Horrorfilm "Mama" im Kino:Mit Mutter allein zu Haus

Kinostart von "Mama" mit Jessica Chastain

Jessica Chastain spielt die spröde Anti-"Mama".

(Foto: dpa)

Mama bricht ihrem Ehemann das Genick und schickt den beiden Töchtern eine Kirsche. So der Anfang des Familien-Horrorstücks, produziert von Guillermo del Toro. Doch Mutter hält sich als Geist im Verborgenen und bekommt Konkurrenz von Jessica Chastain.

Von Fritz Göttler

Endlose, einsame Wälder, Schnee auf der Straße. Ein Wagen unterwegs ins Nirgendwo, darin Jeffrey mit seinen zwei Töchtern, Victoria und Lilly. Er ist verzweifelt, hat seine Frau getötet, seine Geschäftspartner. Es ist das Jahr 2008, Amerika erlebt erneut, was eine Krise bedeutet.

Plötzlich ein Unfall. Jeffrey sucht mit den Mädchen Zuflucht in einer Hütte im Wald. Er ist am Ende, nun bleibt ihm nur noch eins, die Familie im Tod zu vereinen, die Kinder zu töten. Die perverse Erfüllung der Vaterrolle in unserer Gesellschaft, der Vater, der die Verantwortung trägt für seine Familie, er darf sie nicht schutzlos zurücklassen. Jeffrey richtet die Pistole auf Victoria. In diesem Moment greift Mama ein . . .

Als der Schrecken vorbei ist, rollt eine Kirsche über den Boden zu den beiden Mädchen, glänzend und süß, saftig und verführerisch. Symbol der Sinnlichkeit, der Fleischlichkeit, der Liebe. Aber auch wesentliches Element, der Kindheitserinnerungen, der Kinderspiele. Sich Ohrgehänge machen aus Kirschen, wetteifern beim Kirschkernespucken. Auch mit dieser Frucht kann man seine Unschuld verlieren.

Mama hat die Kirsche geschickt, nachdem sie Jeffrey das Genick gebrochen und die Kinder vor dem Tod bewahrt hat. Sie wird für die Kinder auch weiterhin sorgen, in der Hütte, fünf Jahre lang. Dann werden sie doch wieder gefunden, Jeffreys Bruder Lucas hat einfach nicht glauben wollen, dass sie tot sind, hat immer neue Leute losgeschickt auf die Suche im Wald. Als man sie findet, sind sie verwildert, Wolfsmädchen, sie kriechen am Boden, knurren und starren verwirrt die Menschen an, suchen Unterschlupf unterm Bett, wo sie sich sicher wähnen.

Lucas nimmt die Kinder zu sich und zu seiner Freundin Annabel, mit der er zusammenlebt, will sie zurückführen in die Normalität. Auch Annabel ist ein wildes Kind, sie ist ganz in Schwarz, die Kleidung und das Haar, hat ruppige Gesten und harte Goth-Rock-Konturen. Sie spielt in einer Band, ist durchaus froh, dass der Schwangerschaftstest mal wieder negativ war. Das Haus, in dem sie nun mit Lucas lebt, ist zu groß, zu bürgerlich, zu herrschaftlich für diese Beziehung, für ihre Vorstellung vom Leben. Ein Haus, in dem Geister sich austoben können. Mama tut das, sie ist mit den zwei Mädchen eingezogen.

Ein Hokuspokus des Horrors

Guillermo del Toro, der Meister des romantischen Horrors, hat "Mama" produziert, er war begeistert von dem kleinen Film, den der Clipregisseur Andres Muschietti geschaffen hatte - zwei Kinder allein in einem Haus, eine böse torkelnde Gestalt im Flur, eine wilde Tour de Force. Mama hält sich lange im Verborgenen, aber ihre Existenz ist unübersehbar, ihr Einfluss auf die Mädchen. Präzise und wohl choreografiert zieht Andres Muschietti den Hokuspokus dieses Horrors durch, und gern lässt er sich bei dieser Inszenierung zuschauen - erst am Ende versteigt er sich zum grellen Horroropernfinale. Schon in seinen eigenen Filmen - "Pans Labyrinth" zum Beispiel - mischt Guillermo del Toro gern das traditionelle Familiengefüge auf. Man weiß - da geht's dem Kino wie der Psychoanalyse - nie, wie real die Phantome sind, die da beschworen werden. Nichts ist wirklicher als die Imagination.

Mamas Liebe ist beharrlich, ist akkumulativ, nicht nur was die Kirschen angeht - ein riesiger Haufen Kerne zeugt wahrlich gespenstisch davon. Es ist schwer, sich von einem Phantom zu trennen, das man selber mit Leben erfüllt hat. Jessica Chastain spielt Annabel, eine spröde Anti-Mutter, die noch nicht bereit ist für diese Rolle. Sie spielt das als Gegenstück, aber auch als eine Variation zu der Mutter, die sie in "Tree of Life" von Terrence Malick war, wenn sie sich zusammentat mit ihren Söhnen gegen den unglücklichen, dominanten Vater Brad Pitt.

"Der große Unterschied war von Anfang an", erklärt Guillermo del Toro, "dass sie nie eine Mutter wird. Sie wird ein weiblicher Kumpel, solidarisch, aber sie wird nie eine Mutter-Figur. Es ist wirklich die Geschichte einer Frau, die mit der Mutterschaft kämpft. Ein harter, handgreiflicher Kampf gegen die Mutterschaft. Da steckt die Idee drin, dass es Alternativen zur Liebe einer Mutter gibt. Dass sie jemanden lieben und schützen kann, protektiv, aber nicht erstickend."

Mama, USA 2013 - Regie: Andres Muschietti. Buch: Neil Cross, Andres und Barbara Muschietti. Kamera: Antonio Riestra. Schnitt: Michele Conroy. Musik: Fernando Velázquez. Produktionsdesign: Anastasia Masaro. Mit: Jessica Chastain, Nikolaj Coster-Waldau, Megan Charpentier, Isabelle Nélisse, Daniel Kash, Javier Botet. Universal, 100 Minuten.

© SZ vom 18.04.2013/kath
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