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Holocaust-Gedenktag:Eine Geste des Hasses

Amir Benayoun

Holocaust-Gedenktag: Amir Benayoun soll vor den Vereinten Nationen singen.

(Foto: AP)

Am Holocaust-Gedenktag soll vor den Vereinten Nationen ein rassistischer Sänger auftreten, der alle Araber als Terroristen beleidigt. Das tritt das Erinnern mit Füßen.

Gastbeitrag von Lizzie Doron

Der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust wurde von den Vereinten Nationen 2005 eingeführt. Am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, wird er zum zwölften Mal abgehalten. Mit dem Gedenktag ruft die UN-Vollversammlung die Staaten aller Welt dazu auf, Lernprogramme zum Thema Holocaust zu entwickeln und einzuführen. Das jährliche Erinnern soll auch helfen, Versuche, die Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg zu leugnen, zu unterbinden. Außerdem ist der Tag ein Manifest gegen jegliche Ausländerfeindlichkeit und ethnisch oder religiös begründete Gewalt gegen Menschen.

Aber wie gedenken wir richtig des Holocausts? In den Fünfzigerjahren gab es das große Schweigen. Über den Holocaust wurde kaum ein Wort verloren. Es war auch ein Schweigen, weil vielen die Worte fehlten, um den Horror der Massenvernichtung in Worte zu fassen. Auch scheute man sich, die blutende Wunde zu öffnen. Erst in den Sechzigerjahren begann man zu sprechen, zaghaft zunächst. Dann immer öfter. Die Zeugenberichte der Überlebenden über die von Menschenhand geschaffene Hölle ließen kein Schweigen mehr zu.

Als Tochter einer Holocaust-Überlebenden ist es mir leider nie gelungen zu erfahren, was meine Mutter hat durchmachen müssen. Bis zu ihrem Tod zog sie es vor zu schweigen. Es gab durchaus Momente, da brach sie ihr Schweigen, mit zarten Andeutungen. Niemand hätte dieses Inferno überleben können, sagte sie manchmal, wenn es nicht auch Menschen gegeben hätte, die einem die Hand gereicht haben. Menschen, die davon überzeugt waren, dass Leben den höchsten Wert besitzt, ungeachtet von Religion, Herkunft, Nationalität. Meine Mutter mochte auch keine Erinnerungsrituale, wie sie zum Holocaust-Gedenktag in Israel jedes Jahr im Frühling stattfinden. Sie sagte, diese bestünden lediglich aus Liedern, Reden und Gebeten, die in der Vergangenheit verhaftet seien, aber keine neuen Vorstellungen für die Gestaltung der Zukunft beinhalteten.

"Was genau wünschst du dir denn stattdessen?", meckerte ich.

Es war mir schleierhaft, wie man die Gedenkveranstaltungen kritisch sehen konnte. Ich mochte sie. In den Sechzigerjahren hatte ich als junges Mädchen in Israel stets führende Rollen bei den Zeremonien eingenommen.

"Ich möchte Kontinuität sehen", antwortete meine Mutter.

"Kontinuität von was?" Ihre vagen Aussagen machten mich rasend.

"Beim Erinnern und Zurückblicken ist die Zukunft nicht weniger wichtig als die Vergangenheit", gab sie zurück.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Unzählige Holocaust-Studien und wissenschaftliche Arbeiten haben seitdem Deutschlands Rolle bei der Massenvernichtung von Juden untersucht, haben die Führer der nationalsozialistischen Herrschaft und die ihnen folgenden Menschen beschrieben, die Vernichtungslager, die Morde, das Töten, den Hass, die Diskriminierungen, das Gefühl der (angeblichen) Überlegenheit und die schrecklichen Konsequenzen aus alldem. Es ist sehr wichtig, an diese Zeit, diesen Schrecken zu erinnern. Aber nur zurückzublicken, nur zu analysieren, was war, bedeutet nicht automatisch auch einen Wechsel in den Haltungen und Auffassungen heute. Die Holocaust-Gedenktage sind essenziell, aber sie bleiben tatsächlich, wenn man sie nicht mit einer Zukunftsagenda füllt: ein Lied, eine Rede, ein Gebet. Nichts sonst.

