Holocaust-Film "Lauf, Junge, lauf" Kind in Zeiten des Krieges

Szene aus dem Film "Lauf, Junge, lauf" von Pepe Danquart mit Andrzej Tkacz.

Yoram Fridman floh mit acht Jahren aus dem Warschauer Ghetto und schlug sich bis Kriegsende in den Wäldern durch. Der deutsche Oscar-Preisträger Pepe Danquart erzählt in "Lauf, Junge, lauf" akribisch die Geschichte des Überlebenden. Nun ist der Film in Polen angelaufen - und wird bislang gut aufgenommen.

Von Klaus Brill, Warschau

Große Abenteuerfilme sind Fiktion, meistens. Auch wenn ihr ganzer Reiz darin besteht, dass es so gewesen sein könnte. Die Imagination erschafft sich ihre zweite Realität. Beruht das Werk auf einer "wahren Begebenheit", dann verlangt schon die Umsetzung komplexer Sachverhalte und Prozesse in Dialoge und Spielszenen eine Verdichtung, die über die Details des wirklichen Geschehens mitleidlos hinwegmarschiert. Überdies nehmen sich die Drehbuchschreiber oft die Freiheit, Charaktere neu zu modellieren, neue Handlungsstränge einzuflechten und dramatisch aufzuputzen. Am Ende wird die Chose noch durch eine fiktive Romanze erotisch aufgeladen. Und dann, so hoffen sie, kommt das junge Publikum ins Kino.

Bei diesem Film ist das anders. "Alle Szenen habe ich genau so erlebt", sagte am Mittwoch in Warschau bei der Weltpremiere von "Lauf, Junge, lauf" des deutschen Oscar-Preisträgers Pepe Danquart der 79-jährige Yoram Fridman. "Nicht eins zu eins, aber zu 90 Prozent plus ist es genau so gewesen." Der Mann muss es wissen, denn es sind drei dramatische Jugendjahre seines Lebens, die der Berliner Regisseur und Produzent verfilmt hat.

Yoram Fridman wurde 1934 als Jude in einem Dorf bei Warschau geboren. Als Achtjähriger konnte er 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, aus dem Warschauer Ghetto fliehen und so der Gewalt der deutschen Besatzer entkommen. Bis zum Kriegsende 1945 schlug er sich in den umliegenden Wäldern durch. Er schlief in Erdlöchern, er watete durch Schlamm und Schnee, er hungerte und fror und litt unter der Einsamkeit. Immer wieder klopfte er bei Bauern an die Tür. Von manchen wurde er barsch abgewiesen oder gar hereingelegt, von anderen aber aufgenommen, liebevoll betreut und vor den deutschen Soldaten und SS-Offizieren versteckt.

Kein Kitschfilm à la Hollywood

Diese Erlebnisse verarbeitete der israelische Autor Uri Orlev zu einem Jugendbuch, das 2002 erschien und ein Weltbestseller wurde; die deutschsprachige Ausgabe ("Lauf, Junge, lauf") liegt derzeit in neunter Auflage vor. Orlev ist ebenfalls als Jude in Polen geboren, war ebenfalls im Warschauer Ghetto und wurde ebenfalls von polnischen Familien versteckt.

Den deutschen Filmemacher Pepe Danquart, der seinen Oscar 1994 für den besten Kurzfilm erhielt, hat dieser Tatsachenroman als "eine tief bewegende, historisch wahre Geschichte" geradezu elektrisiert. Er beeindruckte den Autor Orlev und Yoram Fridman mit seinem Charme und seinen bisherigen Werken so sehr, dass sie ihm gegen große Konkurrenz die Filmrechte übertrugen. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Fridman im Gespräch. Die Tatsache, dass Danquart ein Deutscher war, schlug nicht negativ aus, im Gegenteil. Das Schuldbewusstsein heutiger Deutscher bot Fridman nach eigenen Worten die Gewähr, dass das Werk kein Kitschfilm à la Hollywood werden würde.

Der ist es in der Tat nicht geworden, sondern eine fesselnde und bewegende Erzählung von 108 Minuten Länge (der Trailer ist hier zu sehen). Keine einzige Minute ist überflüssig, wenngleich man das Ende mit dem glücklichen Ausgang als Erlösung empfindet: Der jüdische Junge verliert einen Arm, doch er überlebt. Man sieht ihn am Ende "in echt" als alten Mann mit Ehefrau, Kindern und Enkeln am Strand in Israel. Von der rechten Schulter baumelt ein leerer Hemdsärmel herab.

Pepe Danquart vermisst das Geschehen in zwei Dimensionen. Parallel zur äußeren Abfolge der kindlichen Heldenreise entfaltet sich ein innerer Identitätskonflikt, viel zu groß für einen kleinen Jungen. Um zu überleben, muss er sein Judentum verleugnen, das hat ihm der Vater in höchster Gefahr eingeschärft: "Du musst alles vergessen, aber nicht, dass du ein Jude bist."