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Hollywood:Superheldin Ruth

In den USA sind in diesem Jahr wieder viele Filme ganz ohne Spezialeffekte erfolgreich. Womit die großen Studios in ihrem Glauben widerlegt werden, dass die Zuschauer nur noch für Blockbuster das Haus verlassen.

Von Susan Vahabzadeh

Seit Jahren wird darüber diskutiert, warum die Besucherzahlen in Filmtheatern rückläufig sind. Überall. Und ist ja wahr, dass immer weniger Leute ins Kino gehen. In Deutschland waren es im vergangenen Jahr 122 Millionen, aber auf 177 Millionen verkaufte Tickets, wie beispielsweise 2001, hofft heute niemand in der Kinobranche mehr. Das erste Halbjahr 2018 lässt sogar einen dramatischen Rückgang um 15 Prozent vermuten. In Amerika hat man rechtzeitig ein Mittel erfunden, sich um die Wahrheit zu drücken. Dort werden die Dollars gezählt und nicht die Besucher; es müssen also nur die Ticketpreise erhöht werden, damit die Verbände von einem Rekordsommer reden zu können. Was in den USA regelmäßig passiert, wahrscheinlich auch dieses Jahr, obwohl auch dort die Besucherzahlen rückläufig sind. Dieses Jahr, findet man bei Variety, könnte sich als stabil erweisen. Und das wäre, wenn man ehrlich ist, das beste Ergebnis seit Jahren.

Ein Löwenanteil der Zuschauer verteilt sich auf nur sehr wenige Filme, in diesem Jahr waren beispielsweise "Black Panther" und "Avengers: Infinity War" die Publikumsrenner. Bei Variety bemerkte man aber auch einen anderen Trend, der den gewöhnlichen Weisheiten der großen Hollywoodstudios - wenn es keine großen Spezialeffekte zu sehen gibt, geht keiner dafür ins Kino - widersprechen. Es sind in den USA in diesem Sommer eine ganze Reihe von Filmen angelaufen, die im Kino beachtlichen Erfolg hatten, obwohl kein großes Studio sie produziert hätte.

"Eighth Grade" beispielsweise, über eine Achtklässlerin, die auf Youtube Ratgeber-Videos postet, wie man sein Selbstbewusstsein zur Schau stellt, obwohl sie selber gar keins hat. Der Horrorfilm "Hereditary", in dem Toni Collette anfängt, nach dem Tod ihrer Mutter Gespenster zu sehen. Auch Spike Lees "Blackkklansman" ist ein unabhängig produzierter Film, Lees größter Kinoerfolg seit vielen Jahren.

Diese Werke, ein Dutzend etwa, haben beachtliche Summen eingespielt, "Hereditary" beispielsweise 44 Millionen Dollar. All diese Filme haben natürlich auch nur ein Bruchteil eines Superheldenfilmbudgets gekostet.

Die These der Studios in Hollywood lautet: Vor allem Streaming-Dienste sind die Konkurrenz des Kinos. Wenn es also darum geht, jemanden vom Netflix-Bingewatching abzubringen, muss man Bilder produzieren, die nur auf der großen Leinwand ihre Macht entfalten - Fantasiewelten, fliegende Superhelden, große Schlachten und Massenszenen, die Cecil B. DeMille vor Neid erblassen ließen.

Das ist sicher richtig, aber das Kino bietet noch etwas anderes - ein Gemeinschaftserlebnis, dass sich auch dadurch nicht herstellen lässt, dass man sich zum Bingewatching Freunde auf die Couch einlädt. Der beste Beleg für die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist vielleicht der Erfolg von "RBG", auch so ein Film, der seit Wochen in nur ein paar Dutzend Kinos läuft und sich so mindestens eine Million Zuschauer zusammengesammelt hat. "RBG" ist ein biografischer Dokumentarfilm, in dem die 85-jährige Ruth Bader Ginsburg, Richterin am obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, aus ihrem Leben erzählt. Sie ist für viele liberale Amerikaner, vor allem Frauen, auch so eine Art Superheldin - aber dass Leute sich diesen Film im Kino ansehen, hat mit Spezialeffekten gar nichts zu tun.

© SZ vom 23.08.2018

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