Teofila Reich-Ranicki ist tot Die Gefährtin

Teofila Reich-Ranicki teilte mit ihrem berühmt-kritischen Mann nicht nur die Liebe zur Literatur: Das Paar hatte sich im Warschauer Ghetto kennengelernt, geheiratet - und war in letzter Sekunde vor den Nationalsozialisten geflohen. Nun starb sie im Alter von 91 Jahren.

"Immer wieder haben wir versucht, unsere Trauer zu vergessen und unsere Angst zu verdrängen, immer wieder war die Literatur unser Asyl, die Musik unsere Zuflucht. So war es einst im Ghetto, so ist es bis heute geblieben": Diese Zeilen schrieb Marcel Reich-Ranicki zum 79. Geburtstag seiner Frau Teofila, genannt "Tosia", vor zwölf Jahren. Am heutigen Freitag berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass Teofila Reich-Ranicki im Alter von 91 Jahren verstorben ist. Der 90-Jährige Marcel- Reich-Ranicki bestätigte dies der Presseagentur dpa.

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila 2008 in der Paulskirche: Teofila Reich-Ranicki starb nun im Alter von 91 Jahren in Frankfurt.

(Foto: dpa)

Am 12. März 1920 in eine großbürgerliche jüdische Kaufmannsfamilie in Lodz geboren, war das Leben der jungen Teofila von Anfang an durch den Terror des Nationalsozialismus geprägt: Ihr Vater wurde enteignet und beging schließlich Selbstmord.

Sie selbst musste zwischen 1940 bis 1943 im Warschauer Ghetto Todesängste ausstehen - schließlich gelang ihr zusammen mit dem jungen Übersetzer Marcel Reich-Ranicki die Flucht, kurz bevor alle anderen Insassen ermordet wurden. Wie der autobiographische Film über Reich-Ranicki, verfilmt mit Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler in bewegenden Bildern erzählt, hatte sie ihren späteren Mann ausgerechnet an dem Tag im Ghetto kennengelernt, an dem sich ihr Vater unter den Demütigungen der Nazis das Leben genommen hatte. Die beiden heirateten im Ghetto. Nach ihrer Flucht übersiedelte das Paar in die Bundesrepublik.

Die Ereignisse haben sie und ihren Mann bis zum Ende ihres gemeinsamen Lebens zusammengeschweißt - bis zum Ende des zweiten Jahrtausends galt sie in den Medien schlicht als die Frau an seiner Seite. Doch schließlich, in den letzten Jahren ihres Lebens, begann sie sich selbst an die Öffentlichkeit zu wenden.

Im Jahre 1999 zeigte sie erstmals ihre Zeichnungen aus dem Warschauer Ghetto in einer Ausstellung, und bald darauf in Buchform: "Es war der letzte Augenblick - Leben im Warschauer Ghetto." Das Paar hatte eine Mappe mit den Zeichnungen auf abenteuerlichen Wegen aus dem Ghetto schmuggeln können - und ein halbes Jahrhundert unter Verschluss gehalten. Die Zeichnungen zeigen unter anderem bis auf die Knochen abgemagerte Kinder und prügelnde Nazis

Teofila Reich-Ranicki hinterlässt ihren Mann und einen Sohn.