Holtzbrinck: NS-Vergangenheit Ein Onkel in der SS

Wer war der Mann, der den Grundstein legte für das renommierte Verlagshaus, das heute ehemals jüdische Verlage besitzt und Autoren wie Thomas Mann, Franz Kafka und Susan Sontag verlegt? Garke-Rothbarts Buch gibt Auskunft: Georg von Holtzbrinck wurde am 11. Mai 1909 als viertes von fünf Kindern eines adeligen Gutshofbesitzers in Hagen in Westfalen geboren. Er erhielt den Vornamen jenes Vorfahren, der 1694 von Kaiser Leopold I. in den Adelsstand erhoben worden war. Doch Georgs Vater musste den Familienbesitz verkaufen, auch das nachfolgende Gut konnte er nicht halten. Das Geldvermögen wurde durch die Inflation entwertet. Die Verarmung sei "eine prägende Erfahrung" gewesen, schreibt Garke-Rothbart.

Als Georg von Holtzbrinck 1929 sein Jura-Studium in Bonn und Köln begann, musste er sich den Lebensunterhalt selbst verdienen. 1931 wurde er Mitglied im NS-Studentenbund. Nach 1945 argumentierten seine Anwälte, die Organisation sei "damals nichts weiter als andere Studentenorganisationen auch" gewesen. Er habe lediglich an acht Treffen teilgenommen und sei wegen des niedrigen Beitrags beigetreten. Die Versprechungen der NSDAP auf wirtschaftliche Besserung, sagte Holtzbrinck 1949, hätten auf Studenten, "eine beträchtliche Anziehungskraft ausgeübt". Vom wirklichen Gesicht des Nationalsozialismus sei nichts zu erkennen gewesen.

Nur eine Studentenorganisation

Doch ganz so harmlos war der Studentenbund nicht, meint Garke-Rothbart, immerhin war die NS-Studentenorganisation wegen Hetze gegen jüdische Kommilitonen und missliebige Professoren an der Universität Köln verboten. Die Organisation firmierte als "NSDAP. Sektion Universität". Wer Mitglied werden wollte, musste zur Gauleitung. Holtzbrinck muss klar gewesen sein, auf was er sich einließ.

Im Sommer 1930 warb Holtzbrinck Abonnenten für die Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, einer Art Buchgemeinschaft der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. Diese Zeitschriftenbände beinhalteten einen Roman oder eine Novelle, eine historische Skizze und einen Wissenstext. Holtzbrinck war so erfolgreich, dass er von 1931 an ganz in das Geschäft der Zeitschriften- und Buchwerber umstieg. Im November 1932 rechnete er 836 neue Abonnenten ab, für die er 3762 Reichsmark Provision erhielt. Das Studium brach er ab, seine Kontakte nutzte er für die Vertriebsarbeit und heuerte dafür Studenten an. Damals begann die Zusammenarbeit mit August-Wilhelm Schlösser, seinem langjährigen Partner. Schlösser arbeitete seit 1928 als Vertreter für die Union Deutsche Verlagsgesellschaft.

Das schnelle Geld

Holtzbrinck verdiente 1932 rund 20.000 Reichsmark, also zirka 1667 Reichsmark im Monat. 70 Prozent der Ärzte mussten mit weniger als 170 Reichsmark auskommen. Allein im Januar 1933 verdiente er 4760 Reichsmark und hatte mehr als 16.000 Reichsmark auf dem Konto, was heute der Kaufkraft von ungefähr 160.000 Euro entspricht. Am 30.J uni 1933 waren es bereits 37.558 Reichsmark. Gemeinsam mit ihren Vertretern waren Holtzbrinck und Schlösser in ganz Deutschland unterwegs. "Wir lebten flott, logierten in noblen Hotels", notierte einer der Vertreter.

Im Januar 1934 wurden Schlösser und Holtzbrinck exklusiv mit der gesamten Zeitschriftenwerbung beauftragt und verpflichteten sich, jährlich 50.000 neue Abonnenten zu werben. Als sich der Markt veränderte und Einbußen drohten, erwarben sie die Deutsche Verlagsexpedition (Devex), eine Firma, die nur aus einem Namen bestand, die sie ausbauen wollten. Die Reichspressekammer sah die Devex als Neugründung an und verweigerte wegen eines generellen Verbots von Neugründungen die Zustimmung. Die Auseinandersetzung zog sich hin. Erst im Dezember 1936 wurde die Firma gegen eine Zahlung von 100 Reichsmark Strafe genehmigt. Das klingt, als hätte die "Devex" unter Druck der NS-Behörden gestanden, doch das Gegenteil sei der Fall gewesen, schreibt Garke-Rothbart. Die nachträgliche Genehmigung sei ein Entgegenkommen gewesen.

Flottes Leben in noblen Hotels

Holtzbrinck hatte sich mit der Partei gut gestellt. Die Genehmigung sei auch auf seinen Eintritt in die NSDAP, der 1933 oder 1935 erfolgte (die Quellen sind da widersprüchlich), zurückzuführen, wie Holtzbrinck später gesagt habe. Er erhielt die Mitgliedsnummer 2.126.353. Holtzbrinck war also zu einem frühen Zeitpunkt eingetreten, sein Partei-Engagement habe er allerdings "auf ein Mindestmaß beschränkt" (Garke-Rothbart). Um Aufträge zu erhalten, habe er gegenüber Wehrmacht, Staat und Partei wiederholt mit der Parteizugehörigkeit argumentiert. Zu Verhandlungen nahm er seinen Onkel Erich mit, einen Major, hochdekorierter Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges und Standartenführer des SS-Hauptamtes. Der beeindruckte mit seiner Uniform und erhielt Provisionen. Gegen Ende des Krieges soll Holtzbrinck gesagt haben: "Wenn es gutgeht mit dem Ausgang des Krieges, habe ich einen Onkel, welcher SS-Führer ist, wenn es anders kommt, einen nahen Verwandten in Amerika." Dort lebte ein anderer Onkel.

Schlösser wandte sich an die Privatkanzlei von Adolf Hitler und erhielt ein Empfehlungsschreiben. Damit sicherte sich die "Devex" einen Vertrag mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der mit 25 Millionen Mitgliedern größten und finanzstärksten NS-Massenorganisation. Die "Devex" leistete den Vertrieb der DAF-Zeitschriften Schönheit der Arbeit und Freude und Arbeit.

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