"Die Wahl der israelischen Regierung bereitet mir schlaflose Nächte."

Jedes Jahr beobachte ich dieses routinierte Gedenken an die Verbrechen des Holocaust, schweigend, zuschauend, hinnehmend. Bis zu dem Moment vor ein paar Wochen, als Israels Regierung bekannt gab, wer am diesjährigen Holocaust-Gedenktag im UN-Hauptquartier in New York Israel repräsentieren wird: Amir Benayoun, ein israelischer Sänger, der das Lied "Ahmed liebt Israel" komponiert hat.

Das Lied handelt von Ahmed, einem arabischen Studenten, der in Jerusalem lebt und einen terroristischen Angriff auf Juden plant. Benayoun singt davon, der Student wolle Juden mit einer Axt töten. Die Veröffentlichung des Liedes löste vor drei Jahren eine heftige Diskussion aus in Israel, das Büro des israelischen Präsidenten lud den Sänger von einer geplanten Feierlichkeit sogar aus.

Schriftstellerin Lizzie Doron

Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron, Tochter einer Holocaust-Überlebenden, lebt in Tel Aviv. Zuletzt veröffentlichte sie bei dtv das Buch „Sweet Occupation“.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Die Wahl der israelischen Regierung, ausgerechnet diesen Sänger bei der Holocaust-Gedenkveranstaltung der UN Israel repräsentieren zu lassen, bereitet mir jetzt schlaflose Nächte. Auch das Schweigen der vielen Organisationen und Politiker, die sich für die Rechte von Holocaust-Überlebenden einsetzen, irritiert mich. Ich frage mich und alle anderen: Wer darf die Erinnerung an den Holocaust repräsentieren? Wer darf die Erinnerungsfackel weiterreichen an die nachfolgenden Generationen? Ein israelischer Jude etwa, der alle Araber mit einem Lied zu Terroristen macht?

Im vergangenen Jahr hat die Zahl der syrischen Flüchtlinge die magische Zahl von fünf Millionen überschritten, und mehr als 15 000 Syrer sind durch Bomben und Explosionen ums Leben gekommen. Syrien ist nur ein Kriegsschauplatz von vielen. In vielen Ländern dieser Erde nehmen nationalistische Tendenzen zu. Hass auf Minderheiten greift weltweit um sich, Staatsoberhäupter missbrauchen Polizei- und Armeekräfte, um Demokratiebewegungen zu unterdrücken, Frauen und Minderheiten wie Schwule und Lesben kämpfen noch immer um ihre Rechte - ein Weltfrieden liegt in sehr weiter Ferne.

"Ich wünsche mir am 27. Januar eine Zeremonie, in der Hass eine Absage erteilt wird."

Dass man vor dem Hintergrund dieser Weltlage den Schöpfer eines rassistischen Liedes vor der UN-Vollversammlung auftreten lassen will, macht mich wütend. Wir dürfen diesen Holocaust-Gedenktag nicht jenen überlassen, die ihn instrumentalisieren für ihre politische Agenda und für ihren Versuch, Hass und Vorurteile zu säen. Intellektuelle, Menschenrechtler und Opfer von Hass und Diskriminierung sollten an Schoah-Gedenktagen reden und mahnen und erinnern. Beim Erinnern müssen wir den Fokus darauf legen, was zu Hass und Verfolgung geführt hat und dass es nie wieder dazu kommen darf. Es sollen jene die Erinnerungsfackel tragen und weiterreichen, die sich durch ihre Taten und ihre aufrechten Haltungen für Freiheit und Gleichberechtigung einsetzen.

Ich wünsche mir am 27. Januar eine Erinnerungszeremonie, in der Hass eine Absage erteilt wird. Eine Zeremonie, in der wir die Hand jenen reichen, die anders sind. Zeremonien also, in denen, wie es meine Mutter sich gewünscht hat, die Zukunft nicht weniger wichtig ist als die Vergangenheit.

Übersetzt von Thorsten Schmitz.

© SZ vom 24.01.2018/biaz

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