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Horrorfilm "Schlaf" im Kino:Im Märchenwald

Die Urangst, dass im Dunkel des Waldes gefährliche Dinge lauern - in Michael Venus' Horrorfilm "Schlaf" wird sie sehr real.

(Foto: Salzgeber Film)

Welch unsagbare Dinge geschahen rund um das Kurhotel Sonnenhügel? Michael Venus nutzt in "Schlaf" die politische Kraft des Horrorfilms, um die Schrecken der deutschen Vergangenheit zu evozieren.

Von Sofia Glasl

Albträume lassen sich manchmal schlecht abschütteln. Sie bleiben wie ein trüber Nebel im Unterbewusstsein hängen, als diffuse Vorahnung, die irrationale Ängste in Schwingung versetzt. Eine solch nachhaltige Unruhe löst der Horrorfilm "Schlaf" von Michael Venus aus, ein Schauermärchen, das in der sinnesgetrübten Schwebe zwischen Traum und Wachzustand spielt.

Schauplatz dieses Nachtmahrs ist das Kurhotel Sonnenhügel irgendwo in der deutschen Provinz. Inmitten eines Gebirges am Waldrand gelegen, erwartet die Gäste hier viel frische Luft und Ruhe. In einem anderen Film wäre dies ein holzvertäfeltes Idyll der Glückseligkeit. Die Flugbegleiterin Marlene jedoch findet in einem Hochglanzmagazin eine Anzeige für das Kurhotel und erkennt darin die Szene ihrer wiederkehrenden Albträume.

Drei Männer bringen sich immer und immer wieder hier um, ein vierter überlebt. Wenn es diesen Ort wirklich gibt, dann müssen auch die Männer real sein, stellt Marlene fest. Überzeugung und Entsetzen wechseln sich auf ihrem Gesicht ab - wäre doch alles nur ein Hirngespinst. Sandra Hüller spielt diese krampfhaft zurückgehaltene Panik so physisch, dass ihre Beklemmung aus dem Bild zu fließen droht.

Marlene reist dem übermächtigen Traum hinterher, um sich dieser Angstschleife zu stellen. Heimlich muss sie das tun, denn ihrer Tochter Mona hat sie versprochen, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Im Hotel angekommen, wird sie jedoch von den Bildern in ihrem Kopf übermannt, verfällt in eine Schockstarre und landet in der Psychiatrie. Mona ist alarmiert und verfolgt trotz ihrer Zweifel die Spuren der Mutter bis ins Gasthaus. Eigenartig leer ist dieser Ort, nur die Hotelbesitzer Otto und Lore sind da und das Dienstmädchen Franzi. Monas Ankunft scheint sie zu beunruhigen. Bereits in der ersten Nacht quälen Mona ähnliche Albträume wie Marlene.

Michael Venus und sein Drehbuchautor Thomas Friedrich verknüpfen in "Schlaf" klassische Chiffren des Horrorfilms mit Folklore, grimmschen Märchen und politischem Zeitgeschehen: das verlassene Hotel, das seit Stanley Kubricks "The Shining" (1980) ein Ort des schieren Wahnsinns ist; Marlenes Träume, die sich als Albdruck bemerkbar machen, einer Atemnot, die im Volksglauben von einem Wesen ausgelöst wird, das sich nachts auf die Brust seiner Opfer setzt - die Drude; der Märchenwald mit verlassenen Ruinen, die sich nicht als Burgmauern, sondern als eine heruntergekommene Sprengstofffabrik entpuppen, in der im zweiten Weltkrieg polnische Zwangsarbeiterinnen schuften mussten.

Die sprichwörtlichen Geister der Vergangenheit, hier brechen sie in die Träume ein

Eine der Frauen wandelt bedrohlich durch Monas Träume und plötzlich erscheint auch der Hotelbesitzer Otto darin. Dass dessen deutschtümelnder Heimatverein mit Chorabenden und Trinkgelagen harmlos ist, glaubt sie nach seinen Ausführungen von nationaler Schande eh nicht mehr. Sie stöbert in der Geschichte dieses Ortes nach den sprichwörtlichen Geistern der Vergangenheit und stößt auf eine Verbindung zu ihrer Familie.

Das klingt nach Stoff für mehrere Filme. Doch gelingt es Venus und Friedrich scheinbar spielerisch, all diese Fäden und Themen zusammenzuführen und ineinander zu verflechten. Die Traumebene, auf der das alles geschieht, nimmt ihnen die Bürde der rationalen Logik und lässt sie die politische Kraft, die dem Horrorfilm innewohnt, entfesseln.

Die hier im Hotel und im Wald schlummernde Vergangenheit bahnt sich über die Träume ihren Weg in die Gegenwart, stemmt sich aktiv gegen das Vergessen und fordert Sichtbarkeit ein. Dabei scheinen die Albträume auch die Gesetze der Realität zu verbiegen, wenn sich darin plötzlich Zeitebenen nicht nur überlagern, sondern miteinander in Kontakt treten. Mona wird Zeugin der früheren Gräueltaten im Wald und kann die fehlenden Verbindungslinien ihrer eigenen Suche zusammenfügen.

Das droht sie selbst sowohl um den Verstand als auch um die Kontrolle über den eigenen Körper zu bringen, der während ihrer verschachtelten Traumphasen der bedrohlichen Realität des Hotels und seiner Bewohner ausgeliefert ist. Gro Swantje Kohlhof wird spätestens in diesen Szenen zur entscheidenden Figur des Films, denn sie taucht so angstbefreit in die Rolle der Mona, dass nicht nur deren Entschlossenheit im Wachzustand, sondern vor allem ihre zwischen Körperlähmung und Krämpfen flirrenden Traumsequenzen furchteinflößend real wirken.

Das macht "Schlaf" zu einem Novum im deutschen Horrorfilm. Die Nazivergangenheit wird hier nicht in der schlichten Zuweisung von Gut und Böse reflektiert. Stattdessen geben die Albträume, so schwülstig es klingen mag, den Opfern eine Stimme und loten die Möglichkeiten aus, verdrängte Schuld individuell aufzuarbeiten. Venus konterkariert so letztlich die heile Welt der Heimatfilme, die in den Fünfzigerjahren als Seelenbalsam für ein gesamtgesellschaftliches Trauma fungierten und die Erinnerung an den Nationalsozialismus schlichtweg ausblendeten. Eine der Stärken des Horrorfilms ist die Fähigkeit, jenseits seiner unmittelbaren psychologischen Wirkung immer auch gesamtgesellschaftliche Ängste zu reflektieren. "Schlaf" macht das zu einem atemberaubend Filmerlebnis, in dem die Albträume zu einer Topografie der Vergangenheitsbewältigung werden.

Schlaf, Deutschland 2020 - Regie: Michael Venus, Buch: Thomas Friedrich und Michael Venus. Mit: Gro Swantje Kohlhof, Sandra Hüller, August Schmölzer, Marion Kracht. Salzgeber, 102 Minuten.

Streamen im Salzgeber Club auf Vimeo

© SZ vom 30.10.2020

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