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Horror im Kino:Hüttenzauber

Filmstills

Ist das schon ein Trugbild mitten im Schneesturm oder steht da wirklich ein Haus in Form eines Kreuzes? Szene aus "The Lodge".

(Foto: Square One)

In dem Psychothriller "The Lodge" ist es verdammt schwer, das Böse genau zu lokalisieren - und gerade das macht diesen Film so beängstigend stringent.

Von Tobias Kniebe

Wenn der Schneesturm losgeht, wird es Zeit für die schlimmsten Befürchtungen. Davor, so lehrt es uns die Geschichte des Horrorfilms, kann in einsamen Waldhütten alles Mögliche passieren. Man kann im Keller zum Beispiel ein magisches Buch finden und ein Tonband mit seltsamen Beschwörungsformeln, mit dem man unwissentlich eine Horde von Dämonen weckt. Man kann aber auch nichts ahnend in eine Art Labor geraten, wo man von einer unterirdischen Geheimorganisation für eine rituelle Zombie-Fütterung als Speise präpariert wird. Und so fort, die Möglichkeiten sind inzwischen nahezu endlos.

Ein Schneesturm aber signalisiert, dass jetzt keine externen oder gar übernatürlichen Kräfte mehr kommen, sondern einfach nur, für mehrere Tage, die totale Isolation. Wer immer dann an einem einsamen Ort ist, ist auf sich selbst zurückgeworfen, auf die psychische Dynamik innerhalb einer kleinen Gemeinschaft, und, beim Starren auf das wirbelnde weiße Nichts vor den Fensterscheiben, auf die eigene geistige Gesundheit. Seit Stanley Kubricks "The Shining" weiß man, dass das grauenvoller werden kann als alle Horrorwesen zusammen, und auf diesen Spuren wandeln jetzt auch Veronika Franz und Severin Fiala mit ihrem Film "The Lodge".

Die titelgebende Hütte am zugefrorenen See, nicht genauer lokalisiert in der Wildnis Nordamerikas, ist schon eher ein ausgewachsenes mehrstöckiges Ferienhaus. Das ermöglicht eine Menge beklemmender, düsterer, bedrückend holzvertäfelter Innenansichten. Beengt sind aber vor allem die psychischen Verhältnisse: Zwei Kinder, die erst vor Kurzem auf tragische Weise ihre Mutter verloren haben, werden gegen ihren Willen mit der jungen Frau zusammengesperrt, in die ihr Vater sich verliebt hat, die er bald heiraten will - und die sie für die Schuldige an der Katastrophe halten.

Ein österreichisches Regie-Duo hat hier seine Liebe zum Horrorgenre brillant ausgelebt

Der Motor des Verderbens ist hier der Mann (Richard Armitage), der um jeden Preis seine Version eines neuen Familienglücks durchziehen will und sich dann zu allem Überfluss auch noch einige Tage davonmacht - er ist Journalist und muss dringend arbeiten. So viel Ignoranz und seelische Grausamkeit, das ahnt man sofort, wird im Laufe des Films nicht ungestraft bleiben, aber erst einmal ist er eben einfach weg. Und man fragt sich, welche bösen Kräfte jetzt wohl erwachen, in den Kindern oder in der jungen Stiefmutter in spe.

Eine Frage, die der Film gnadenlos anstachelt und doch auf brillante Weise sehr lange offenhält. Die junge Grace, sehr nahbar und zugleich undurchschaubar gespielt von Riley Keough, wird als Tochter eines Religionsgurus vorgestellt, der seine Sekte in den kollektiven Selbstmord getrieben hat - sie ist die einzige Überlebende. Seither hat sie ein verständliches Problem mit Kreuzen und anderen religiösen Symbolen, aber sie schlafwandelt auch und weiß nicht genau, was sie in der Nacht so alles macht. So instabil, wie sie ist, könnte sie ein klassisches Opfer für kindliche Rachepläne sein.

