Holtzbrinck: NS-Vergangenheit Ein Onkel in der SS

"Belege opportunistischen Verhaltens": Ein Buch dokumentiert die bisher unbekannte NS-Vergangenheit des Verlegers Georg von Holtzbrinck.

Von Thomas Schuler

War Georg von Holtzbrinck ein Nazi, der Hitler und Goebbels unterstützte und davon profitierte? Jetzt liegt das Ergebnis einer Studie in Form eines Buches vor: "Zu unserem großen Bedauern", teilten die Kinder Monika Schoeller von Holtzbrinck, Dieter und Stefan von Holtzbrinck mit, sei das NS-Regime "in alle Lebens- und Arbeitsbereiche und damit auch in das verlegerische Handeln unseres Vaters eingedrungen".

"Nutznießer des Systems": Verleger Georg von Holtzbrinck.

(Foto: Foto: dpa)

Mit dem neuen Buch zur verlegerischen Rolle Georg von Holtzbrincks im Dritten Reich, heißt es weiter, werde ein "bislang weitgehend unbekanntes Teilstück der deutschen Buchhandelsgeschichte in der Nazi-Zeit bekannt. Im Interesse der erwünschten rückhaltlosen Aufklärung wurden alle in Familien- und Unternehmenshand befindlichen Materialien zur Verfügung gestellt und die akademische Arbeit unterstützt. In Summe erschlossen sich nahezu dreißig Archive zwischen Washington und Moskau, alle aufgefundenen Dokumente stehen der weiteren Forschung zur Verfügung."

Am 1. August 1948 schrieb Georg von Holtzbrinck einem Onkel in New York: "Jetzt liegt die Geschichte hinter einem." Er war erleichtert und fügte an: "Vergessen werden wir sie aber nicht."

Holtzbrinck sprach nicht vom Dritten Reich und den Untaten der Nazis, sondern von seinem Entnazifizierungsverfahren. Das war "moralisch viel deprimierender als die unmittelbaren Gefahren für Leib und Besitz, die der Krieg mit sich gebracht hatte", schrieb er.

Alles oder nichts

Es hat Gründe, dass für ihn die Entnazifizierung schlimmer war als die Zeit im Nationalsozialismus. Unter dem Aktenzeichen 37/1V/17542 begann im Jahr 1946 in Stuttgart ein Spruchkammerverfahren gegen Georg von Holtzbrinck. Dem 36-Jährigen wurde vorgeworfen, die Diktatur Adolf Hitlers mit seinen Zeitschriften, mit seiner Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens oder auch den Nationalsozialistischen Monatsheften unterstützt und vom Nazi-Regime profitiert zu haben. Gehörte Holtzbrinck zu den Belasteten der Kategorie II? Das sind Nutznießer des Unrechtsregimes, die sich persönliche oder wirtschaftliche Vorteile verschafften. Oder war er nur ein Mitläufer, wie er selbst und sein Verteidiger versichern?

Holtzbrinck sei "ein überzeugter Anhänger" der Nazis gewesen und "ist in die Gruppe der Aktivisten einzureihen", behauptete der Ankläger. Als Beleg führte er eine Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), im NS-Studentenbund, in der Reichspressekammer, vor allem aber die Mitgliedschaft in der NSDAP an. Georg von Holtzbrinck sei bereits 1935 in die Partei der Nazis eingetreten und habe damit automatisch als belastet zu gelten.

Für den Unternehmer ging es um alles oder nichts. Holtzbrinck beobachtete in den Nachkriegstagen auf seinen Zugfahrten nach Stuttgart viele hungrige Menschen, wie er einmal nach New York schrieb. Er hatte zu essen, er besaß sogar ein Auto, auch wenn er wegen Spritmangels damit noch nicht fahren konnte.

Zwei Jahre Angst vor Arbeitslager

Aber wie würde er nach dem Urteil dastehen? Stufte man ihn als Belasteter ein, wäre seine Karriere als Verleger beendet. Holtzbrinck drohten bis zu fünf Jahre Arbeitslager, der Verlust des Wahlrechts und des Vermögens. Der Ruin. Das Verfahren dauerte zwei Jahre. Sein Verteidiger erhob in 24 Fällen Einspruch. War Georg von Holtzbrinck ein Nazi, der eine gewichtige Rolle spielte für Hitlers Propagandaminister Goebbels? Bis heute beginnt die offizielle Unternehmensgeschichte 1948. Holtzbrinck überging in einem Geburtstagsband 1969 ("Das Buch zwischen gestern und morgen") die heiklen Punkte der Biographie und betonte, die Reichspressekammer habe die Schließung seines Unternehmens wegen Unzuverlässigkeit angedroht.

Die Wahrheit ist komplizierter. Seit das amerikanische Magazin Vanity Fair 1998 die Karteikarte seiner Parteimitgliedschaft abdruckte und ihm vorwarf, er habe die Ideologie der Nazis verbreitet, rätselt die Verlagswelt über die dunkle Vergangenheit von Georg von Holtzbrinck im Dritten Reich. 1998 lehnte es Sohn Dieter von Holtzbrinck ab, die Enthüllung zu kommentieren oder auf die Aktivitäten seines Vaters in der Nazizeit einzugehen. Davor war lediglich 1968 im Spiegel von Holtzbrincks Vergangenheit als "Ex-Pg", als ehemaliger Parteigenosse der NSDAP, die Rede. Der Hinweis wurde von Historikern offenbar übergangen und blieb folgenlos.

Verarmung als prägende Erfahrung

Erst als die in Gütersloh ansässige Bertelsmann AG auf Druck der Öffentlichkeit um 1998 ihre Legende vom Widerstandsverlag berichtigen musste, ließen Stefan und Dieter von Holtzbrinck die Geschichte des eigenen Hauses im Dritten Reich untersuchen. "Unsere Familie und unser Unternehmen haben Verantwortung, die Vergangenheit zu erklären", sagte Firmenchef Stefan von Holtzbrinck damals der New York Times. Die Erben handeln geschäftlich auch mit Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Denn zu Holtzbrinck gehören neben Buchverlagen wie S. Fischer und Rowohlt die Wochenzeitung Die Zeit, das Handelsblatt und der Tagesspiegel. Die sogenannte Schwarze Reihe bei S. Fischer fühlt sich der Aufklärung der NS-Zeit verpflichtet.

Der Journalist Thomas Garke-Rothbart, bis Ende 2008 bei der Thüringer Allgemeinen in Erfurt beschäftigt, forschte seit 1998 und legt jetzt mit dem Buch "... für unseren Bereich lebensnotwendig ..." (Verlag K.G. Saur) neue Erkenntnisse vor. Familie Holtzbrinck machte nicht nur Quellen und das Verlagsarchiv zugänglich, sondern finanzierte einen Teil der Forschung. Sie habe seine Arbeit aber nicht autorisiert, betont Garke-Rothbart. Das Buch sei eine unabhängige Darstellung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welchen Einfluss die NSDAP auf den Studenten Georg von Holtzbrinck hatte.