damals nicht mehr erreichen konnte", sagt er. "Außerdem hat Dallaire noch ein anderes großes Problem: Er weigert sich, zu begreifen, dass ein Film nicht die Wirklichkeit wiedergibt. 'Hotel Ruanda' ist Fiktion! Da sitzen meine Frau und ich zum Beispiel auf der Dachterrasse des Hotels bei einem luxuriösen Abendessen. Zu Zeiten des Völkermords wäre das undenkbar gewesen." Und: "Bei all dem geht es nur darum, dass Kagame wütend auf mich ist, weil ich ihn kritisiere."

Presse- und Meinungsfreiheit keine vorrangigen Werte

Daran kann durchaus etwas Wahres sein. Als Rusesabagina 2010 auf Einladung der Kinderhilfsorganisation Rädda Barnen und der Unternehmensberatung Prime nach Schweden gekommen war, schrieb er auf der Debattenseite der Zeitung Expressen: "Präsident Paul Kagame hat die BBC aus dem Land gewiesen und unabhängige Zeitungen verboten. Es hat Granaten-Angriffe und Menschenrechtsverletzungen gegeben. Die Kandidaten der Opposition wurden daran gehindert, sich zu organisieren und sich registrieren zu lassen. Und vorige Woche wurde der Oppositionsführer ins Gefängnis geworfen."

Gegen diese Regimekritik lässt sich schwer argumentieren: Während Präsident Paul Kagame auf wirtschaftlicher Ebene ein Wunder vollbracht hat, angesichts dessen der Pferdeschwanz des schwedischen Finanzministers Anders Borg traurig herabhängen müsste, wartet das Land auf demokratische Reformen.

Wenn ich mit Ruandern darüber rede, winden sie sich ein wenig. Presse- und Meinungsfreiheit gehören hier nicht zu den vorrangigen gesellschaftlichen Werten. Auf der Konferenz über den Völkermord, an der ich teilnehme, sagen einige, dass sie sich auf Schritt und Tritt überwacht fühlen. Eine Debatte über die Mitschuld Ruandas an dem, was sich im Nachbarland Kongo seit einigen Jahrzehnten abspielt und rund fünf Millionen Tote gefordert hat, ist ebenfalls nicht in Sicht.

Im Vergleich dazu kann Schweden einer Diskussion über Raoul Wallenberg wohl ganz entspannt entgegensehen. "Raoul Wallenberg", sagt Freddy Mutanguha, bevor ich sein Büro im Memorial Center von Kigali verlasse, "war ein richtiger Held."

Deutsch von Kristina Maidt-Zinke.