Oder aber eine wandelnde Zeitbombe, vor der die Kinder um ihr Leben zittern müssen - schließlich haben sie noch verzweifelt darum gebeten, nicht mit Grace allein gelassen zu werden. Die Geschwister Aidan und Mia (Jaeden Lieberher und Lia McHugh) scheinen sich dennoch in die Situation zu fügen. Als dann seltsame Dinge passieren, etwa der Ausfall von Heizung und Strom oder das nächtliche Verschwinden aller Vorräte, wirken sie genauso verstört wie Grace. Obwohl böse Dinge in der Luft liegen, machen Veronika Franz und Severin Fiala es verdammt schwer, das Böse genau zu lokalisieren. In der Sphäre des Religiösen, das zunehmend in die Bilder drängt, liegt jedenfalls keinerlei Erlösung - so viel ist mal klar.

Und das ist das Besondere bei diesem mehr als ungewöhnlichen Regieduo aus Österreich, das sehr fern vom amerikanischen Nordwesten seinen Stil gefunden hat. Veronika Franz, 65, schreibt und produziert mit ihrem Mann Ulrich Seidl seit Langem düster-verstörende Analysen ihres Heimatlandes, dokumentarisch und fiktional zugleich. Aber mit Severin Fiala, 35, hat sie eine gemeinsame Liebe zum Horrorfilm entdeckt, die begann, als der Teenager Fiala zum Babysitten bei den Seidls war, sich dabei in die Videosammlung vertiefte und in Veronika Franz die perfekte Gesprächspartnerin fand.

Erst aufreibender Schwebezustand, dann ein krasser Twist: Die Stimmung dieses Films wirkt noch lange nach

"Ich seh ich seh" war 2014 ihr Spielfilmdebüt, auch schon im erweiterten psychologischen Horrorgenre, auch schon in einem einsamen Haus am Rand der Natur, allerdings in Österreich, mit zwei tief verstörten Kindern und einer Mutter am Rand des Nervenzusammenbruchs. Auch damals wurde es ziemlich grausam, und auch damals war es bis zum Schluss fast unmöglich zu sagen, wer hier eigentlich Täter und wer Opfer war.

Dass die Filmemacher eine Altersdifferenz von dreißig Jahren trennt, merkt man in beiden Filmen jedenfalls überhaupt nicht - ihre Vision ist beängstigend stringent und auch visuell von größter Eleganz und Klarheit. Die Spannung, die ihre Geschichten beherrscht und manchmal von innen zu sprengen droht, ist selbstauferlegt. Dieses Regieduo strebt nach psychologischer Glaubwürdigkeit in allen Figuren und Performances, besonders aber bei den Kindern, und das gelingt auch sehr gut. Zugleich aber spielen sie das Spiel des Genres mit, am Ende einen krassen Twist zu servieren - eine Enthüllung, die alles bisher Gesehene auf den Kopf stellt und noch einmal neu sortiert.

Das stellt dann für die Zuschauer, die lange in nervenzerfetzender, brillant balancierter Ambivalenz festgehalten werden, eine gewisse Herausforderung dar - klassische, eher an Logik orientierte Horrorfans reagieren nach dem Finale eines Franz/Fiala-Films schon mal mit Protest und fühlen sich ausgetrickst. Alle anderen aber gehen mit dem Gefühl aus dem Kino, dass das Leben schon wirklich absurd und grausam werden kann, selbst wenn niemand wirklich mit bösen Absichten antritt. Und diese Stimmung bleibt einem dann im Kopf, wo sie noch einige Wirkung entfaltet, lange über das Ende des Films hinaus.

The Lodge, GB/US/CAN 2019 - Regie: Veronika Franz, Severin Fiala. Buch: Sergio Casci, Franz, Fiala. Kamera: Thimios Bakatatis. Mit Riley Keough, Richard Armitage. Verleih: SquareOne, 113 Min.

© SZ vom 06.02.2020

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